Auch dieser Tag wird nicht in die Geschichte eingehen, und das ist schändlich. Er hat das Bahnfahren angenehmer gemacht und Kinder glücklich, er sorgte sich um das Wohl von Sanitärinstallateuren, die Zukunft junger Tierärzte und um die Kompetenz von Treuhändern, er brachte das Schiesswesen voran sowie Ordnung ins Unihockey-Spiel, vielleicht muss man sich bald weniger über einfältige Werbebriefe ärgern und seltener über die ewiggleichen Poncho-Panflötler an der Strassenecke.
Das alles, und mehr, hat dieser eine einzige Tag im Bahnhofbuffet Olten für das Fortkommen der Schweiz getan. Aber der Radar der Geschichte ist ein Grobian. Er erfasst nur sogenannt wichtige Personen, grosse Orte, bedeutende Ereignisse. Olten also grundsätzlich nicht. Viel zu selten jedenfalls. Dabei gehört ein Denkmal hingestellt: für den unbekannten Sitzungsteilnehmer. Denn die Sachbearbeiter, Ausschussmitglieder, Sektionsvertreter, Kursabsolventen, Vereinsvorstände, die an diesem und allen Tagen des Jahres nach Olten strömen – sind nicht sie es, die das Land am Funktionieren halten? Helden des Kompromisses, Hüterinnen des Details, Titanen der kleinen Schritte. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie machen die mühselige Kleinarbeit dazwischen. Das Denkmal sei vor dem Bahnhofbuffet zu errichten, zwischen Gleis 4 und 7.
Der Tag beginnt um acht Uhr morgens mit Kaffee crème, Tee, Früchteschale und einer Folie auf dem Hellraumprojektor: «Bauvorhaben Dritter.» Vier Männer besprechen im Clubroom das weitere Vorgehen. Es ist die zweitletzte Sitzung der Arbeitsgruppe Trasseesicherung. Alle arbeiten in der SBB-Division Infrastruktur, einer in Zürich, drei in Bern, von diesen wohnt einer in Zürich und einer in Aarau, der Fünfte, aus Basel, ist leider krank. Einer schlägt vor, «Objekt in Liste?» durch «Netz- oder Strategiebezug?» zu ersetzen, einer wirft den Zusatz «für Ausbauvorhaben» in die Runde, einer möchte dringend an «Netzkapazität» festhalten und einer, «dass wir möglichst einfach bleiben». PM-LKM nimmt entgegen und bearbeitet die Anfrage in Vertretung von VKM und ASM, allenfalls in Rücksprache mit den OE. Das Schema muss klar sein, ist man sich einig, denn den ganzen Bericht liest sowieso wieder niemand.
Im Martins-Saal einen Stock höher empfiehlt der Referent den Teilnehmern des Marketingleiter-Intensivkurses, an den Prüfungen die Aufgaben präzise zu lesen, «und auch wenn nicht danach gefragt wird: Schreiben Sie immer etwas von den Kosten, das macht Eindruck!». Nebenan füllen Treuhand-Lehrmeister drei Räume, auch sie haben viel Papier vor sich, zweimal links gelocht, ebenfalls Elmer Mineralwasser, Flipchart, Früchteschale. Sie machen sich mit der neuen kaufmännischen Grundbildung vertraut, mit Leistungszielkata- logen, Prozesseinheiten. Das tönt nur so lange beelendend fad, bis man erfährt, dass eine Prozesseinheit in der Bestellung und Auslieferung einer Kaffeemaschine bestehen kann. Die Sozialpartner des Heizungs-, Lüftungs-, Klima-, Spenglerei- und Sanitärinstallations- gewerbes bereiten sich getrennt auf die Gesamtarbeitsvertragsver- handlungen vor, im Hilari-Saal hören sämtliche Bahnhofvorstände der Betriebsführungsregion Solothurn-Aargau ihren Chefs zu, im «Munzinger» koordiniert der Verein Kinderkonzerte mit den Sponsoren die Bedürfnisse. Es gilt, sie in Einklang zu bringen. Acht Säle, alle besetzt. Auch unten im Restaurant tauschen Menschen jene zuvielsilbigen Worte aus, die erst das Sitzen zur Sitzung machen. Gipfelikrümel fallen auf chlorfreie A4-Blätter. Bleiben wir zielsetzungsorientiert.
Die erste Oltner Regel lautet: Niemand hat Heimvorteil. Schiedsrichter ist der gesunde Menschenverstand. Jedes Spiel hat unentschieden zu enden.
Es soll Schweizerinnen und Schweizer geben, die noch nie an einer Zusammenkunft in Olten waren. Viele können es nicht sein. Der Computer des Bahnhofbuffets, das zum italienischen Autogrill-Konzern gehört, listet zurzeit 6103 Kunden auf. Nummer 1 bezeichnet die Alternative Bank, die vorerst letzte das Christliche Gebärdenlexikon. Dazwischen samt und sonders alles: Bodenkundliche Gesellschaft, Pfadibewegung, Modegewerbe-Verband, Forum Jugend und Armee, Forum Medizin und Energie, Cousintreffen Walthert, Pro Natura, Pro Renova, Pro Tell, Pink Cross, Green Cross, Rotes Kreuz, jede Partei, jede Gewerkschaft, jedes Amt, jede Glaubensrichtung, jede Hunderasse, jede Menge Buchstaben: CCS, CDK, CGIL, CJRC, CSEM, IAFG, IMZ, IGBA, IKAÖ, SAA, SAB, SABZ, SAFV, SAHF, SCMV, SVEHK, SVRKD, VAD, VAM, VRKS. In jeder Abkürzung steckt ein organisiertes Anliegen. Zusammen bilden sie das Genom der statutarischen Schweiz.
Um 10.15 Uhr räumen die nun vereinigten Arbeitgeberwerkschafter konstruktiv die Zweifel aus, ob der Raum Riggenbach lange genug reserviert sei. Bis 16.30 Uhr, dann übernimmt der Panflötenkurs. Ein Kellner serviert die Menuauswahl für das Mittagessen zwecks frühzeitiger Evaluation von Tagesteller 1, Unser Hit und Speziell für Sie! Schnell ist man sich einig, dass wir nichts übers Knie brechen, vernünftig zum Ziel kommen wollen. Ein Güterzug eilt dahin, im Säli legt sich der Arbeitsfriede über die Früchteschale.
Das ist die zweite Oltner Regel: Wer hier aussteigt, hat sich in der Mitte schon gefunden.
«Wir wollten ganz viel von allem. Und nur keine Kompromisse», erinnerte sich Adolf Muschg an die Gründung der dissidenten Gruppe Olten vor 32 Jahren im Bahnhofbuffet Olten. Peter Bichsel, der den Namen erfunden hatte, zog zum Verdruss mancher Schriftstellerkollegen eine ernüchternde Bilanz über Anspruch und Wirklichkeit: «Ich habe mich sehr schnell über die Vereinsmeierei geärgert. Plötzlich ging es vor allem darum, einem Verein anzugehören.»
Keiner entgeht dem Sog Oltens. Er schwemmt den Konflikt zum Konsens, lässt Visionen in Statuten gurgeln und saugt alles Chaos in einen Bundesordner. Olten, Ihre nächsten Anschlüsse: Realität, Machbarkeit, Ist-Zustand; die Endstation Sehnsucht wird nicht bedient. 1990 erschien das Buch «Olten, alles aussteigen», worin eine sehr fortschrittliche, sehr gerechte Schweiz im Jahr 1997 geschildert wird. Dieses Utopia heisst nicht mehr Schweiz, es heisst Olten. «An Olten gefällt mir vor allem», schreibt Mitautor Daniel de Roulet, «dass hier die Welt nicht als Flut von Details, sondern ausgehend von grossen Prinzipien neu erfunden wird.» Daniel de Roulet war der letzte Präsident der Gruppe Olten. Sie hat sich am 12. Oktober 2002 aufgelöst.
Am Nachmittag sind die Treuhänder bei «korrekt bezeichneten Teilschritten» und «verlangter Anzahl Teilschritte» angelangt, die Bahnhofvorstände wenden sich der ESI up to date zu, die unter anderem das Formular Memo R 43.2 ersetzt, zu bearbeiten durch I-BF-OL SO. Im Clubroom hat die Trasseesicherung der Unsicherheit Platz gemacht, ob die Stiftung Verkehrsclub der Schweiz das Reglement ändern muss, das haben wir doch erst grad gemacht, Herrgott, ist das kompliziert. Das Ringen um den Gesamtarbeitsvertrag, ab Punkt 35, nimmt nach dem paritätisch eingenommenen Mittagessen seinen Lauf.
«Olten entwickelte sich in den letzten Jahren zunehmend als Tagungs-, Konferenz- und Ausbildungszentrum», vermeldet die Wirtschaftsförderung. Das war es allerdings schon immer. Die unvollständige Liste des Stadtarchivs von nationalen Organisationen, die hier gegründet wurden, beginnt 1780 mit der Militärgesellschaft, es folgen Alpenclub (1863), Gewerkschaftsbund (1880), Freisinnige Partei der Schweiz (1894), Evangelischer Kirchenbund (1920) und Dutzende mehr. An ihrem Gründungsort, dem Bahnhofbuffet, hat die Vereinigung kantonaler Feuerversicherungen im Februar ihr rundes Jubiläum unter dem Motto «100 Jahre zeitgemäss» mit einem Fondue-Plausch begangen.
«Tagungsort par excellence» ist Olten, wie eine Infotafel bei der Post rühmt, das Bahnhofbuffet ein solcher unter vielen. Auch sind hier mehrere nationale Ausbildungsstätten von Firmen und Verbänden angesiedelt – und die skurrilste Parteizentrale der Schweiz: «Ich bin im Moment am Arbeiten. Bitte sprechen Sie. Nehmen wir auch dann nicht ab, dann sind wir auch nicht da», meldet sich der Telefonbeantworter des Poch-Zentralsekretariats an der Aarauerstrasse 80. Die Poch gibt es seit Jahren nicht mehr.
Der Sitzungstourismus bringt Umsatz in die Stadt, das freut auch die Behörden: «Dass Olten als Treffpunkt für verschiedenste Organisationen genutzt wird, wird vom Stadtrat grundsätzlich begrüsst und entsprechend gefördert.» Doch das Grundsätzliche trifft nicht zwingend auf das Spezielle zu. Die dritte Oltner Regel heisst: Teflon. An Olten darf nichts kleben bleiben.
Dagegen verstösst in gleichgültiger Penetranz das Oltner Bündnis. Gegründet in Olten, gerichtet gegen das Weltwirtschaftsforum in Davos. Anfang Jahr sah sich der Stadtpräsident zur öffentlichen Klarstellung veranlasst, dass Olten nicht in den Bündner Bergen liege: «Das Oltner Bündnis unter der Leitung einer externen Szene – es ist dem Stadtrat nicht bekannt, dass sich Oltner Persönlichkeiten unter den Exponenten des Bündnisses befinden würden – hat keinen Bezug zur offiziellen Stadt und Region Olten.» Die häufige Nennung des Städtenamens im Zusammenhang mit Anti-WEF-Aktionen trage «in keiner Weise zu der Imageverbesserung bei», auf welche die Stadt Olten «seit Jahren intern und extern intensiv und zielstrebig» hinarbeite.
Immerhin schreibt das Oltner Bündnis den Namen richtig. Das legendäre Gremium, das von Olten aus den Schweizer Generalstreik von 1918 initiierte, nannte sich Oltener Aktionskomitee. Oltener! Schon damals hielt die Stadtregierung fest, dass dem aufrührerischen Komitee keine Einheimischen angehörten. Schon damals protestierte man «gegen den Missbrauch des Namens der guten Stadt Olten».
Kukuck, Kukuck, ruft’s aus dem Wald, als am Abend Panflöten die Restharmonie im ehemaligen Verhandlungsraum zum Klingen bringen. Anfängerkurs siebte Lektion, fünf hingebungsvolle Frauen, eine Lehrerin in weissen Socken mit Musiknotenmuster, ein Hund liegt unter dem Tisch, das ist aber schon bei der Sektion Assistenztierärzte und Assistenztierärztinnen nebenan, der Vorstand verteilt die Ressorts und befasst sich mit den Projekten QS und ISO-Zertifizierung, bei der Regionalliga-Präsidentenkonferenz des Unihockey- Verbands steht die Frage streng im Raum, warum ein Plakat falsch ins Französische und das Lizenzreglement überhaupt nicht ins Italienische übersetzt wurde, während es sich die Gönnervereinigung der Schützen- Nationalmannschaft trotz Wachablösung an der Spitze nicht nehmen lässt, weiterhin den Schiesssport und seine Anerkennung in der Öffentlichkeit zu fördern.
Der Letzte löscht das Licht am Hellraumprojektor. Morgen beginnt ein neuer Tag im Bahnhofbuffet Olten, das ist so sicher, wie am Ende jeder Sitzung die nächste anberaumt wird. Schon jetzt: Danke, danke, danke.