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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Im Märchenschloss

© Heinz Unger
Hausaltar und Puppenstube: In der Küche wartet Schneewittchen auf die Zwerge. Linktext
Ein Pärchen mit morbidem Charme? Ein Nachkomme aus einer Ärztedynastie?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

In der Küche gibt es statt Bratenduft einen Wohlklang aus dem Plattenspieler, zu dem Schneewittchen und Barbie das Tanzbein schwingen. Die Küche ist Puppenstube oder Hausaltar mit einer guten Portion Kitsch, Pfiff und Ironie. Der Blick himmelwärts auf die Galerie mit Grüngehänge verstärkt den morbiden Charme dieses Refugiums, einzig Schneidbrett und Gemüsehobel neben der Spüle sind profane Nutzdinge. Wer sich in seinem Heim eine solche Installation leisten kann, ist nicht arm, hat Sinn für Humor und hier vielleicht seine romantische Kuschelecke im Daheim untergebracht.

Die anderen Räume sind cool, eher dem Understatement zugetan. Man leistet sich Raum und lebt trotz Grandezza eine stilvolle Zurückhaltung. So viel Platz für einen allein? Hier leben vermutlich zwei, die zusammengehören und wo jeder dem andern sein Reich lässt.

Auf dem Tisch stehen stilvoll Blume und Kerzen, Figurenkonferenz daneben, wo sonst wohl Konferenzen anderer Art stattfinden. Postkarten mit persönlichen Erinnerungen, eine weibliche Bildergalerie, da bringt einer der Bewohner die verspielte Note rein. Das Arbeits- und Schlafzimmer ist nüchtern mit einem Schuss Ironie eingerichtet. Diverses Spitalmobiliar ist zu entdecken, eine Ständerlampe, die uns an Infusionsständer erinnert, Spitalrolli, Nierenbecken – vielleicht jemand aus einer Ärztedynastie? Oder hat das Haus selber eine Klinikvergangenheit? Gesundeten hier betuchte Privatpatienten?

Die Bewohner schätzen die reiche Geschichte ihrer Räume, sind auch in ihrem Beruf mit Geschichten und Kunstwerken vertraut. Der ausladende Tisch lässt auf ebenso spannende Treffen schliessen. Hier diskutiert, denkt und arbeitet ein creative team und sieht sich wohl auch zum Essen. Festlich gekocht wird aber nicht in Barbies Tanzpalast.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Räumlich spannend ist die zweigeschossige Küche: Der gefangene Raum, der vermutlich ohne Tageslicht auskommen muss, ist üppig dekoriert. Eine aus Kunststoffteilen zusammengesteckte Pendelleuchte aus den 1960er Jahren verbreitet dazu eine angenehme Atmosphäre. Eigentlich ist es keine richtige Küche. Der Boiler und das Handwaschbecken müssen später dazugekommen sein und wollen nicht so recht passen. Ebenso das improvisierte Geschirrbuffet, ein typischer Küchenschiebetürschrank aus den 1950ern, eine Kombination aus Holzfurnier, farbigem Kunststoffbelag und schwarzen Kanten.

Obschon der Küchenbereich klein ausgefallen ist, sind die Bewohner auf viele Gäste eingestellt. Im Esszimmer stehen zwölf Bugholzstühle um einen langen Tisch. Wären da nicht persönliche Gegenstände, könnte man glauben, man befinde sich in einer Landbeiz. Die Rundbogenfenster, die tiefen Fensterlaibungen und die Vorfenster lassen ebenso auf einen ländlichen Standort schliessen. Radiatoren unter den Fenstern sucht man vergebens. Wird mit Holz geheizt?

Im Gegensatz zur Küche ist das Schlafzimmer sehr schlicht in Weiss gehalten. Einige Möbel, etwa der Arbeitsstuhl, der Servierboy aus Stahlrohr und die fahrbare Leuchte lassen an ein Spitalzimmer denken, wäre da nicht ein Fischgratboden. Das zurückhaltende Schlafzimmer kontrastiert mit der üppigen Küchenausstattung, wodurch die Wohnung uneinheitlich wirkt. Gut möglich, dass hier zwei unterschiedliche Menschen gemeinsam zu wohnen versuchen.

Stefan Zwicky


Chantal Michel, 38, Künstlerin

«Ich bin gern allein. Mein Zuhause ist mein Reich, in dem ich die Sicherheit habe, ungestört zu sein. Ob ich deshalb erst beim dritten Mal läuten die Haustür geöffnet habe? Ich habe nichts gehört. Wenn die Sonne in mein Büro scheint, schliesse ich die Tür, um die Wärme zu speichern. Da ich keine Heizung habe und beim Versuch, einen Elektroofen anzuschliessen, sofort die Sicherungen herausfliegen, bin ich auf die Sonne angewiesen. Im Winter wäre es ausgeschlossen, Gäste zu empfangen, dafür ist es viel zu kalt.

Den grossen Tisch im Wohnzimmer nenne ich meinen Schneewittchentisch, der auf die sieben Zwerge wartet, die dann doch nie kommen. Mir genügt der Gedanke, rein theoretisch Gäste haben zu können. Damit bin ich glücklich.

In den Märchenszenen, die ich auf dem Esszimmertisch, in der Küche und im Badezimmer aufgebaut habe, hat jede Figur ihren Platz und ihre Aufgabe. Der Polizist am Spülbeckenrand passt auf, dass ich sauber abwasche, und Kasperli greift ein, wenn ich Blödsinn mache. Die Figuren sind die einzigen Wesen, die ich um mich herum auf Dauer dulde.

Natürlich findet auch ab und zu ein Ritter den Weg in mein Schloss, für den wird dann richtig gut gekocht. Vier Gänge sind durchaus möglich – auch wenn ich in der Küche nur zwei Kochplatten habe. Ich liebe solche Abende. Für diese Art der Zweisamkeit würde ich fast mein Prinzessinnendasein aufgeben. Aber nur fast. Ich brauche viel Zeit und Ruhe für mich und meine Arbeit. Es wäre schwierig für mich, Kompromisse einzugehen, allein die Vorstellung, dass jemand eigensinnig meine Figuren umplacierte, unmöglich.

Als ich vor sieben Jahren in dieses Haus, mitten in der Altstadt von Thun, einzog, stand es seit fünfzehn Jahren leer. Mich faszinieren verlassene Gebäude. Es sind Orte, die Fragen aufwerfen, Orte voller Geschichten und Mysterien. Ich liebe es, sie aufzuspüren und zuzuhören, was sie mir zu sagen haben.

Früher war Sammeln mein Hobby, heute ist es Wegwerfen, das ist befreiend und macht mir richtig Spass. Bald ziehe ich nach Bern um, da die Hausbesitzerin das Haus komplett überholen lässt und danach selbst einziehen möchte. Ich fand es phantastisch, dass sie mich all die Jahre für 500 Franken monatlich hier hat wohnen lassen. Natürlich hatte ich keine Heizung, der Wasserhahn im Badezimmer funktionierte nicht, und gleichzeitig Staub zu saugen und Musik zu hören, war unmöglich. Das hätte ich mir manchmal anders gewünscht, aber bei dem Mietzins beklage ich mich nicht. Es war ein wunderbarer Lebens- und Arbeitsort.

Ich hatte bereits einen Mietvertrag für eine neue Wohnung. Nach einer Übernachtung bin ich wieder ausgezogen. Bei der Besichtigung hatte ich mich in die Wohnung verliebt, aber als ich meine Kisten abgeladen hatte, merkte ich: Ich und diese Wohnung, das geht nicht. Jetzt ziehe ich in eine Dachwohnung in Berns Altstadt. Die Wohnung ist bereits gestrichen. Bisher habe ich das immer selber gemacht. Mir ist wichtig, dass jedes Zimmer seinen eigenen Ausdruck bekommt. In meinem Haus hier in Thun werde ich in der Küche zur Märchenfigur, in meinem weissen Schlafzimmer und Büro bin ich die Denkende, alles ist ganz klar.

Momentan macht es mich wahnsinnig, wenn ich sehe, was ich alles angesammelt habe – drei Lager gefüllt mit Lampen, Möbeln und Kisten voller Skurrilitäten. Ich besitze 2000 Cocktailkleider, meine Berufskleidung, die ich für Inszenierungen verwende. Was soll ich tun, ich stöbere nun einmal leidenschaftlich gern in Brockenhäusern. Wenn ich etwas gefunden habe, geht es mir wieder gut. Mich interessieren die Geschichten hinter den Objekten, zudem kann ich Designerstücke nicht einfach stehenlassen, wenn sie fast nichts mehr kosten.

Auch das Haarsolarium am Bett ist aus dem Secondhand. Jetzt sind Glühbirnen drin. Benutzt habe ich die Lampe noch nie. Für mich hat sie etwas Menschliches, Beschützendes. Sieht sie nicht aus wie eine Wunderblume? Eine Wunderblume, die meine Nacht beschützt.

In meiner neuen Wohnung werde ich keine Figuren mehr aufstellen. Okay, das sage ich jetzt so, aber vermutlich werde ich bald wieder so eingerichtet sein, wie ich jetzt lebe, in meiner inszenierten Welt. Was ich besonders vermissen werde? Sicher diesen Blick aus dem Schlafzimmerfenster auf die Aare und die darauf märchenhaft dahingleitenden Schwäne.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse



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