NZZ Folio 05/96 - Thema: Entführt!   Inhaltsverzeichnis

Entführungen, die Geschichte machten

Von Andreas Heller

HELENA. Von Zeus in Schwanengestalt mit Leda gezeugt, aus einem kolossalen Ei ans Licht gestiegen - kein Wunder, dass Helena schon als Kind das Interesse der mythischen Entführerszene auf sich zog. Theseus, der König von Athen und ein berüchtigter Frauenräuber, entführte sie als erster und versteckte sie bei seiner Mutter im attischen Aphidna, sozusagen als seine Prospektiv-Geliebte.

Doch daraus wurde nichts: Ihre Brüder Kastor und Polydeukes erschienen waffenrasselnd vor der Burg von Athen, und es wäre wohl zu einem «Athenischen Krieg» gekommen, hätte der Heros Akademos (derselbe, der später zum Namensstifter alles «Akademischen» wurde) die Dioskuren nicht nach Aphidna gewiesen. Während Theseus schon wieder auf neuen Frauenraub auszog, wurde Aphidna zerstört und Helena heimgeführt; und damit schien die Welt zunächst einmal wieder in Ordnung.

Bis es dann zu dem unseligen Paris-Urteil kam. Auf den Viehweiden vor Troja hatte Paris, ein Sohn des Priamos, die Liebesgöttin Aphrodite zur schönsten Göttin auf dem Olymp erklärt, in Konkurrenz zur kuhäugigen Hera und zur gepanzerten Athene. Aphrodite hatte ihm dafür die schönste Frau auf Erden versprochen: die inzwischen herangewachsene, mit Menelaos vermählte Helena.

So hatte Paris leichtes Spiel, als er schliesslich nach Sparta kam, die versprochene Belohnung einzuziehen: Die Liebesgöttin präsentierte der unwiderstehlichen Miss World einen geradeso unwiderstehlichen Mister Troy, und die meisten Gewährsleute sind sich einig, dass Helena diesem zweiten Entführer nur allzu gerne nach Troja folgte. Diesmal kostete die Heimholung zehn Jahre Krieg, und auch dann war die Welt noch lange nicht in Ordnung. (Klaus Bartels)

DIE «LANDSHUT». Am frühen Nachmittag des 13. Oktober 1977, einem Donnerstag, wich die Boeing 737 «Landshut» der deutschen Fluggesellschaft Lufthansa auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt über der Insel Elba vom Kurs ab. Gegen vier Uhr landete das Flugzeug in Rom. Ein vierköpfiges Terrorkommando hatte die Maschine mit 80 Passagieren und Besatzungsmitgliedern in seine Gewalt gebracht. Noch vor Einbruch der Dunkelheit startete die Maschine Richtung Zypern, wo in Eile aufgetankt wurde. Am Freitag morgen landete die «Landshut» in Bahrain.

Inzwischen hatten sich die Forderungen der Entführer konkretisiert. Ein Genfer Rechtsanwalt wurde telefonisch benachrichtigt, dass die Flugzeug-Kidnapper gemeinsam mit den Entführern des am 5. September verschleppten Präsidenten des Bundesverbands der deutschen Arbeitgeberverbände, Hanns-Martin Schleyer, an Bonn ein Ultimatum richteten. Gefordert wurde die Freilassung von elf Gefangenen der Rote-Armee-Fraktion (RAF).

Die Entführer der «Landshut», unterdessen mit ihren Geiseln nach Dubai weitergeflogen, verlangten zusätzlich die Befreiung zweier in der Türkei inhaftierter Palästinenser und die Zahlung von 15 Millionen Dollar. Im Laufe des Tages traf in Dubai der deutsche Staatsminister Wischnewski in Begleitung von Angehörigen der Grenzschutzgruppe (GSG) 9 ein. Eine Stürmung der Maschine scheiterte am Widerstand der Behörden Dubais.

Nach einer Notlandung am Sonntag nachmittag in Aden, wo die Entführer den Captain erschossen, erreichte die «Landshut» am Montag Mogadiscio. Um Mitternacht stürmten 170 Mann der GSG 9 die Maschine, erschossen drei der Geiselnehmer und befreiten alle Flugzeuginsassen. (Martin Woker)

DER HENGST SHERGAR. Eine bewaffnete Bande überfiel am Abend des 8. Februar 1983 das Gestüt des Aga Khan, Ballymany Stud, westlich der irischen Hauptstadt Dublin, und entführte den Zuchthengst Shergar. Zum Zeitpunkt seiner Entführung war der fünfjährige Shergar bereits eine Legende. Er hatte 1981 eine Reihe von Rennen gewonnen und wurde zum Ende der Saison zur Zucht abkommandiert.

Zuvor hatte ihn der Aga Khan in eine Aktiengesellschaft verwandelt: 40 Anteile zu je 250 000 Pfund wurden ausgegeben, der Imam der Ismaeliten behielt deren 7 für sich selbst. Der innere Wert des Tieres wurde auf 30 Millionen (damalige) Pfund veranschlagt. Eine Deckung kostete - bei entsprechendem Erfolg - 70 000, sein ältestes Fohlen erzielte einen Rekordpreis von über 350 000 Pfund.

Die Suche nach Shergar geriet schon bald zur Farce. Witzbolde hetzten die irische Polizei durch jedes Gebüsch der Insel. Die anfängliche Lösegeldforderung von zwei Millionen Pfund schrumpfte auf unerklärliche Weise auf 40 000, nur um bald durch das Versprechen einer «Belohnung» von einer Million ersetzt zu werden. Doch es nützte nichts, Shergar blieb verschwunden, ebenso wie die Entführer, die man im Dunstkreis der IRA vermutete.

Das Rätseln über das Schicksal des teuren Rosses ist nie verstummt. Unlängst behauptete eine anonyme Gruppe von Dubliner Geschäftsleuten, sie wüssten, wo Shergars Leiche begraben worden sei. Die Filmrechte für die Bergung hatten sie schon verkauft. Noch einmal geht es ums Geld: Ausser dem Aga Khan war niemand gegen Diebstahl versichert gewesen, nur gegen den Tod des Hengstes. Selbst Shergars Knochen sind also noch ein Vermögen wert. (Martin Alioth)

CHARLES A. LINDBERGH JR. Die ganze Welt reagierte Anfang März 1932 mit grösster Anteilnahme auf die Nachricht, dass der 20 Monate alte Sohn von Colonel Charles und Anne Lindbergh aus dem abgelegenen Heimwesen der Familie ausserhalb New Yorks entführt worden sei. Fünf Jahre zuvor hatte Lindbergh in der einmotorigen «Spirit of St. Louis» in einem 33 Stunden dauernden Nonstopflug als erster Flieger den Atlantik überquert und mit diesem Rekord ein neues Kapitel in der Geschichte der Zivilluftfahrt eröffnet. Zum Träger diverser europäischer Orden avanciert und von den Medien als «lone eagle» verehrt, wurde «Lindy» Lindbergh wegen seiner tollkühnen Leistung in den Rang eines Obersten der Luftwaffe befördert. Weitere Interkontinentalflüge festigten seinen Ruf als amerikanischer Held in der ganzen Welt.

Im Schlafzimmer des entführten Charles wurde eine Lösegeldforderung über 50 000 Dollar gefunden. Lindbergh stellte sich selbst an die Spitze einer polizeilichen Untersuchungskommission, welche die Täterschaft in der New Yorker Unterwelt vermutete. Über einen Mittelsmann wurde die geforderte Summe übergeben, doch das entführte Kind blieb verschollen.

Im Mai fand ein Lastwagenfahrer den Leichnam des kleinen Charles unweit von Lindberghs Haus. Im September 1934 verhaftete die Polizei den deutschen Immigranten Bruno Richard Hauptmann in New York. In der Garage seines Hauses war ein Teil des Lösegelds versteckt. Hauptmann beteuerte erfolglos während des ganzen Mordprozesses seine Unschuld. Alle Indizien sprachen in dem - später als unfair kritisierten - Prozess gegen den Angeklagten. Am 3. April 1936 starb Hauptmann auf dem elektrischen Stuhl. Begründete Zweifel an seiner Schuld konnten nie ausgeräumt werden. Als Verbrechen des Jahrhunderts bezeichnet, ist der Fall heute noch Gegenstand kriminalistischer Spekulationen. (Martin Woker)

PATTY HEARST. Als Patty Hearst, die Tochter des Zeitungsmagnaten Randolph Hearst, am 4. Februar 1974 vom Campus der Universität von Kalifornien entführt wurde, dachten alle an das Werk gemeiner Krimineller. Zur allgemeinen Überraschung forderten die Entführer jedoch nicht einfach ein Lösegeld für die Freilassung der 19jährigen Studentin; sie gaben sich als Symbionistische Befreiungsarmee (SLA) zu erkennen und verlangten die Verteilung von Lebensmitteln im Wert von vier Millionen Dollar an die Armen.

Noch grösser war die Überraschung, als Patty Hearst zwei Monate nach ihrer Entführung unter dem Namen Tania auf einem einer Radiostation zugesandten Tonband bekanntgab, sie werde nun ebenfalls in den Reihen der SLA kämpfen. Wenig später bestätigte bei einem Banküberfall eine Überwachungskamera den Sinneswandel der Millionenerbin: die Bilder zeigten Patty Hearst, wie sie mit einer automatischen Waffe den Überfall deckte. Auf einem weiteren Tonband bekannte sich Patty Hearst zur Tat und zu ihrer Liebe zu einem SLA-Mitglied. Die Entführer waren zu Verführern geworden.

Eineinhalb Jahre suchten Hunderte von Agenten des FBI nach «Tania», am 18. September 1975 wurde sie in San Francisco gefasst. Vergeblich versuchte der Verteidiger im darauffolgenden Prozess seine Mandantin mit dem Hinweis auf eine «Gehirnwäsche» durch die SLA freizubekommen. Die Richter verurteilten die Entführte zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe. Das Urteil wurde an das Berufungsgericht weitergezogen und Patty Hearst gegen eine Kaution von 1,25 Millionen Dollar freigelassen. Nachdem das Berufungsgericht das Urteil bestätigt und der Oberste Gerichtshof sich für nicht zuständig erklärt hatte, wanderte die Verlegertochter erneut ins Gefängnis, bis sie schliesslich vom damaligen Präsidenten Jimmy Carter begnadigt wurde. Wenig später heiratete sie ihren Leibwächter. (Andreas Heller)

ALFRED HEINEKEN. Am Morgen den 9. November 1983 beobachteten Milchlieferanten vor dem Geschäftssitz der Heineken-Brauerei eine wortreiche Auseinandersetzung zwischen mehreren Herren. Was auf den ersten Blick wie ein Gerangel um einen Parkplatz aussah, entpuppte sich als handfeste Entführung: Alfred Heineken, Brauereikönig, und Ab Doderer, sein Chauffeur, wurden in einen orangefarbenen Renault-Lieferwagen gezerrt, der, ohne weiteres Aufsehen zu erregen, davonfuhr.

Am nächsten Tag meldeten sich die Entführer mit einem Brief bei der Verwaltung des Konzerns und forderten für die Freilassung Heinekens ein Lösegeld von 25 Millionen Franken. Der Konzern zeigte sich verhandlungswillig und nahm mit den Entführern über verschlüsselte Zeitungsanzeigen den Kontakt auf. «Herzlichen Glückwunsch. Das Gras ist für den Hasen grün. Um an das Gras heranzukommen, muss er vorher Kontakt aufnehmen», lautete der Text der ersten Anzeige.

Dank einem anonymen Hinweis, der eine Woche nach der Entführung einging, gelang es der Polizei, die Entführer ausfindig zu machen und zu beschatten. Um die Kidnapper bei der Stange zu halten, bezahlte der Konzern seinerseits das Lösegeld; drei Tage später, am 30. November 1983, wurden Heineken und sein Fahrer in einem leerstehenden Gebäude im Amsterdamer Industrievorort befreit. Obwohl tagelang auf Matratzen gefesselt und an eine Betonmauer angekettet, befanden sich beide wohlauf, der 60jährige Bierkönig hatte sich im ungeheizten Raum lediglich ein bisschen erkältet.

Drei der sechs Entführer konnten auf der Stelle festgenommen werden, die weiteren einige Wochen später. Und auch das Lösegeld wurde zum grössten Teil in verschiedenen Verstecken aufgespürt. Es war mit einer speziellen Chemikalie behandelt worden, was eine tadellose Identifizierung der Noten ermöglichte.




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