NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

«Ich kann nicht lieben, weil ich will»

© Wim Wenders
New York, 2005. Linktext
Die freie Liebe ist gescheitert, aber um die unfreie steht es nicht viel besser.

Von Peter Stamm

Freiheit in der Liebe scheint uns zu schrecken. Wir können sie uns nur als Promiskuität und Bindungslosigkeit vorstellen. Der polygame Held in der Literatur ist fast immer ein Bösewicht, bestimmt aber ein ausschweifender, ein lasterhafter Mensch. Dass er unglücklich und einsam endet, erfüllt uns insgeheim mit Genugtuung. Während es selbstverständlich ist, dass die Liebe zu unseren Kindern nicht mit der Zahl der Kinder abnimmt und dass man mehrere Freunde nebeneinander haben kann, muss die Gattenliebe auf einen Partner beschränkt bleiben.

Selbstzufrieden und etwas beruhigt konstatieren wir, dass die freie Liebe der 1970er Jahre kläglich gescheitert ist, und übersehen dabei, dass auch die Erfolgsquote der unfreien Liebe nicht eben hoch ist. Während es ungesetzlich wäre, einen Arbeits- oder einen Mietvertrag ohne Kündigungsmöglichkeit abzuschliessen, ist es wieder zur Usanz geworden, sich Liebe bis ans Ende seiner Tage zu versprechen. Ich habe mehrmals beobachtet, wie lange Partnerschaften in dem Moment zerbrachen, als man sich endlich zur Ehe entschlossen hatte.

Sind Ehen von Dauer, ähneln sie oft eher dem Stockholmsyndrom, der emotionalen Bindung von Entführungsopfer und Geiselnehmer, denn einer Beziehung gleichberechtigter Partner. Kürzlich erzählte mir ein Mann, der sich nach Jahren von seiner Frau trennen wollte, sie habe ihm mit Selbstmord gedroht. Nun, da er bei ihr geblieben sei, bilde sie sich ein, sie habe damit die Beziehung gerettet.

«Liebe ist eine Sache der Empfindung, nicht des Wollens», schrieb Immanuel Kant in der «Metaphysik der Sitten», «und ich kann nicht lieben, weil ich will, noch weniger aber, weil ich soll.»

Wer sich verliebt, verliert zuallererst einmal Freiheit. Pausenlos kreisen die Gedanken um das Objekt der Begierde, das in diesem frühen Stadium eher als Subjekt empfunden wird. Die Liebe scheint von aussen zu kommen, sie wird von der Geliebten – auch ohne ihr Wissen – erzeugt, sie verleiht ihr Macht über uns, macht uns abhängig. Mehr als einmal hörte ich Männer klagen: «Wäre ich doch impotent. Dann hätte ich endlich Ruhe und würde mich nicht dauernd verlieben.»

Wird die Liebe erwidert, mag das für kurze Zeit als Befreiung empfunden werden, als glückliche Erfüllung. Man geht zusammen essen, besucht eine Disco, landet spätabends in einer fremden Wohnung – und wird plötzlich daran erinnert, dass die geliebte Person ein Leben ohne einen geführt und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch schon andere geküsst hat. Ein verräterisches Passbild an der Pinnwand, eine zweite Zahnbürste, Kondome, die etwas zu schnell zur Hand sind, zerstören das Gefühl der Einzigartigkeit des glücklichen Moments.

Je älter wir werden, desto komplizierter wird die Liebe, desto zahlreicher werden die anderen Bedürfnisse, mit denen sie in Einklang gebracht werden muss. So besteht in Beziehungen ein stetig sich änderndes Ungleichgewicht von Freiheitsdrang und Abhängigkeit. Wer mehr liebt, verliert Freiheit und mag glauben, mehr für die Beziehung tun zu müssen als der andere. Er versucht, die eigene Unfreiheit zu kompensieren, indem er die Freiheit des anderen einschränkt.

Ein Freund, der seit Jahren in einer – wie er sagte – perfekten Beziehung lebt, gestand mir vor einiger Zeit, er habe Sehnsucht, sich wieder einmal zu verlieben. Er wünschte sich keine andere Partnerin, er wollte nur wieder einmal gefesselt sein wie in der ersten Zeit seiner Liebe. Und doch wusste er, dass es keinen Sinn hatte, noch einmal von vorn zu beginnen, nur um in drei oder fünf Jahren wieder an dem Punkt zu stehen, an dem er jetzt stand. Es wäre, als würde man immer nur den Anfang von Büchern lesen und sie nach zehn oder zwanzig Seiten weglegen, weil man die Protagonisten schon kennt.

Vielleicht ist es das, was die Liebe für Autoren so attraktiv macht: dass sie nicht wie die Freiheit ein Zustand ist, sondern ein Prozess. Liebe kann nur als Geschichte existieren. Wenn Cesare Pavese in seinem Tagebuch schrieb, zwei Dinge interessierten ihn, die Technik der Liebe und die Technik der Kunst, so meinte er kaum die Liebestechnik des Kamasutra. Liebesgeschichten und Kunstwerke haben eine Form, die der formlosen Freiheit abgetrotzt werden muss. Beide sind endlose Reihen kleiner Entscheidungen, komplexe Bauten, dauernd in Gefahr einzustürzen und gerade deshalb so reizvoll. Ihre Schönheit liegt im Ganzen, nicht in einem aufregenden Anfang oder einem glücklichen Ende. Sie liegt in der Mitte, in den kurzen Momenten glücklicher Balance von Anziehung und Abstossung. Der Rest ist Erinnerung, oft das gemeinsame Sich-Erinnern, sind die Familienlegenden und Paarlegenden, die das Fundament jeder Beziehung sind.

Der Moment des Glücks ist zentral, aber er funktioniert nur im Kontrast zu den weniger glücklichen Momenten. Im Film «Cinema Paradiso» gibt es eine endlose Collage von Kussszenen, die im Dorfkino vom Priester zensuriert worden waren und nun endlich gezeigt werden dürfen. Aber die Wirkung der dutzendfachen Küsse ist nicht romantisch, sondern komisch, wenn nicht grotesk. In der Liebe gibt es keine Repeat-Taste wie beim CD-Player. Man kann dasselbe Stück nicht immer wieder hören. Und gerade das ist das Schöne und das Schreckliche an der Liebe.

Peter Stamm ist Schriftsteller; er lebt in Winterthur. Sein jüngster Roman, «An einem Tag wie diesem», ist 2006 bei S. Fischer, Frankfurt, erschienen.


Leserbriefe:

Zu «Ich kann nicht lieben, weil ich will» - NZZ-Folio Freiheit (12/06)

Peter Stamm geht in seinem Beitrag davon aus, dass wer liebe, Freiheit verliere. In der Liebe bestehe ein Ungleichgewicht zwischen Freiheitsdrang und Abhängigkeit. Dieser Standpunkt ist einseitig. Es ist nämlich gerade auch die Liebe, die aus dem Spannungsfeld von Freiheit und Abhängigkeit herausführt und der Frage nach der Freiheit in der Liebe überhaupt ihre Relevanz nimmt. Wer davon spricht, dass er in der Liebe Freiheit verliere, hat Angst, und durch die Angst verliert er wirklich Freiheit. Dabei wäre gerade die Liebesbegegnung eine Möglichkeit, die Angst vor dem Verlust von Freiheit zu verlieren und zu vertrauen. So gesehen liegt das Geheimnis des Liebesglücks nicht so sehr in einer ausgewogenen Balance zwischen Abstossung und Anziehung, sondern vielmehr darin, Vertrauen zu finden.
Marc Djizmedjian, per E-Mail



Zu «Ich kann nicht lieben, weil ich will» - NZZ-Folio Freiheit (12/06)

Herzlichen Dank für den spannenden Artikel über die Liebe. Besonders faszinierte mich die Definition der Liebe als Prozess und Geschichte. Genial formuliert! Nur an einem Punkt möchte ich Peter Stamm widersprechen: Ich bin überzeugt, dass wir Menschen die Fähigkeit haben, zu lieben, weil wir wollen! Die Aussage von Freud beruht auf dem Trugschluss, dass in der Liebe immer das Gefühl der Ausgangspunkt zu sein hat. Natürlich lösen Gefühle der Liebe oft auch Taten der Liebe aus. Aber ebenso können Taten der Liebe die Gefühle der Liebe wieder wecken. In unserer Paarberatung geben wir immer wieder den Rat: „Tue verliebt, dann wirst du verliebt!“. Tatsache ist, dass ein bewusst erbrachter Liebesbeweis nicht nur in meinem Gegenüber etwas auslöst, sondern auch in mir selbst. Im Gegensatz zur deutschen Sprache kennt das Alt-Griechisch mehrere Ausdrücke für Liebe. Einer davon ist Eros, die begehrende Liebe, die sich daran entzündet, dass der andere so schön oder so klug oder so … ist. Diese Art Liebe erlischt tatsächlich oft, wenn der Gegenstand der Begierde zum Gegenstand des Besitzes wird – oder wenn sich das ‚so-sein’ verändert, wenn also die Schönheit abbröckelt und die Klugheit in Besserwisserei umschlägt. Daneben gibt es aber auch die Agape-Liebe – die hingebende Liebe, die aus dem Entscheid für eine Person erwächst. Weil diese Liebe ihren Ursprung im Entscheid zur Liebe hat und nicht im ‚So-Sein’ des andern, überdauert sie auch leichter die Veränderungsprozesse, die im Lauf einer langjährigen Partnerschaft unweigerlich auftreten. Meine persönliche Erfahrung in unserer 18-jährigen Ehe zeigt, dass dieser Entscheid zur Liebe immer wieder die Basis zu neuer Begeisterung und neuem Verliebtsein in meine Ehefrau gelegt hat. 
Werner Jampen, per E-Mail 



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