NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Der Schnelllebigkeit getrotzt

© Foto: Heinz Unger
Die Innenarchitektin: Was ist das für ein Märchenschrank? Linktext
Ein eingespieltes Paar mit lädierten Rücken, das diskutiert, streitet und schmollt? Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Der Psychologe

Treue und beständige Menschen wohnen hier, keine Nomaden, die erst vor kurzem eingezogen sind oder schon bald wieder etwas ganz anderes suchen. Sie haben, als die Kinder ausgezogen waren, ihre Wohnung sanft renovieren lassen und sie dann prompt wieder mit Gegenständen, Preziosen und Nippes nachgefüllt. Da ist auch Sammeltrieb am Werk, eine Art sedimentierende Aufschichtung von Einzelstücken und Episoden, ein additives Patchwork von allerlei Gewesenem.

Wer hier eintritt, wird auf Biographisches verwiesen, und wenn man sich niederlässt, gibt es allerlei Geschichten zu hören. Man ist eben von früher, und das fortgeschrittene Alter zwingt zur Häuslichkeit, der Rücken erfordert Schonung (die vielen Kissen!), denn es wird immer noch fleissig produziert und archiviert.

Hier wird aber auch noch miteinander geredet, diskutiert und gestritten und wem’s nicht passt, der findet sicher irgendwo seinen Schmollwinkel. Der anderswo so rasanten Schnelllebigkeit wird getrotzt, und kaum noch ist ein Jahrzehnt verflossen, versetzt uns die manuelle Schreibmaschine ins Staunen. Sie ist ein Indiz dafür, dass hier noch vieles von Hand und mit dem eigenen Kopf betrieben wird, auch die Korrespondenz und möglicherweise Manuskripte. Und natürlich auch die Küche! Da ist die Hausfrau am Werk und lenkt sich so davon ab, sich über die dauernd herumliegenden Dinge ärgern zu müssen. Aber auch ihr ist es wohl in diesem gelebten Archiv, Staubwedel hin oder her. Denn wer braucht schon all diesen neuen Schnickschnack, wo es uns doch im alten Krimskrams so wohl ist? Berthold Rothschild


Die Innenarchitektin

Hier haben Bewohner und ihre Möbel Freundschaft geschlossen. Die Möbel dürfen mitaltern und werden über die Jahre den Bedürfnissen angepasst. Der Gebrauchskomfort ist wichtiger als die Ästhetik. Provisorische Lösungen schlagen Wurzeln, das Klappsitzchen vor dem grossen Fauteuil wird zum unentbehrlichen Fussteil.

Die Bewohner sind ihren Möbeln treu geblieben und umgekehrt genauso. Gleichzeitig wird in den Räumen ein Leben zu zweit gepflegt. Die einzelnen Stücke haben immer ein Gegenüber oder ein Daneben. Die Wohnung ist durch Erinnerungen geprägt. Auch sie haben über die Jahre ihren festen Platz gefunden: Fotos der Liebsten auf dem Fensterbrett im Arbeitszimmer, gesammelte Kristalle im Wohnzimmer. Weitere Abstellflächen sind leider auf Kosten der Möbel gewachsen. Der Sekretär wird nicht mehr als solcher genutzt. Obwohl sperrig, wird seine Anwesenheit offensichtlich geschätzt, jedoch gleichzeitig schamlos als Abstellfläche ausgenutzt. Die kleine Kommode zwischen Sekretär und Fenster wirkt genauso arg bedrängt. Auch wenn die Skulptur jetzt im richtigen Licht steht.

Mehr wissen möchte man über den bemalten Schrank mit der Märchenillustration. Ein derart spezielles Stück wirkt in jeder Umgebung als Unikat.

Interessant ist, dass die Wohnung nicht unbedingt veraltet wirkt. Der eigentlich heute wieder aktuelle Stil-, Möbel- und Mustermix von Orientteppich, Bambus, nordischem Design bis zum klassischen Bugholz kommt aber durch die kontrastlose dunkle Farbpalette verschiedener Erd- und Moostöne leider dumpf und etwas staubig daher.

Fazit: Eine Wohnung kann wachsen, sollte aber von Zeit zu Zeit wieder Ballast abwerfen. Das wirkt erleichternd.Jasmin Grego


Auflösung:

Judith und Sergio Giovannelli-Blocher, Autorin und Feinmechaniker

«Natürlich musste ich erst leer schlucken, aber: Ja, es stimmt, wir sind von früher. Mein Mann Sergio und ich sind seit 26 Jahren verheiratet, wir waren beide über vierzig, als wir uns kennenlernten. In dieser Wohnung leben wir seit sieben Jahren. Im Haushalt macht jeder, was er besser kann. Putzen hassen wir beide, deshalb achten wir gerecht darauf, dass jeder die Hälfte erledigt.

Durchschnittlich ziehen wir alle acht Jahre um. Als wir nach Biel kamen, haben wir hier kaum jemanden gekannt. Das könnte man als Risiko bezeichnen: im Alter umzuziehen, die Menschen, die man liebgewonnen hat, zu verlassen. Das Alter sollte aber kein Hinderungsgrund sein. Es ist nicht gut, wenn man an Dingen festhält, die man nicht mehr bewirtschaften kann, nur weil man Angst vor Veränderungen hat. Diese Wohnung wird nicht unsere letzte sein, schon wegen der Treppen, wir wohnen im dritten Stock.

Noch sind wir fit und gehen viermal täglich zur Post, um uns unserer Korrespondenz zu entledigen. Mein Mann hat einen enormen Ausstoss an Briefen und Pamphleten. Eben hat er seine Autobiographie fertiggestellt. Sein Büro ist im Gegensatz zu meinem chaotisch. Aber er findet darin alles, wogegen bei mir das Suchen zu Dauerärger führt. Meist geht es um Bücher. Darin fasse ich auf den letzten Seiten das Wichtigste zusammen. Sie sind Nachschlagewerke, Lebensgefässe mit Karten, Notizen von den Orten, an denen ich sie gerade gelesen habe. Ich ärgere mich heute noch, dass ich beim letzten Umzug die Hälfte meiner Bücher entsorgt habe. Nur weil alle immer riefen: Jesses, so viele Bücher.

Die Ideen und Notizen für meine eigenen Bücher entstehen auf dem Lehnstuhl mit Venenkissen am Esszimmerfenster oder früher bei Zugfahrten durch die Schweiz. Mit Personenzügen langsam durch die Landschaft zu ruckeln, Leute einsteigen zu sehen, die verschiedenen Dialekte zu hören, die zu einem Murmeln zerfliessen, ist sehr inspirierend. Leider sind die Züge so unwirtlich geworden, es fehlt an Atmosphäre. Meine Manuskripte tippe ich zu Hause auf der Schreibmaschine, oft im Schlafzimmer, weil ich da alle Unterlagen auf dem Bett ausbreiten kann. Abends spielen wir neuerdings Scrabble, das ist gut fürs Gedächtnis und strengt die Augen nicht so an.

Wer von uns Rückenbeschwerden hat? Keiner. Ich polstere laufend alles mit Kissen aus, was daran liegen kann, dass ich aus einem calvinistischen Haushalt stamme, in dem es keine bequemen Stühle gab. Sergio kann es sich überall gemütlich machen. Er nimmt das Feldstühlchen für die Beine, klemmt sich zum Lesen ein Lämpchen ans Gestell. So unkompliziert und frei jeglicher ästhetischen Ansprüche geht es bei mir nicht.

Wir kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Kulturen, was intensive Streitgespräche fördert. Bevor wir eine neue Wohnung beziehen, warnen wir jeweils die umliegenden Mieter, dass sie sich bitte nichts dabei denken sollen, wenn wir unsere Stimmen gebrauchen. Unser ‹castle› ist nicht unser ‹home›, sondern unsere gemeinsame Überzeugung, für eine humanere und soziale Welt zu leben, und natürlich unser anspornendes Hingezogensein zueinander.

Wir haben oft Gäste. Ich koche auch, aber Sergio kocht besser. Bei den Italienern ist das ein Ritual. Nicht unproblematisch ist, dass Sergio immer so viel zubereitet, dass ich befürchte, Gäste könnten Hemmungen bekommen, uns auch einzuladen. Was es gibt? Olivenbrot, Suppe, Kaninchen mit Polenta, in Weinsauce gegarte Birnen. Meist bäckt er noch einen Kuchen, den er den Gästen mitgibt. Wir müssen das reduzieren, hörst du, Sergio – wir werden schliesslich älter, da kann man nicht mehr so viel essen.

Bei Tisch werden Geschichten erzählt. Im Hintergrund steht der Märchenschrank. Das ist unser einzig gutes Stück. Ich habe ihn mir in jungen Jahren in Basel von einem Fasnachtsmaler bemalen lassen. Eigentlich wollte ich das Märchen vom Froschkönig, aber ihm lag das von den sechs Schwänen am Herzen. Der Schrank war sogar auf einer Ausstellung im Ausland. Kinder haben wir zu unserem grossen Kummer keine. Nicht weil man jemand brauchte, der sich um einen kümmert, sondern wegen des Teilhabens an der Welt. Von vielen Dingen hat man keine Ahnung mehr. Und natürlich ist da auch das Bedürfnis, sich fortzusetzen. Ich tue das, indem ich Bücher schreibe. Ach ja, Sergio hat noch Orangenmarmelade für Sie. Möchten Sie? Selbstgemacht.» 




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