NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Mein Body gehört mir

Was Tätowierungen und Piercing erzählen.

Von Nigel Barley

SOEBEN HABEN WIR die «London Fashion Week» hinter uns gebracht. In einer Zeitung stand zu lesen, die jugendliche Idealfrau von heute trage einen Buckel. Keineswegs, behauptete ein anderes Blatt, der letzte Schrei seien vielmehr gertenschlanke, busenlose Nymphen. Alles Quatsch, schnödete ein drittes Blatt: Um modisch auszusehen, braucht man nichts zu tun, als in Knickerbockern auszugehen, am besten in solchen, die an Schuluniformen erinnern. Und bei den Männern? Bodies sind out. Sonnenbräune ist out. Die Muskeln müssen weg. Am besten, wir stylen uns wie minderjährige Strichjungen mit Tuberkulose.

In den fünfziger Jahren war die Mode noch eine vergleichsweise simple Angelegenheit. Vor allem waren nur sehr wenige Menschen davon betroffen. Elegante fünfundzwanzigjährige Mannequins schwebten über die Laufstege der Modehäuser und trugen gesetztere Kleidung für die ausschliesslich gesetztere Kundschaft zur Schau. Sie repräsentierten eine Art verhaltener Reife ohne Gesichtsfalten und Speckgürtel, die für besonders erstrebenswert galt. Jeder wusste, was Mode ist und wer sie trägt. Nur die wenigsten Leute «kleideten sich», die meisten «trugen Kleider», und sie taten dies nicht, um aufzufallen, sondern um unsichtbar zu bleiben.

Dann wurde allmählich alles komplizierter. Die Models wurden immer jünger - bei den heutigen Modeschauen sind sie gerade dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Und sie haben aufgehört, die Oberschicht nachzuäffen. Im Gegenteil, am Debs' Ball, der alljährlichen «Coming-out»-Party der Jeunesse dorée, machen sich die Adeligen heutzutage wie Modepüppchen zurecht und schlurfen durch ihre eigene Galavorstellung, indem sie die verschiedensten Strassenlooks zitieren. Nachdem Generation für Generation der Freizeitdress der Eltern zur Sonntagskleidung der Kinder mutiert war, sind wir nun am Ende des Kreislaufs angekommen. Erwachsene Frauen und Männer haben damit begonnen, sich in Babysachen zu hüllen. Man sieht sie überall, in den unvorteilhaften Strampelanzügen, in denen früher die Kinder laufen lernten, auf dem Kopf jene Mützen, die einst als Teil der verhassten Schuluniform getragen wurden.

Die Kinder ihrerseits sind derweil zunehmend modebewusster geworden und weigern sich, überhaupt noch zur Schule zu gehen, wenn ihre Sachen nicht den richtigen Markennamen tragen. Niemand braucht heute mehr die entsetzlichen Qualen meiner Kindheit zu erdulden, wenn meine Mutter wieder einmal im Sonderangebot Unterhosen für mich kaufte, auf denen vorne breit und unaustilgbar das Wort «Mängelware» stand.

Andere Leute zeigen einen deutlichen Hang zum Sportiven. Das Tragen von Sportkleidung scheint in einem umgekehrten Verhältnis zur Sportlichkeit der Träger zu stehen. Die Fernsehchampions der Sofaolympiade watscheln in bunten Trainerhosen, Jogginganzügen und Sweatshirts durch die eisigen Strassen, als seien sie auf der Suche nach einem Sportereignis, dessen genauer Veranstaltungsort erst noch bekanntgegeben werden muss. An ihrem Rücken hängt jene Art Rucksack, mit der einst knochige Alpinisten die Berge erklommen, und das Stirnband wird innovativ herabgezogen, um im Winterfrost die Ohren zu wärmen.

Die meisten Jugendlichen sind in Sachen Mode jedoch über blosse Kleiderfragen längst hinaus. Yuppies werden von ihnen geringschätzig als «Schlipse» bezeichnet. Die Jugendlichen streben nach «tribalen» Formen der Identität, indem sie die Körperornamentik der Dritten Welt imitieren und ihre Körper piercen und tätowieren und zu ganz neuen Formen modellieren.

«Grauenhaft!» schreien die Eltern. «Zu unserer Zeit war alles ganz anders.»

War es das? Im Westen wird eine vollgültige soziale Identität schon seit langem durch die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper definiert - alles andere gilt als Sklaverei. Da wir nur noch über wenige koordinierte Initiationsriten verfügen, hat sich der Prozess der Adoleszenz im späten 20. Jahrhundert zu einer Vielzahl von häuslichen Kleinkriegen diversifiziert, in denen wir die Verfügungsgewalt über unseren eigenen Körper erstreiten: was wir essen und trinken, welchen Haarschnitt wir tragen, wann wir ins Bett gehen, was wir mit unseren Geschlechtsorganen anstellen.

Ein paar Schulmädchen mit Make-up und Knaben mit Ohrringen scheinen unser ganzes Weltgefüge zu bedrohen, und die Eltern stemmen sich den Flutwellen des hormonellen Chaos tapfer entgegen. An jedem beliebigen Punkt unseres Lebens manifestiert sich der Verlust unserer Unabhängigkeit durch den erneuten Verlust der Verfügungsgewalt über den eigenen Körper, durch eine Rückkehr zur Kindheit. Ob im Gefängnis, im Krankenhaus oder in der Ehe, andere Leute übernehmen dort die Verwaltung unseres Leibes, schneiden uns die Haare, schicken uns ins Bett oder stopfen uns mit Kabis voll, bis wir sterben und für immer alle Rechte am eigenen Leichnam verlieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass alle Armeen dieser Welt die Körper und Kleider vereinheitlichen, um jede Individualität zu unterdrücken und das Denken zu kontrollieren. In der Armee trägt man seine Identität als adretten Aufnäher an der Manschette oder am Revers.

Die zivile Welt hingegen ist komplexer. Hier werden unsere Körper zu sozialen und politischen Schlachtfeldern, und die ausser Kontrolle geratenen Körper sind nur das Symptom einer ausser Kontrolle geratenen Welt. Der weibliche Körper wird zunehmend als Objekt männlicher Ranküne angesehen. Selbst Ethnologen differenzieren heute zwischen der «Ornamentierung» des männlichen und der «Verstümmelung» des weiblichen Körpers. Wittern wir zu Recht im Wonderbra einen männlichen Sexismus am Werk, oder sollten wir ihn eher als «neue Wertschätzung des Weiblichen» und als Emanzipation der Frauen von der feministischen Strenge ansehen?

Wie auch immer wir uns entscheiden, es sind stets die frisch emanzipierten Gruppen unserer Gesellschaft, die ihre öffentlichen Feierrituale einklagen. Nach dem Christopher-Street-Day der Schwulen und Lesben erleben wir nun die Einführung eines neuen Rituals der Erstmenstruation, das jenen Moment der Scham und Verstellung im Leben eines jeden Mädchens in eine freudige Bejahung der eigenen Identität und Schwesterlichkeit zu verwandeln strebt. Das neue Ritual kommt selbstverständlich aus den USA, wo die Frauen sich aus gegebenem Anlass zusammensetzen und über ihre Scheide diskutieren. In England ziehen die Frauen es vor, zur Feier des Ereignisses einen Kuchen zu backen.

Wenn ein ordentlicher Ethnologe ein fremdes Volk verstehen will, geht er auf Feldforschung. Also schnappte ich mir ein jugendliches Mitglied meiner Familie, bestach ihn mit so viel Geld, wie nötig war, damit er sich überhaupt bereit erklärte, mit einer über zehn Jahre älteren Person zu reden, und fragte ihn über Körperpiercing aus. Mein Informant war ein hübscher, maskuliner Bursche, der in seiner flaumigen Oberlippe, seiner Nase und Augenbraue je einen Stahlring spazierenführte. Im Ohr trug er eine, wie mir auffiel, aus Silber angefertigte Sicherheitsnadel, an der ein kleiner Totenkopf baumelte. Gerüchteweise hatte ich von weiteren Piercings gehört, die während eines Familienurlaubs am Metalldetektor des Flughafens zu einer hochnotpeinlichen Szene geführt hatten.

«Warum tust du das?» fragte ich von Mann zu Mann, Kugelschreiber und Notizblock im Anschlag.

Er seufzte. «In einer Welt, in der das Individuum immer weniger gilt und durch globale Konzerne bedroht ist, lassen sich Piercing und Tätowierungen, wie übrigens auch die verschiedenen Formen von Diät, am ehesten als Selbstinbesitznahme des eigenen Körpers verstehen. Es handelt sich um eine bewusste Antiästhetik, die alle konventionellen Vorstellungen von Schönheit über Bord wirft. Nur ein hoffnungslos veralteter Freudianismus käme auf die Idee, das Eindringen in die Haut als männlichen Vaginalneid zu deuten. Aber je weiter sich solche Verhaltensweisen verbreiten, desto eher begründen sie natürlich ihrerseits eine neue Konformität, die ironischerweise auf das genaue Gegenteil der beabsichtigten Demonstration von Individualität hinausläuft. Daher auch der beständige Bedarf nach Innovationen und neuen Grenzüberschreitungsversuchen im Bereich konfrontativer sadomasochistischer Beziehungen. Eine weitere Ironie besteht darin, dass gerade jene Formen des Körperschmucks, die heute von westlichen Jugendlichen bevorzugt werden, an ihren Ursprungsorten durch den Einfluss des Westens weitgehend unterdrückt wurden.»

Ach so, verstehe. Er hat das natürlich nicht wörtlich so gesagt, aber als geschulter Ethnologe wusste ich, was er meint. Was er tatsächlich sagte - und was ich aufgeschrieben habe -, war: «Was weiss'n ich? Meine Kumpel machen's auch. Is eben cool. Haste mal ne Kippe?»

«Junge», sagte ich mit tückischem Grinsen, «du bist zu jung zum Rauchen. Und ausserdem, besonders aufregend ist das alles nicht. Damit könnt ihr unsereins nicht schockieren. Beim Stamm der Surma in Äthiopien werden den Frauen beide Lippen durchbohrt und immer grössere Teller durchgesteckt, bis sie zu sabbern anfangen und nicht mehr richtig reden können. Je grösser die Teller, desto mehr Rinder werden als Brautpreis gezahlt. Bei den Suya in Brasilien sind es die Männer, die Teller in der Unterlippe und im Ohr tragen.

Im alten Rom war die Infibulation der Vorhaut gang und gäbe, um die Sexualität der männlichen Sklaven zu kontrollieren, und hast du schon mal von der Beschneidung der Pharaonen gehört oder von der sudanesischer Frauen, deren Schamlippen nach jeder Geburt wieder zugenäht werden, damit sie auf höchst blutige und schmerzvolle Weise neu entjungfert werden können? Die Karanga Shone in Sambia dehnen die Schamlippen der Frauen, um sie sexuell attraktiver zu machen, und die Kochtöpfe einer verheirateten Frau haben besonders lange Hälse, um diesen Sachverhalt öffentlich zu demonstrieren. Wenn ihr Mann sich mit ihr anlegen will, lässt er eine Bemerkung über die Stummeligkeit ihrer Töpfe fallen.

Um unsereins zu schockieren, musst du schon mehr bieten als ein paar Ringlein im Gesicht. Anregungen gibt's da draussen genug - Tätowierung, zusammengequetschte und verformte Babyschädel, Narbenmuster auf dem Körper durch absichtlich infizierte Schnittwunden, Hals- und Ohrläppchendehnungen, Fusseinschnürungen, Brandmale auf der Haut, Schädeltrepanationen, aufgeschlitzte Penisse, die sich bei der Erektion wie Blumen entfalten, Einführen von Stäben in die durchstochene Eichel, Zahnfleischfärben . . .»

«Zahnfleischfärben?» fragte er mit weit aufgerissenen Augen und war plötzlich wieder zu einem unschuldigen kleinen Jungen geworden. Seine Lippen zitterten, der Schweiss stand ihm auf der Stirn. Er sah aus, als müsste er sich gleich übergeben. «Das ist ja ekelhaft.»

«Öh . . . tatsächlich?» Mir kam es völlig normal vor. Schliesslich gibt es auch Zahnpasta, die das Zahnfleisch rot färbt, damit die Zähne weisser wirken.

«Mein Gott!» Er wankte und zitterte. «Ich hasse Zahnärzte, Bohren, Zahnfleisch . . . egal was.»

«Zahnabschleifungen, Wegschlagen von Zahnschmelz und Bemalen der Zähne mit schwarzem Harz, Ausschlagen der Schneidezähne», fuhr ich entgegenkommend fort.

«O Gott.»

Ich schob ihn in einen Sessel. Ganz offensichtlich ein empfindsamer Junge. Wer sagt, wir könnten mit der Jugend nicht ins Gespräch kommen? Kein Problem! Ich hatte das Gefühl, einen kleinen Sieg für die Vernunft und die Verständigung zwischen den Generationen errungen zu haben.

«Ach, übrigens», sagte ich zu ihm. «Ich hab' mir überlegt, mich liften zu lassen. Meinst du, ich könnte dann noch halbwegs als Strichjunge durchgehen?»

Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.


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