NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

Jesus und seine Frauen

Von der Mühsal, die patriarchale Kirchengeschichte zu überwinden.

Von Ina Praetorius

Mit der Frage, ob ein männlicher Erlöser denn auch Frauen erlösen könne, haben Theologiestudentinnen in den siebziger Jahren gewisse Herren genervt, die an alles mögliche glaubten, bloss nicht an ungelöste Probleme. Die Frage war ernst gemeint. Sie ist bis heute nicht gelöst, aber sie hat die Kirche und die Theologie verändert, und sie hat viele Fragen nach sich gezogen: Brauchen wir überhaupt Erlösung? Wenn ja, welche und wovon? Was ist eine Sünde, und sind die Sünden der Männer dieselben wie die der Frauen? Was hat es zu bedeuten, dass Männer seit vielen Jahrhunderten unbeirrt ihr eigenes Geschlecht anbeten und gleichzeitig Selbstvergötterung für eine Sünde halten? Wer oder was kann Jesus für denkende Frauen und Männer sein, wenn der Schutt einer jahrhundertealten patriarchalen Auslegungsgeschichte weggeräumt ist?

Ob Jesus ein Feminist sei, auch diese Frage wurde gestellt. Aber ihre Faszination hielt nicht lange an. Wussten wir doch bald selbst nicht mehr, ob wir unser Nachdenken einem dieser langweiligen -ismen zuordnen wollten, ob es uns wirklich interessierte, was eine Feministin sei und ob sie auch im Maskulinum existiere. Immerhin hat die Frage nach dem Feminismus Jesu den Blick auf seine Beziehungen zu sehr unterschiedlichen Frauen gelenkt, schliesslich auf seine Beziehungen überhaupt: zu Menschen, Gemeinschaften, Institutionen und - zu Gott. Dieser veränderte Blickwinkel markiert eine Zäsur gegenüber der lange als selbstverständlich hingenommenen Dominanz einer Theologie der Eigenschaften.

Was ich, in der Sonntagsschule, im Konfirmandenunterricht, aus barocken Chorälen und Oratorien, über Jesus Christus gelernt habe, ist dies: Im Zimmermannssohn aus Nazareth hat der Gott Israels, der Eine, der Herrgott Menschengestalt angenommen und uns sündigen Erdenbewohnern die Rettung gebracht. Deshalb feiern wir Weihnachten als Tag der Geburt Gottes, Karfreitag zum Gedächtnis seines Sühnetodes am Kreuz, Ostern als frohe Botschaft der Auferstehung von den Toten und Pfingsten als Geburtstag derjenigen Bewegung, die das Evangelium vom menschenfreundlichen Gott weitererzählt und verwaltet.

Da mich allerdings niemand anleitete, die mich umgebende, fleissig zu Wohlstand aufstrebende Welt des deutschen Wirtschaftswunders als scheusslichen Sündenpfuhl zu erkennen, da die Einübung alltäglicher Zerknirschung nicht Teil bildungsbürgerlicher Erziehung war, fand ich Jesus nicht besonders interessant. Dass ich dennoch ein Studium der Theologie begann, hat mit Debattierlust zu tun und mit einem erst im Erwachsenenalter beiläufig aufgelesenen Gedanken, den ich schon fast erlösend nennen möchte, den man mir aber in meiner kirchlichen Grundausbildung vorenthalten hatte: dass nämlich der Gott der Christen mich und alle liebt, und zwar nicht etwa, weil wir viel geleistet hätten, sondern weil wir da sind.

Im Studium lernte ich dann, dass dieser schöne Gedanke (der Gott übrigens in erstaunliche Nähe zum patriarchalen Ideal der guten Mutter rückt) zwingend mit dem Glauben an den für uns gekreuzigten und auferstandenen Heiland verbunden ist, was mir bis heute nicht recht einleuchten will. Ich lernte ausserdem, dass es in der Bibel nicht nur eine «Christologie»-Lehre von der Bedeutung Jesu Christi gibt, sondern viele. Und dass das Nachdenken über die angemessene Deutung des Mannes aus Nazareth weitergeht bis heute, was eine Freude, aber auch eine Gefahr darstelle, wie man zum Beispiel an den bereits vorliegenden Kirchenspaltungen erkennen könne.

Wir lernten, dass auf uns künftige Pfarrerinnen und Pfarrer daher eine doppelte Verantwortung zukomme: wir sollen einerseits als Wissenschafter der historischen Vielfalt christologischer Deutungsversuche gerecht werden und andererseits den Glauben der uns anvertrauten Menschen nicht erschüttern. Unsereins nahm den ersten Teil dieser väterlichen Ermahnung freudig entgegen und verschob den zweiten auf ein unbestimmtes pfarramtliches Später.

Sich vom kosmischen Pantokrator, vom Nazarenerkitsch, von einem auf Sexualität fixierten, körper- und frauenfeindlichen Sündenbegriff, von der in Paradoxien schwelgenden nachaufklärerischen Dogmatik und von all den anderen Altlasten aus zweitausend Jahren patriarchaler Kirchengeschichte immer wieder zu distanzieren, ist kein leichtes, aber wohl die Voraussetzung für das, was wir suchen: eine unverstellte, wirklich befreiende Beziehung zum Mann von Nazareth.

Als ich neulich eine Auslegung der Geschichte schreiben sollte, in der Jesus und Petrus auf dem See wandeln (Mt. 14, 22-33), erschien er prompt wieder vor meinem inneren Auge: der blondgelockte junge Held, der unangefochten über Wellen schreitet und dem sinkenden Menschlein Petrus (mir) gnädig die Hand reicht, dieser entrückte Übermensch, der sich später freiwillig und im Einklang mit dem Willen seines göttlich sadistischen Vaters ans Kreuz nageln lässt, um stellvertretend für meine Sünden zu büssen. Wenn ich die hartnäckigen Kitschablagerungen abgetragen habe, bin ich müde, lege mich auf den Teppich. Lange genug hier liegenzubleiben, sich von keinem gedonnerten oder gehauchten «Und dennoch» vor der Zeit aufrichten zu lassen, das ist Teil meiner theologischen Arbeit.

Manchmal fügt sich etwas zusammen: Meine noch vorhandene oder in steter Auseinandersetzung wiedererwachte Sympathie für die christliche Tradition verbindet sich zum Beispiel mit einem der überraschenden Forschungsergebnisse, die Kolleginnen aus der Altorientalistik, aus den Bibelwissenschaften und der Kirchengeschichte in den vergangenen drei Jahrzehnten zutage gefördert haben. Mit der Entdeckung etwa, dass Jesus nicht nur in der Tradition sozialkritischer ersttestamentlicher Prophetie, sondern auch in derjenigen der jüdischen Chokmah - Sophia, Weisheit, einer weiblichen Gestalt - steht, was einen unüblichen Blick auf seine weisheitliche Lehre eröffnet: Diese Lehre, zum Beispiel die Bergpredigt, ist keine Anleitung zum Heroismus, sondern eine Einweisung in die grundlegenden Dinge und Handlungsweisen, die es zum guten Leben braucht.

Oder meine Sympathie für die christliche Tradition verbindet sich mit einem von bürgerlicher Moral unverstellten Blick auf die - normalerweise umstandslos als Sünderinnen bezeichneten - vier namentlich erwähnten Stammütter Jesu, auf Tamar, Rahab, Ruth und Bathseba. Die «Sünde» dieser vier Frauen besteht nämlich schlicht darin, dass sie sich als sohnlose Witwen, als Prostituierte und als Ehebrecherin ausserhalb patriarchal geordneter Familienstrukturen bewegen und sich durch phantasievolles Handeln ein würdiges Leben erkämpfen. Maria, die unverheiratete Mutter Jesu, passt gut in diese Reihe; ihr Kind ist der Abkömmling einer prägnant unangepassten weiblichen Genealogie. Auch später verkehrt Jesus gern mit Frauen, die ausserhalb der geltenden Ordnung leben. Familie ist ihm nicht wichtig. Und dass wohlhabende Frauen seinen Unterhalt bestreiten, stört ihn nicht.

Und weshalb orientieren wir eigentlich unsere derzeit aus aktuellem Anlass so vielbesprochene Zeitrechnung an Jesu Geburt und nicht an seinem angeblich viel bedeutsameren Tod? Meine theologischen Lehrer scheinen sich diese Frage nie gestellt zu haben, aber ich weiss die Antwort: Weihnachten ist und bleibt zwar ein fröhliches Kinderfest, aber es ist deswegen nicht das harmlose theologische Nichts, zu dem ahnungslose Androzentriker es gemacht haben.

Bevor Gott Mann wird, ist er Säugling, von einer Frau geboren wie wir alle. Säuglingen aber, Kindern und Jugendlichen werden wir nicht gerecht, wenn wir uns als ewig unzulängliche Untertanen vor ihnen niederwerfen. Um erwachsen zu werden, braucht der säuglinggewordene Gott das behutsame, umsichtige und sachkundige Tätigwerden, das die meisten von uns am besten bei ihren Müttern lernen. Die theologische Entdeckung der Geburtlichkeit Gottes steht noch aus.

Manchmal erscheint mir der Mann Jesus hässlich, oder ich stelle ihn mir bewusst so vor. Nirgends in der Bibel steht, er sei schön und blond gewesen. Ein kleiner schräger Typ stakelt dann über die Wellen und kichert, zusammen mit seinem Busenfreund Petrus, über ein gescheitertes Experiment. Vielleicht wird ja der Glaube beim nächsten Sturm stark genug sein? Vielleicht wusste der Meister einfach am besten, wo die versteckten Steine unter dem Wasserspiegel liegen? Was kümmert es mich? Wenn ich es nur endlich schaffe, mir den liebevoll unangepassten Mann, der er doch gewesen sein soll, auf meinen Teppich zu holen. Wenn er dann, in Gestalt meiner zerfledderten Lutherbibel, bei mir Platz genommen hat, wird manches vernünftige Wort gewechselt. Die Tradition nennt das «Gebet».

Kann also ein männlicher Erlöser Frauen erlösen?

Zwanzig Jahre theologische Existenz sind noch nicht genug, um die Vorstellung, «Sünde» meine in erster Linie ausserehelichen Beischlaf, Homosexualität und diverse Formen von Aufruhr, und bei der «Erlösung» handle es sich um ein in Bekenntnisformeln eingefrorenes Standardgeschehen, endgültig ad acta zu legen. Es fängt immer alles wieder von vorne an. Aber allmählich ist das anstrengende Hin und Her grundiert von der Gewissheit, dass, mit einer wachsenden Gemeinde aufgeweckter Frauen, auch unsere Verantwortung und Vollmacht wächst, bessere Worte in die Welt zu setzen.

Unter «Sünde» verstehen wir die unabschaffbare Tatsache, dass wir, Frauen und Männer, immer wieder an unseren Idealen eines sorgfältigen und liebevollen Umgangs miteinander und mit der Welt scheitern. Und «Erlösung» bedeutet, dass wir trotzdem immer wieder neu anfangen können und sollen. Um erlöst zu leben, brauche ich keinen Perfektionisten der Sündlosigkeit und kein freiwilliges Selbstopfer, sondern einen intelligenten Begleiter, der mir in dieser und jener Episode zeigt, wie es wäre, gut zu leben, der sich nicht scheut, die Konsequenzen seines menschenfreundlichen Widerspruchsgeistes bis zum Ende zu tragen und der dennoch nicht im Strom des allgemeinen Vergessens versunken ist.

Ob Jesus wirklich auferstanden sei? Ob es deshalb auch für uns ein Leben nach dem Tod gebe? Über solche Fragen zu debattieren ist ein geistreicher Zeitvertreib. Wenn es ernst wird, sind wir gut beraten, die Antwort einer Anderen zu überlassen.


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