Die Festrede hat eine schlechte Presse. Nichts ist wohlfeiler, als ihr hämisch nachzuweisen, dass sie langweilig, geschwätzig und geschwollen sei. «Dem Gedanken geht die festliche Rede aus dem Weg», schreibt der Kulturhistoriker Hermann Glaser. «Was gemeint ist, bleibt unklar; wahrscheinlich ist überhaupt nichts gemeint.»
Wie ungerecht! Natürlich, wir kennen alle jene Redner, die auf Gemeinplätzen einen schrecklich langsamen Walzer tanzen; die ihre Wörter einspeicheln und in der Mundhöhle zum Salat anrichten; die, statt zum herbeigesehnten Ende zu kommen, die Drohung ausstossen: «Bevor ich zum Schluss komme, will ich noch . . .» oder gar «Lassen Sie mich eine erste Zwischenbilanz ziehen», wenn die Zuhörer meinten, die Schlussbilanz wäre der Rede schon vor zehn Minuten ziemlich gut bekommen.
Selbst schlechten Festrednern aber bleibt zuzubilligen, dass man von ihnen etwas fast Unmögliches verlangt - ein Umstand, der die gute Festrede desto bewunderungswürdiger macht. Nicht zu lange soll sie sein; freilich nicht so kurz, dass es der Würde des Anlasses unangemessen wäre; wiederum so lang natürlich, dass alle Honoratioren begrüsst und ihre kumulierten Anliegen ausgeleuchtet und gewürdigt werden können.
Wenn die Rede folglich weder kurz noch lang sein darf, so muss sie doch kurzweilig sein - nur bitte nicht um den Preis satirischer Anmerkungen zu den Honoratioren oder ihren rühmlichen Anliegen. Unbedingt muss der Redner das von allen Erwartete sagen - vorausgesetzt, dass die Festrede das Unerwartete enthält, weil nur dadurch die Gäste am Gähnen gehindert werden können.
Falls ein Redner scheitert, so sollte man ihm also wahrlich keinen Vorwurf machen: Zu solcher Akrobatik ist der Mensch eigentlich nicht geschaffen. Und dabei hat selbst der scheiternde Festredner, der Langweiler und Einspeichler, immer noch zwei nützliche Funktionen: Er hilft die kaum erträgliche Peinlichkeit eines stummen Festaktes vermeiden, und er trägt seinen Teil dazu bei, dass die Welt zusammenhält. Das klingt wie Aberwitz, doch es ist wahr, und mit einem Abstecher nach Tibet und in die Südsee lässt es sich auch anschaulich machen.
Was geschieht denn nach lamaistischem Glauben, wenn tibetische Mönche ihre Gebetsmühle drehen? Die segenspendende Kraft der Formel «Om mani padme hum» soll dadurch zum Heil der Menschheit vervielfacht werden. Wer also während einer Festansprache immer nur «Om mani padme hum» verstünde, hätte gegen die Rede keinen ernstlichen Einwand erhoben.
Auf der Südseeinsel Dobu hatte der Gebetsfleiss seinen Weltrekord erreicht: Das Leben der Insulaner war ausgefüllt vom Murmeln magischer Sprüche. Nicht einmal die Früchte auf dem Feld konnten wachsen, wenn nicht Tag und Nacht ein Mitglied der Familie am Rand des Feldes betete; und wer das Gegenteil ausprobieren wollte, der hätte erlebt, dass der Medizinmann kam, um die Früchte eigenhändig auszureissen - womit dann bewiesen gewesen wäre, dass Früchte ohne Gebete nicht gedeihen.
Ist es so viel anders, was da Tag für Tag in den Parlamenten zu Bern, Bonn, Strassburg geschieht oder in der Vollversammlung der Vereinten Nationen oder sonntags landauf, landab in allen Hochburgen der Zivilisation? Kommt es denn wirklich darauf an, ob sie geistvoll sind oder gar etwas bewirken, diese immer gleichen Reden über die immer selben Sachen, deren Protokolle langsam die Gewölbe sprengen? Ist nicht vielmehr der Mensch jener plappernde Primat, der von dem Gefühl durchdrungen ist, er habe den Weltlauf mit Wörtern nachzuzeichnen und ein unbeschwatztes Leben wäre der Tod? Sollte der alte Satz «Ich denke, also bin ich» nicht durch die Formel «Ich spreche, also bin ich» ersetzt werden, zumal da man sich des Sprechens sicher sein kann, des Denkens aber nicht?
Selbst einem schlechten Festredner sollten wir dankbar sein: Er trägt dazu bei, den erdumspannenden Redestrom zu speisen, der uns erst zu Menschen macht. Und noch dazu bemüht er sich redlich, unsere Seele zu erheben, bevor die Bäuche auf ihre Kosten kommen: Man isst ja mit besserem Gewissen, wenn man zuvor die Leistung erbracht hat, einer ungeliebten Rede zu lauschen; ein Ablauf, den das «Fest der vier Nationen» 1991 in Lausanne genial beschleunigte, indem es zum Thema der Festreden die kulturelle Bedeutung der Kochkunst nahm.
Und nun gar die gute Festansprache! Wieviel unendlich Wahres wird da ausgesprochen, einfach weil es einmal gesagt werden musste. Lasst uns ein Europa des Herzens bauen! Lasst uns die Chancen der systemöffnenden Zusammenarbeit kraftvoll nutzen! Lasst uns die Vielfalt nicht als Zustand unverbindlichen Wohlwollens verstehen, sondern sie durch Taten verwirklichen! Die überdauernden Werte! Die selbstlose Hingabe an das grosse Ziel! Vor der «Europäischen Evangelischen Versammlung zur interkonfessionellen Gesprächsführung» im letzten März (einer überaus festlichen Veranstaltung, wie man leicht heraushören kann) schoss der österreichische Delegierte den Vogel ab mit dem königlichen Satz: «Der Dialog darf nicht aufhören, weil wir sonst die Geborgenheit der Handlungsverhinderung verlieren.»
Wer solche Reden nicht genösse, der hätte Unrecht getan - dem Redner wie auch dem Autor dieser Zeilen in seinem hohen Respekt.