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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Überleben in Ouagadougou

© Sandine Balade und Joël Cubas,...
Franziska und Amédée Kaguembèga mit ihren Töchtern Rebeka und Loriane vor ihrem Haus in Ouagadougou Linktext
Die Schweizerin Franziska Kaguembèga hilft den Menschen in Burkina Faso, sich selbst zu helfen. Ihre Idee ist so schlicht wie bestechend: Zäune bauen.

Von Gudrun Sachse

Nach nur einem Jahr spross aus dem verdorrten Boden wieder Leben. Und mit dem Sprössling des hellgrünen Néré-Bäumchens kam der Stolz des Bauern Sibnoaga Barthélemy Ouédraogo zurück. Sein Bettgestell hat er an einen Baumstamm gekettet, eine Kiste dient ihm als Kleiderschrank. Am liebsten würde er seine umzäunte Parzelle nie mehr verlassen. Hier kann er die jungen Bäumchen beschützen, den Boden bearbeiten, den Blättern beim Wachsen zusehen – und er entgeht dem Trubel in seiner Hütte im Dorf Nambeguian. Ouédraogo hat zwei Frauen und zehn Kinder. Seine Hütte liegt zwanzig Minuten Fussmarsch von der Parzelle entfernt in einem Dorf mit Lehmhütten und Mauern aus Lehmbacksteinen, umherlaufenden Ziegen und einem Mangobaum, der vor der grössten Hitze schützt.

Auf seinem Stück Land gedeiht endlich genügend Nahrung, um seine Familie satt zu machen, und manchmal kann er etwas auf die Seite legen, damit er in der langen Trockenzeit ein Einkommen hat: Er hat Gras zu verkaufen, Früchte, Nüsse und Honig. Auf seinen 3 Hektaren regenerierte sich die Natur. Das Wurzelgeflecht der Bäume hat die Qualität des Bodens und den Wasserhaushalt verbessert. Ein­heimische Pflanzen sind herangewachsen, Kulturland ist entstanden. ­Sibnoaga Barthélemy Oué­draogo ist wieder jemand, ein Bauer mit ­Erträgen – dank einem Zaun mit ­einem Tor und einem Schild, auf dem über seinem Familiennamen «Privé» steht. An dem Tor hängt ein kleines Vorhängeschloss, das er sorgfältig verschliesst, bevor er uns in sein Dorf mitnimmt.

Es ist ein simples Konzept, das Franziska Kaguembèga seit sieben Jahren als Projektleiterin der Organisation New Tree in Burkina Faso verfolgt: Eisenpfosten, Drahtrollen und Zement werden zur Verfügung gestellt, damit die Bauern daraus Zäune fertigen können. Aufforstung allein sei keine Lösung für den Sahel, sagt die Biologin, da sich nach dem Anpflanzen niemand um die Bäume kümmere – «sonst wäre das Land bereits mehrfach bewaldet». Doch Bäume und Sträucher werden von Viehherden abgefressen, von Bauern in ihrer Not ums tägliche Überleben abgeholzt und verkauft. Um an besseres Kulturland zu kommen, brennen sie Bäume nieder, da der Boden in den noch bestehenden Wäldern fruchtbar ist. Das versucht Franziska Kaguembèga zu verhindern, im noch kargeren Norden des Landes und hier unten auf dem «Plateau central» um Ouagadougou.

Ouagadougou. Von Paris aus fliegt die Air France täglich ausser mittwochs in sieben Stunden dorthin. Es ist ein ruhiger Flug mit Stop in Niger. Der A 340 ist zur Hälfte besetzt, mit zwei, drei Touristen, einer Handvoll Entwicklungshelfern, der Rest sind Geschäftsmänner. Es ist früher Abend, als die Maschine auf der Betonpiste der Hauptstadt Burkina Fasos landet, eines der ärmsten Staaten der Welt. Jeder ­Reisende ist gegen Gelbfieber geimpft, gegen Meningitis­ – kürzlich gab es eine Epidemie – und nimmt ein Mittel gegen Malaria ein. Der Körper ist bereits vor der Ankunft erschöpft. Und dann schlägt ihm beim Aussteigen diese trockene Hitze entgegen, die seit Monaten auf dem ausgedörrten Land ruht wie ein viel zu schwerer Teppich. Im Oktober hat es zum letzten Mal geregnet.

Der Flughafen ist eine Backstein-Wellblech-Konstruktion. Im Innern plagen sich die Blätter der Ventilatoren durch die heisse Luft. Ein Polizist studiert den Reisepass, als löse er eine Rechenaufgabe. Als ich Franziska Kaguembèga vom Flughafen aus anrufe, sitzt sie in einer Versammlung in Gampéela, einem kleinen Dorf ausserhalb Ouagadougous, in dem sie mit Spendengeldern ein Ausbildungszentrum bauen liess. Tii Paalga ist ihr jüngstes Projekt. «Ich komme», ruft sie durch ein Gewirr von Stimmen ins Telefon, und eine halbe Stunde später fährt ein grauer Geländewagen vor, und eine Frau in einem geblümten Top steigt aus, Ende dreissig, mit schulterlangen blonden Haaren.

Ouagadougou ist eine Millionenmetropole, die grelle Sonne prägt die Farben der Stadt. Velos wuseln zwischen Motorrädern hindurch, Geländewagen und zusammengeflickte Autos warten vor Rotlichtern, Frauen kochen am Strassenrand. Der Duft von Holzkohle kriecht in das Wageninnere, junge Männer strecken uns Telefonkarten und Mangos entgegen. Franziska gibt ihnen ein Zeichen, das so viel bedeutet wie: Morgen, vielleicht kaufe ich morgen. Im Auto läuft die Kassette mit der heimlichen Hymne des Landes: «Burkina Faso ya noma noma saia sida Faso noma…» Burkina Faso ist gut, ja sehr gut, ja es ist wahr, Faso ist gut. Die Burkinabé sitzen auf dem Boden und liegen auf Holzbänken, sie warten auf ein Geschäft, auf den nächsten Tag, auf den Tod. Ein französischer Journalist sagte, das sei das Unerträglichste in diesem Land: das rasche und selbstverständliche Sterben von Menschen, die man gestern noch gesehen habe.

Wir fahren auf einer geteerten Strasse, rechterhand entsteht ein gigantisches Autobahnkreuz, ein Millionenprojekt des Staates. Bauruinen zeichnen das Bild unendlicher Trostlosigkeit. Die Regierung nennt sich demokratisch. Aber immer wieder werden kleine Aufstände, sei es gegen die steigenden Lebensmittelpreise, sei es gegen die Ermordung eines regierungskritischen Journalisten, erstickt. Zur Beruhigung der Massen gibt es dann eine «journée de pardon». Ouagadougou ist kein Paradies. Doch nach wenigen Tagen schon, sagt Franziska, werde es zu einem zeitlosen Ort, an dem die schweren Tage unmerklich vergingen.

Der Fahrer biegt in eine staubige Seitenstrasse. Die Piste säumen Holzverschläge. In Glasflaschen wird Benzin angeboten, der Friseur hat Kundschaft, der Velomonteur zwei Gummischläuche vor seinem Laden ausgelegt. Als Franziskas Mann Amédée vor dreissig Jahren im Quartier Bendogo aufwuchs, jagte er nach der Schule Hasen. Wo heute eine rote Sanddecke liegt, war damals Wald. Der Fahrer hupt ausdauernd, bis der Tageswächter Harouna das mit Blumen überwachsene Tor zum Grundstück öffnet.

Vor elf Jahren kam Franziska Müller in Ouagadougou an. Für ihre Diplomarbeit am Tropeninstitut in Basel sollte sie sechs Monate bleiben. Es war ein finanziertes Forschungsprojekt über die Kleingärten in Ouagadougou, einer Stadt, deren Namen sie nie zuvor gehört hatte. Bei der Auswertung der Daten traf sie den Wirtschaftsstudenten Amédée Kaguembèga. Er beeindruckte sie, in seinem golden bestickten Gewand. Die Auswertungen dauerten Monate und oft bis spät in die Nacht. Eines Tages dann stand Amédées Mutter vor der Tür, eine schlanke und resolute Frau, die ihren Sohn zurückforderte.

2003 heirateten die beiden in Franziskas Heimat in Baar, kurz darauf kam das erste Mädchen zur Welt, Loriane, drei Jahre später Rebeka. Bei der Hochzeit in Ouagadougou kreuzte sie bei der Frage: «Eine oder mehrere Frauen?» das Feld «Eine Frau» an. So ist es geblieben. So wird es bleiben. Auch wenn sie sich in letzter Zeit Sorgen über die langen Arbeitszeiten ihres Mannes macht – und weil sie seinen Wagen gestern vor dem «Camping Le Pharaon» stehen sah. Sie hat ihn noch nicht gefragt, was er dort zu schaffen hatte. Aber sie wird es tun.

Die Heirat machte sie zu einer Burkinabé und einer Mossi. 60 Ethnien gibt es in Burkina Faso. Die Mossi im Zentrum des Landes sind die stolzeste und die zahlenmässig stärkste. Ihre Sprache ist Mooré und «schwierig zu lernen», sagt Franziska Kaguembèga, «weil sie ohne Sinn und Logik ist». Dennoch spricht sie gut genug Mooré, um den Dorf­ältesten die Anliegen von New Tree näherzubringen. Dafür braucht sie sehr viel Zeit. Bis eine 3 Hektaren grosse Parzelle umzäunt wird, vergeht nicht selten ein Jahr mit Verhandlungen. New Tree beschäftigt 17 Mitarbeiter. Seit Beginn an Franziska Kaguembègas Seite ist Ambroise Zongo. Er bügelte in der Stadt Hemden und Hosen, ehe sie ihn zum «besten Baumkenner des Landes» ausbildete.

Im Dorf Nambeguian begrüsst sie der Dorfälteste in Mooré. «Yeela» raunzt er, «willkommen», worauf Franziska ein tiefes, nasales «hei» von sich gibt und Ambroise Zongo mit «naaba» antwortet. Dann setzen sie sich zu den Männern des Dorfes unter den Mangobaum. Man begutachtet sich freundschaftlich und macht hmm, hmm. Eine halbe Stunde vergeht mit diesem Singsang, bis aus dem nahe gelegenen Brunnen Wasser gepumpt und daraus Hirsewasser «Zom Com» zubereitet ist, das der Älteste zuerst schlürft; dann reicht er den Becher weiter. Mit zunehmender Leichtigkeit fliessen die «hmm» dahin, der Älteste liegt in einem hölzernen Liegestuhl, die Beine und Arme lässig von sich gestreckt wie ein Tourist beim Sonnenbad.

Dann beginnt der offizielle Teil des Besuchs, wird die Anfrage des Dorfbewohners erörtert: Ist seine Parzelle gross genug? Hat sie kein Wasserloch? Sind die Bodenrechte geklärt? Wenn das Feld von New Tree für geeignet befunden wird, müssen die Nachbarn, die offiziellen Vertreter des Dorfes, der Landchef und der Bürgermeister ihr Einverständnis für die Umzäunung geben. Auf einem Formular besiegelt ein Fingerabdruck die neuen Verpflichtungen des Landeigners: Sieben Jahre gehört das Zaunmaterial New Tree, innerhalb der Parzelle dürfen keine Tiere gehalten werden, darf kein Feuer brennen, kein Baum abgeholzt werden. Sand, Steine und Wasser müssen vorhanden sein, damit die Pfosten einbetoniert werden können. Erst wenn die Pfosten stehen, werden die Rollen mit Draht ins Dorf gefahren, wo sie vom Bauern auf einem Eselskarren zur Parzelle gebracht werden.

700 Meter Zaunmaterial kosten 3500 Franken. Dazu kommen die Löhne der Mitarbeiter von New Tree, die Ausbildung der lokalen Partner, Administrationskosten. Für eine einzige Parzelle braucht es Spenden in der Höhe von 15 000 Franken. Die Bilanz New Trees von 2008: 231 Hektaren Land, verteilt auf 92 Parzellen, wurden eingezäunt. Pro Hektare wachsen im Durchschnitt 700 Bäume. Jährlich erhält New Tree über 200 Anfragen von Bauern, nur 30 können behandelt werden. Dass Franziska Kaguembèga eine Weisse sei, eine Frau und dazu noch eine, die Bedingungen stelle, habe ihn nie interessiert, erklärt der Dorfälteste. Ihre Idee habe ihm gefallen. «Sie ist unsere Frau, eine Mossi-Frau.» Sie nicken sich zu.

Sind die Löcher für die Pfosten unter Aufsicht der Zauntechniker von New Tree gegraben, werden die Pfosten einbetoniert. Das dauert drei Tage. Ist der Beton gehärtet, flechten die Dorfbewohner die Drähte durch die Pfosten zu einem starren Zaun. Sie stehen, sitzen oder knien bei der Arbeit auf dem Boden, als wöben sie ein grosses Tuch. Das dauert meist eine Woche.

In dieser Riesenstadt brauche sie einen Flecken Grün, sagt Franziska entschuldigend beim Anblick des Rasens und der Bäume auf ihrem Grundstück. Das Haus hat sie mit ihrem Mann vor sieben Jahren entworfen. Sie hatte keine Zeit, beim Bau danebenzustehen, sagt sie, aber einen Schwiegervater, der alles überwachte – «glücklicherweise», so seien die meisten Wände gerade geworden. Nur die Fenster wurden falsch montiert, so dass in der Regenzeit das Wasser den Fensterrahmen entlang ins Haus hineinläuft. Es ist ein offenes, helles Haus. In den Schlafzimmern hängen Klimaanlagen, die sparsam einzustellen seien.Strom ist hier teurer als in der Schweiz – und nur sporadisch vorhanden. In jedem Zimmer stehen Kerzen, damit die Kinder den Weg in ihre Betten finden, unters Moskitonetz schlüpfen können, das zusammengehalten wird von einer Prinzessinnenkrone.

Mit 37 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Burkina Faso eines der dichtestbesiedelten Länder Westafrikas. Die zunehmenden Dürreperioden treiben die Menschen in die Städte. Während die unter der Last der Zuzüger zu er­sticken drohen, werden die verlassenen Landstriche zu Wüsten.

Es ist nicht so, dass die Regierung Burkina Fasos nichts für das Land täte. Immer wieder werden Bäume gepflanzt, mit grossem Tamtam steht dann ein Minister mit einer Schaufel in der Hand vor der Kamera des Staatsfernsehens und lässt sich feiern. «Ein Jahr später liegen vereinzelte Baumleichen herum», sagt Franziska Kaguembèga, weil sich niemand für die Bäume verantwortlich fühle. In den 1980er Jahren hat man Eukalyptusbäumchen an die ländliche Bevölkerung verteilt; Eukalyptus gibt Holz, aus dem Hütten gebaut werden können. Aber Eukalyptus wächst auch auf kargem Boden nur darum so schnell, weil er mit seinen meterlangen Wurzeln die Grundwasservorräte anzapft. Das führt dazu, dass der Grundwasserspiegel sinkt; ganzen Landstrichen, auch ausserhalb der Eukalyptuspflanzungen, wird das Wasser entzogen.

Oder die Baumwolle: Sie ist Burkina Fasos einziger Exportschlager. Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, werden die Baumwollstauden unter grossem Einsatz von Energie, Wasser, Dünger und Pestiziden gehalten. Dass die Bauern, allen Anstrengungen zum Trotz, nicht von ihrem Anbau leben können, verhindert die Subventionspolitik der USA und Europas, die die eigenen Baumwollproduzenten grosszügig unterstützt und so den Weltmarktpreis drückt.

Der Baumkenner Ambroise Zongo bleibt vor jedem Baum und jedem Strauch andächtig stehen. Alle paar Monate werden die Parzellen kontrolliert und die Bauern in nachhaltiger Nutzung ihres Waldes unterrichtet. Einmal jährlich wird der gesamte Baumbestand überprüft und vermessen. 120 einheimische Baumarten konnten sich in den letzten zehn Jahren regenerieren. Jeder Baum ist eine Apotheke, ein Einkaufsladen. Jedes Blatt, jede Frucht taugt zu einem Rezept, und Ambroise Zongo kennt sie fast alle.

Die rote Blüte des Néré zum Beispiel. Aus ihr entsteht die Frucht, deren Kerne zu Soumbala, «Afrikas Maggi-Würze», geformt werden. Zu einer Kugel zusammengeklebt, verströmt sie einen strengen Käsegeruch. Links vom leuchtenden Néré steht ein Karité, auch Frauengold genannt. Seine Nüsse geben die wertvolle Sheabutter, zum Kochen und für die Schönheit, mit der die Burkinabé ohnehin grosszügig beschenkt sind. Kostbar ist auch der mächtige Affenbrotbaum, der afrikanische Baobab. Seine Früchte helfen gegen Infektionen, seine Blätter gegen Magen-Darm-Entzündungen, und das Fruchtfleisch ist reich an Vitamin C, B und Calcium. Die Blätter des Baums werden als Gemüse zerstampft und gekocht, bis sie schleimig sind, und mit dem klebrigen Soumbala gewürzt. Zu dieser dunkelgrünen Sauce gibt es dann Tô, Hirsebrei.

Kräftig rührt die Frau des Dorfältesten im Kessel; sie bereitet den Tô für ihre Gäste zu. Sie schwitzt unter ihrer bunten Wollmütze. Der grosse Kessel mit dem Brei steht auf drei Steinen, geschützt durch einen Mantel aus Lehm, Dung und Stroh. Die Kochstelle sieht heute wieder aus wie vor Jahrzehnten, nur mit einer kleinen Öffnung, um Feuerholz zu sparen – auch das eine Initiative von New Tree. Schwungvoll stapelt die Köchin schliesslich die fertigen Breifladen auf einen Teller. Kleine Klumpen davon werden von Hand in die Sauce getunkt. «Hmm», sagt der Dorfälteste. Und meint diesmal vermutlich einfach nur «hmm».

Franziska und Amédée Kaguembèga gehören zur Mittelschicht. Seit ihr Mann vor vier Jahren ein Geschäft zur Vermietung von Baumaschinen gegründet habe, habe er noch mehr Neider, sagt sie. Mit einer Weissen verheiratet zu sein, gelte bereits als «Geldsegen», ein eigenes Geschäft zu haben, mache ihn zum «Milliardär». Dass Amédée Schulden abbezahle und hart arbeite: «Wer sieht das schon?» Sie beschäftigen vier Vollzeitangestellte, «nicht aus Luxus, sondern aus Solidarität und Notwendigkeit». Da Franziska von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr im Büro oder draussen auf den Feldern arbeitet, bleibt ihr keine Zeit, mittags nach Hause zu kommen, um für ihre Kinder zu kochen. Und Fertiggerichte gibt es in Ouagadougou nicht um die Ecke zu kaufen.

Alix, das Kindermädchen, ist eine stattliche Frau mit einem breiten Lachen. Sie trägt ihr afrikanisches Gewand mit Würde. Zu Hause hat sie zwei kleine Kinder und einen prügelnden Mann. Desiré, einer der Wächter, hatte nach einem Unfall einen linken Arm, der nutzlos an ihm herunterhing wie eine Wurst. Der Arm war gebrochen, der Knochen darin bereits am Verfaulen. Die drei notwendigen Operationen bezahlte seine Chefin. Marc, einer der Gärtner und Hauswart, wurde von seiner Frau verlassen, weil er ihr zu arm war. Seinen Sohn fand er Jahre später auf der Strasse wieder, heute ist der 12 Jahre alt und geht erstmals zur Schule. Adjarra ist Franziskas «Adoptivtochter», seit sie sie im Alter von 16 Jahren bei sich aufgenommen hat. Adjarra sollte in Benin zwangsverheiratet werden.

«Ich habe wohl einen Hang zu Sozialfällen», sagt Franziska. Aber sie ist nicht nur die gütige Patronin, sie kann auch laut werden, wenn das aus der Schweiz angeschleppte Glas Nutella plötzlich fehlt. Alix zupft dann schuldbewusst an ihrem zitronengelben Gewand. «Mit Afrikanern darf man nicht zu lieb sein, fair und bestimmt, das funktioniert, sonst nichts.» Von ihrem Mann habe sie das gelernt. Täglich kommen Bekannte zu ihr und Bekannte von den Bekannten. «Jeder möchte Geld», sagt sie. Und jeder benötigt das Geld, weiss sie. Oft höre sie gar nicht mehr zu. Diese Armut, das Elend, dieser Graben zwischen Reich und grenzenlos Arm. Das sei nur auszuhalten, weil sie durch ihre Arbeit Lebensgrundlagen schaffen könne, sagt sie, und weil es das Land ihres Mannes sei.

Als Amédée an diesem Abend um elf Uhr nach Hause kommt, stecken an seinen Mittelfingern dicke goldene Ringe. «Dazu sage ich nichts», sagt er. Dann vergräbt er seine Hände in den Achselhöhlen. Für Franziska kommen nur zwei Erklärungen in Frage: Fetisch oder Freundin. Sie kneift ihn in die Seite: «Fetisch?» fragt sie. «Du warst im Camping Le Pharaon?» Er nickt und klagt: Sie sei so gar keine Afrikanerin, «die lassen ihre Männer machen und machen alles für ihre Männer, ohne zu murren.»

Die Fahrt dauert zwanzig Minuten. Dann steht auf der rechten Strassenseite ein Schild «Camping» vor einem flachen Gebäude. In einem Vorzimmer sitzen Cousins des Zauberers auf Kunststoffstühlen, trinken Cola und rauchen. Auch Amédée wartete hier auf Prince Isaac, um ihn um Rat zu bitten.

«Wie alt ich bin?» Prince Isaac lächelt mit kindlicher Freude. «Schätzen Sie!» Er spannt seine Bauchmuskeln an. Er trägt hellblaue Boxershorts und Schlappen, die nicht verhindern können, dass dieser grosse Mann eine aristokratische Höflichkeit ausstrahlt, die ihn ohne weiteres in einem Pariser Luxusrestaurant den besten Tisch bekommen liesse. Sieht so ein Zauberer aus? Keine Trommeln, keine Asche, kein durchdringender Blick. Der selbsternannte Prinz sei der mächtigste Mann Burkina Fasos, sagte Amédée am Abend zuvor, vierzig Boas schlängen sich jede Nacht um seinen Körper.

Des Prinzen Haut ist bläulich schwarz. «Alle kommen sie zu mir», sagt er, «mächtige Männer dieses Landes lassen sich von mir beraten, lassen mich für sie beten.» Prince Isaac stopft seine Pfeife, eine von 350, wie er sagt. «73 bin ich, das hätten Sie wohl nicht gedacht.» Eine Séance kostet nichts, man möge ihm einfach einen französischen Tabak bringen. Irgendwann. Das nächste Mal, wenn man zurückkehre in dieses schöne Land.

Dann führt er in ein dunkles Zimmer, in dem sich erst allmählich die Bank abzeichnet, auf die er weist, und bittet, Platz zu nehmen. Es ist heiss, als brennten tausend Kerzen. Der Prinz braucht nur ein Buch, ein Kreuz, ein Tuch und eine Münze. Und einen Wunsch. Den nimmt er, unausgesprochen, in seinem Innersten wahr. Dann betet Prince Isaac mit einer wunderbar tiefen Stimme, und aus dem Nichts erscheint ein nackter, piepsender Vogel auf seiner Hand. Er könne aus Blättern Geld zaubern, erzählte Amédée. Aber nicht deshalb sei er bei ihm gewesen. Die Burkinabé bitten Prince Isaac um Schutz vor Neidern.

Der Überlieferung gemäss eroberte der Gründer des ersten ­Mossi-Reiches hoch zu Ross das Land. Seither, so besagt die Tradition, sollte jeder Dorfchef ein Pferd besitzen. «Oh, mein Patron ist eine richtige Afrikanerin», sagt der Gärtner Marc und holt Sattel und Zaumzeug. Sein Patron sei fast ein Mann, denn noch nie habe er eine Frau solch grosse Steine schleppen sehen wie damals, als sie den Garten hier anlegten. Das ökologische Ausbildungszentrum Tii Paalga kommt gut voran. Franziska initiierte es vor drei Jahren, als es New Tree finanziell schlechtging; sie hoffte, mit einem Standbein in Burkina Faso auch an lokale Gelder zu kommen.

Bald können hier die ersten Frauen aus Jatrophapflanzen Biodiesel gewinnen, und bald soll hier auch ein Generator stehen, um das Dorf mit Strom zu versorgen. Am Rand des Dorfs befindet sich Franziska Kaguembègas erste Versuchsparzelle, die die Antwort liefern sollte, ob ein simpler Zaun die Verwüstung aufhalten könne. Die Antwort lautete Ja. Die Patronin steigt auf ihr schwarzes Pferd und streicht ihm über den Hals, als an ihrem Finger ein zu grosser silberner Ring auffällt. «Mein Schutz», sagt sie, «jeder braucht Schutz in diesem Land.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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