NZZ Folio 10/08 - Thema: Gratis   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Alan Turing, der unbekannte Sieger

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider

In Churchills Kriegserinnerungen kommt er nicht vor, und fast vierzig Jahre lang unterschlug ihn auch die «Encyclopaedia Britannica»: Alan Turing, der von 1939 bis 1945 der Chefmathematiker der Dechiffrierabteilung des britischen Geheimdiensts war – und zum Sieg über Deutschland vermutlich ebenso viel beigetragen hat wie alle Pattons und Montgomerys der alliierten Armeen. Indem er den deutschen Geheimcode knackte, trug er entscheidend dazu bei, die U-Boote lahmzulegen, die 1943 nahe daran waren, den amerikanischen Nachschub nach England abzuschnüren. 1954 brachte Turing sich mit Zyankali um, und wieder stand das in keiner Zeitung zu lesen.

Sein kurzes Leben lang war er ein Sonderling gewesen. 1912 in London geboren, in der Schule schlampig, stotternd und in Mathematik mit seinen Lehrern überkreuz, weil er anders und vor allem schneller dachte als sie; in der Freizeit ein Marathonläufer, der auch schon mal auf fünfzehn Kilometer U-Bahn verzichtete, wenn sie ihm zu spät zu kommen schien. 1937 beeindruckte er die Fachwelt mit seiner Abhandlung «On Computable Numbers», die als theoretische Basis für die Entwicklung des Computers gilt. 1939, einen Tag nach Kriegsausbruch, griff der Secret Service nach ihm und gab ihm den Auftrag, die Methodik der Chiffriermaschine «Enigma» zu enträtseln, die den Funkverkehr zwischen allen Einheiten der deutschen Wehrmacht sicherte und als die raffinierteste auf Erden galt.

In den Baracken von Bletchley Park nördlich von London konstruierte Turing zwölf elektronisch gekoppelte Gruppen von Rechenwalzen, die im 24-Stunden-Betrieb aus den aufgefangenen deutschen Funksprüchen sinnvolle Buchstabenfolgen herausfiltern sollten. Als die englische Kriegswirtschaft 1942 mit der Anlieferung weiterer Walzen Probleme bekam, schrieb Turing einen wütenden Brief an Winston Churchill – und so bedrohlich war der Würgegriff der deutschen U-Boote an Englands Lebensader, dass der Premierminister brachial für Abhilfe sorgte.

Unter den Geheimdienstlern und Mathematikern von Bletchley Park blieb Turing ein Aussenseiter. Zwar arbeitete er fast rund um die Uhr, aber jeder Disziplin verweigerte er sich. Auch machte er kein Hehl daraus, dass er alle verachtete, die ihm geistig unterlegen waren (und wer wäre das nicht gewesen, seiner Meinung nach?). Er plauderte sarkastisch und sprach unbefangen von seiner Homosexualität, die ja noch strafbar war. Wie zum Hohn auf all die Uniformen und Krawatten um ihn herum band er sich die Hose, wenn sie rutschte, an den Schlips.

Exakt vom 21. März 1943 an konnte die britische Marine dramatisch mehr U-Boote versenken als noch kurz zuvor. Turing hatte die «Enigma» entzaubert, nämlich die Zeit für die Entschlüsselung des täglich wechselnden Codes auf Minuten reduziert – und so war die Admiralität über den Standort und die Angriffspläne aller deutschen U-Boote ständig im Bilde.

Von den Hintergründen wissen sollte natürlich keiner. Auch nach dem Krieg setzte die britische Regierung alles daran, das Geheimnis ihres Sieges in der Atlantikschlacht zu wahren. Turing und seine Leute wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet und nahmen in Kauf, als Drückeberger verdächtigt zu werden. 1946 wurde Turing mit dem «Order of the British Empire» geehrt – wofür, erfuhr wieder keiner. Er war Projektleiter für Computerentwicklung an einem Staatsinstitut und ab 1948 stellvertretender Direktor des Computerlaboratoriums der Universität Manchester.

Seine Leidenschaft galt dem Versuch, den Computer auf die Höhe der menschlichen Intelligenz zu heben, und dafür ersann er den «Turing-Test», wie er bis heute heisst: In drei Räumen, füreinander unsichtbar, befinden sich zwei Menschen und ein Computer. Der eine Mensch schickt per Fernschreiber Fragen in die beiden anderen Räume. Wenn er den Antworten, ebenfalls per Fernschreiber, nicht entnehmen kann, welche vom Menschen und welche vom Computer kommt: dann kann man von einer denkenden Maschine sprechen, dann ist die künstliche Intelligenz erfunden.

1952 ereilte Turing die Katastrophe: Er hatte einen 19-Jährigen bei sich aufgenommen, ihn zwei Tage allein gelassen und fand sein Haus ausgeraubt. Er rief die Polizei – und da er nur mit liberalen Intellektuellen umgegangen war, plauderte er den schwulen Hintergrund der Affäre arglos aus. Wegen «widernatürlicher Unzucht» wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, mit der Auflage, ein Jahr lang weibliche Geschlechtshormone einzunehmen, «um von seiner Krankheit geheilt zu werden». Die Regierung entzog ihm den Status des Geheimnisträgers, womit sie seinen Lebenstraum zerstörte: die Fortentwicklung des Computers.

Als die Zwangsbehandlung beendet war, ertrug Turing das Leben noch ein halbes Jahr. 1974, zwanzig Jahre nach seinem Tod, durfte ein ehemaliger Mitarbeiter aus Bletchley Park endlich das Geheimnis des Sieges über die «Enigma» lüften. 1992 brachte die BBC das Fernsehspiel «The Strange Life and Death of Dr. Turing», und ein seltsames Leben war es ja wirklich gewesen.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




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