NZZ Folio 09/06 - Thema: Privatisierung   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Diszipliniertes Chaos

© Heinz Unger
In der Dachkammer hat sich der Bewohner ganz der Schrift verschrieben. Linktext
Immer auf dem Laufenden und doch hinterdrein? Historiker oder Fachjournalistin?
Wen ein Psychologe und eine Innenarchitektin anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Der Psychologe

Wunderbar, wie sich in einer einzigen Wohnung ganz verschiedene Zeiten übereinanderschichten: das Haus aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, die Souvenirs und das Mobiliar aus verschiedensten Zeiten, die Arbeitskammer, verstaubt zwar, ganz im Hier und Jetzt. Sie verzaubert uns wie Spitzwegs Dachkammer, weist auf intensive, emsige und kluge Arbeit hin, ist überfüllt, dicht, eher dunkel und ganz der Schrift verschrieben. Mit Ausnahme von Computer und CD-Anlage gibt es kaum Konzessionen an Modernes. Der Bewohner blickt auf eine lange und beständige Vergangenheit zurück, Reliquien aus früherer Zeit werden in Ehren gehalten, gleiten weg ins Dekorativ-Museale.

Da war jemand weit herumgereist, tätig an verschiedensten Orten und in Situationen, die in Widerspruch zu dieser gemächlichen Häuslichkeit standen. Jetzt wird vieles aufgearbeitet mit einem besonderen Flair für Zeitgeschichte und ihre Wandlungen. Ein Historiker? Eine Fachjournalistin? Menschen, die viel lesen und schreiben, haben immer ein grosses Schuldkonto an Noch-nicht-Gelesenem und Noch-nicht-Verarbeitetem, sie schwimmen in der Fülle des Vergangenen und der Neuzugänge, sind zwar stets auf dem Laufenden und dennoch immer hinterdrein. Nur äusserlich lässt die Studierstube ein Chaos assoziieren, die darin tätigen Menschen sind diszipliniert, gehören zu jenen, die, trotz scheinbarem Gewühl, das Gesuchte sofort finden. Das Hirn arbeitet fast immer und muss sich deshalb klare Zonen der Entspannung verordnen, ebenso den Kontakt mit anderen Menschen und Familienmitgliedern, die gelernt haben, wann man ihn oder sie stören darf und wann nicht. Berthold Rothschild

Die Innenarchitektin

Eine helle, geräumige Wohnung in einem gutbürgerlichen Altbau. Sehr schön die grosszügige Raumhöhe, auf die man heute im Wohnungsbau aus Kostengründen meist verzichtet. Schön auch die alten hohen Sprossenfenster. Dank ihrer Dimension fällt viel Licht in die Zimmer. Die Fenster sind ein Zeichen ihrer Zeit, fein und sorgfältig verarbeitet, mit ganz speziellen Heizungsverkleidungen und einer tiefen Fensterbank. Solch filigrane Holzrahmen sind in modernen Konstruktionen bei den heutigen Anforderungen an Wärme- und Schallschutz schlicht unmöglich.

Die Zeit scheint in diesen Räumen stehengeblieben zu sein. Sowohl der Ausbau als auch die Möbel und die Gebrauchsgegenstände scheinen über Generationen unverändert. Vermutlich standen die alten Stücke früher in einem üppigeren Kontext und wurden durchaus auch benutzt – heute wirken sie eher wie Teile einer Ausstellung über zwinglianische Wohnkultur. Auch in der Küche herrscht strenge Disziplin. Die Wolldecke auf dem Holzstuhl und das Sitzkissen sind der höchste Ausdruck von spartanischem Komfort.
In einem Zimmer ist aber der Teufel los: ein unrenovierter Raum mit kleinen Bauschäden, einem rohen Dielenfussboden, improvisierter Ausstattung und einem sehr originellen Vorhangkonzept. Das Arbeitszimmer ist gleichzeitig Archiv. Die Papierflut ist komplett ausser Kontrolle geraten. Freigeräumt ist lediglich noch die Schreibunterlage mit etwas Umraum und ergonomischem Bürostuhl, der als einziges zeitgenössisches Stück die Konsequenz der Stilistik bricht. Dank dem portablen Computer ist die Flucht ins 21. Jahrhundert jederzeit mit einfachem Handgriff möglich. Jasmin Grego

Georg Kreis, Historiker, Präsident der eidg. Kommission gegen Rassismus

«Ob ich in meinem Arbeitszimmer all das finde, was ich suche? Wenn ich jetzt sage: Ja, dann werde ich morgen vom Schicksal gestraft und finde nichts mehr. Ich sortiere grob und verfüge über ein topographisches Gedächtnis, das sich mittlerweile in drei Räumen auskennen muss. Ich weiss, in welcher Ecke die Dossiers über den Armeniergenozid oder über den Bevölkerungsschwund in Europa liegen und was sich oben links und unten rechts auf den Stapeln befindet. Der Gedanke, dass dank Google dieses Archivieren nicht mehr nötig ist, überfällt mich mehr und mehr, aber für meine Arbeit ist meine Dokumentation nach wie vor schneller und besser. Staubig ist es hier nicht. Aber ich bin für möglichst wenig Putzen. Wenn übermässig geputzt wird, bekomme ich Angstzustände.

Das Arbeitszimmer unter dem Dach ist keine isolierte Zelle, die Tür steht immer offen, damit ich mit dem Rest des Hauses auch akustisch verbunden bin. Meine ersten zwei Stunden am Tag, von sieben bis neun Uhr, verbringe ich möglichst schreibend. Nur so bekomme ich den Eindruck, den Tag begonnen zu haben. Dann fahre ich zehn Minuten mit dem Velo ins Europa-Institut. Mein Büro dort ist zwar schöner als hier zu Hause, aber konzentriert schreiben kann ich dort nicht. Gegen ein Uhr komme ich heim und arbeite den Nachmittag zu Hause. Aus meinem Arbeitszimmer habe ich einen wunderbaren Blick auf die Lindenbäume, deren Blätter morgens ganz anders aussehen als abends.

Das Reihenhaus wurde 1926 erbaut. Seit dreissig Jahren lebe ich in Basel im Paulusquartier zur Miete. Wenn man eine neue Partnerschaft eingeht, sollten eigentlich beide ihre Nester auflösen. Aber dieses war zu schön. Als ich vor zwölf Jahren zum zweiten Mal heiratete, ist meine Frau mit ihrem Sohn bei mir eingezogen.

Ich bin so oft wie möglich zu Hause, aber das ist wenig originell, das wollen wohl alle. Wenn ich Freitag und Samstag eine Tagung in Wien habe, nehme ich den Samstagabendflug zurück, damit ich sonntags zu Hause bin. Wenn ich an meinen Sohn mit seiner Pfadi und dem Rugbytraining denke, ist der mindestens so oft weg wie ich.

Für die Einrichtung bin ich verantwortlich. Ich mag Arrangements, wie den alten Strickkorb neben dem Lehnstuhl. Meine Frau ist diesbezüglich sehr tolerant. Sie akzeptiert auch meine Schwäche für Serielles, wie die Amphorenhenkel, Bäume und Zinnkanonen in der Vitrine neben dem Lehnstuhl. Jedes Teil ist gleich und doch leicht anders. Diese Phase liegt aber eigentlich hinter mir. Kürzlich habe ich beim Antiquar so lange mit dem Kauf eines Kinderspielzeugautos aus Blech gezögert, bis es verkauft war. Langsam macht sich in mir eine Bremse bemerkbar. Ideal wäre es ja, wenn man bis zu seinem Lebensende nichts mehr besässe.

In der ersten Hälfte meines Lebens hatte ich die Vorstellung, ganze Wissensgebiete abdecken zu können. Das war illusorisch. Ich werde oft gefragt, ob ich all die Bücher und Papiere gelesen habe. Ehrlich müsste man antworten: Es ist viel mehr, als hier herumsteht, anderes liest man ja nur an oder quer.

Während der Arbeit zu rauchen, habe ich mir abgewöhnt. Ich bin aber nach wie vor Gesellschaftsraucher. Jetzt zum Beispiel hätte ich gern eine Zigarette, wenn ich sie nicht im Haus hätte liegen lassen und zu bequem wäre, mich aus dem Gartenstuhl zu erheben. Im Garten wird kaum etwas gemacht. Ich will mich dem Garten nicht unterwerfen, indem ich ihn mir unterwerfe. Pflichtlektüren, Studentenarbeiten etwa, lese ich gern hier draussen.

Als meinen Lieblingsort würde ich aber die Universitätsbibliothek in Basel bezeichnen. Hoch spannend, ein Ort der Stille und doch voller Leben: Partnerschaftsmarkt für schaulaufende Studenten und daneben die schwarzgekleideten Gelehrten, die in der Handschriftenabteilung ihr Glück suchen. Es ist eines der berauschendsten Gefühle, wenn man etwas wissen will und in einem Buch eine Auskunft findet. Das setzt natürlich voraus, dass es einen interessiert. Wie heisst es: Etwas ist interessant, weil man selbst interessiert ist.

Die Vorhänge in meinem Arbeitszimmer habe ich mir vor Jahrzehnten selbst gekauft. Auf der linken Hälfte ist der Tag dargestellt, rechts die Nacht. Was in diesem Zimmer aus der Vergangenheit abgelegt wurde, ist immer auch Gegenwart und mit Sicherheit ein Teil der Zukunft. Diese Dreiteilung mache ich nicht.» 



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.