NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

«Ist er offen oder schüchtern?»

Die Rekrutierung des Nachwuchses ist ein heikles Geschäft. Personalverantwortliche ausverschiedenen Branchen verraten, worauf es bei der Lehrstellensuche ankommt.
Schreiner – kann er die Ausbildung abschliessen?

«Bei uns gibt es kein eigentliches Vorstellungsgespräch. Aber ohne Schnupperlehre stellen wir niemanden ein. Während solcher Schnuppertage sehen wir sofort, ob einer zuverlässig ist oder nicht. Für uns steht letztlich nur eine Frage im Vordergrund: Ist der Bewerber in der Lage, die Ausbildung auch erfolgreich zu absolvieren? Das Schulzeugnis wird bei uns nur mässig gewichtet.»
Stefan Ziehli, Schreinerei-Inhaber, Lobsigen BE

Logistiker – Schulzeugnisse sind entscheidend

«Jeder Bewerber, der bei uns eine Lehrstelle bekommt, hat mindestens fünf Tage bei uns geschnuppert. Dabei beobachten wir, ob einer das Geschick und das technische Verständnis für den Beruf Logistiker mitbringt, und wir können uns ein Bild über seine Arbeitshaltung und seinen Umgang mit den Mitarbeitern machen. Letztlich sind aber die Schulzeugnisse entscheidend, ob ein Bewerber überhaupt in Frage kommt. Denn sie geben nicht nur Auskunft über die schulischen Leistungen der Bewerber, sondern auch über die Absenzen und das Betragen. Wenn die schulischen Leistungen den Anforderungen der Berufsschule nicht genügen, berücksichtigen wir den Bewerber nicht.»
Roman Scheidegger, verantwortlich für Lehrlinge bei Coop, Basel

Banker – konstante Noten über die letzten Schuljahre

«Bei uns ist der Abschluss der höchsten Volksschulstufe des jeweiligen Kantons Grundvoraussetzung. Wir erwarten einen Notenschnitt von im Minimum 4,5 in Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch. Zudem erwarten wir konstante Notenleistungen über die letzten zwei bis drei Schuljahre. Wir suchen eher aufgeschlossene und kommunikative Persönlichkeiten. Das Interview ist deswegen sehr wichtig. Wie ist sein Auftreten? Ist er interessiert und neugierig? Ist er offen oder eher schüchtern, zurückhaltend?»
Jakob Schneider, Leiter Young Talents bei der UBS, Zürich

Koch – niemanden direkt von der Grundschule

«Wir stellen keine Lehrlinge an ohne Schnuppertage, ohne Gespräch mit den Eltern, vor allem aber stellen wir niemanden ein, der direkt von der Grundschule kommt. Bewerber müssen mindestens ein Zwischenjahr gemacht haben. Am wichtigsten ist uns aber das Interesse am Berufsumfeld: der Hotellerie. Das erkennt man an verschiedenen Dingen: Wie führt der Schnupperlehrling sein Tagebuch? Kommt er auch einmal vor der vereinbarten Zeit zur Arbeit? Zeigt er auch Interesse an den anderen Arbeiten, die in einem Hotel anfallen? Welche Fragen stellt er beim Austrittsgespräch am Ende der Woche? Wir merken relativ schnell, ob ein Kandidat zum Schnuppern kommen muss oder ob er echte Motivation für seinen potentiellen Beruf mitbringt. Den Einsatz während der Schnuppertage bewerten wir klar höher als das Schulzeugnis.»
Andreas Züllig, Direktor Hotel Schweizerhof, Lenzerheide GR

Polygraph – zu perfekte Bewerbung ist suspekt

«Uns interessieren nur Motivation, Familie und Schulnoten – in dieser Reihenfolge. Die Motivation erkennt man bereits an der Bewerbung: zu perfekt ist suspekt, zu generisch ist schlecht. Eine Bewerbung muss altersadäquat sein. Beim Bewerbungsgespräch wollen wir wissen, woher die Bewerber den Beruf kennen, wieso sie ausgerechnet diesen Beruf und wieso ausgerechnet in unserer Firma erlernen wollen. Wir wollen die Familienverhältnisse kennen, um die Sozialkompetenz des Umfelds abschätzen zu können: Beruf der Eltern, deren Alter, die Wohnsituation sowie die Stellung unter den Geschwistern. Zwischen 16 und 20 geht bei Jugendlichen die Post ab, und der Eintritt ins Berufsleben ist auch der Austritt aus der Kindheit, da wollen wir sicher sein, dass die Familie auch mitmacht. Schliesslich haben wir ihre Kinder dann vier Jahre am Hals. Erst am Schluss zählen bei uns die Schulnoten und Fähigkeiten, die es für den Beruf selbst braucht. All diese Faktoren führen zum Entscheid. Sind mehrere Kandidaten gleichauf, entscheiden wir uns für die Person, die durch die Lehre einen sozialen Aufstieg machen kann.»
Kaspar Hintermüller, Geschäftsführer und Mitinhaber der Kommunikationsagentur Partner & Partner, Winterthur

Kaufmann – keine Schreibfehler in der Bewerbung

«Beim Bewerbungsdossier achten wir auf den Gesamt­eindruck, auf Schreibfehler im Bewerbungsbrief und die Darstellung. Inhaltlich interessieren uns natürlich die Schulnoten und die Multicheck-Auswertung, eine standardisierte Eignungsanalyse. Bei der ersten Auswahl der Dossiers sind die Schulzeugnisse ausschlaggebend. Wir bieten zwar Schnupperlehren an, wichtiger ist uns jedoch, dass die Bewerber an unseren Informationsnachmittagen teilnehmen. Die Bewerber sollen unbedingt vorher schon einen Einblick in unser Unternehmen erhalten.»
Alexandra Suess, Leiter Young Talents bei der AXA Winterthur, Winterthur

Käser – einem eine zweite Chance geben? Warum nicht?

«Für uns ist entscheidend, dass bei den Bewerbern der Wunsch, Käser zu werden, irgendwie spürbar ist. Wir wollen merken, dass einer Interesse an dem Beruf hat. Bei der Auswahl werden die Schulzeugnisse zwar einbezogen, aber nicht überbewertet. Vielmehr ist die Schnupperlehre bei uns ein absolutes Muss. Beim Vorstellungsgespräch, während der Schnupperlehre und auch beim Elterngespräch bekommen wir einen guten Eindruck von den Bewerbern, ein Bauchgefühl. Aber letztlich kann man ja nicht in die Menschen hineinsehen. Einem Lehrabbrecher eine zweite Chance geben – warum nicht? Da spielt der Kündigungsgrund sicher eine wichtige Rolle.»
Michael Jaun, Betriebsleiter Bergkäserei Marbach-Schangnau LU/BE

Informatiker – Lehrlinge müssen integrationsfähig sein

«Ohne IT-Berufslehre würde vielen Talenten der Weg in die Informatik versperrt bleiben, darum ist sie unserer Meinung nach sehr wichtig. Die Beurteilung der Bewerber erfolgt bei uns primär über den Eindruck, den sie während eines Schnuppertages in unserem Betrieb hinterlassen, und über den standardisierten Eignungstest, den sie bei der Zürcher Lehrmeistervereinigung für Informatik ablegen. Das Auftreten der Lehrlinge muss so sein, dass man davon ausgehen kann, dass sie sich erfolgreich in den Betrieb integrieren können, und sie müssen zeigen, dass sie den Willen haben, die Ausbildung abzuschliessen. Von den Bewerbern fordern wir, dass sie uns in einer E-Mail schildern, wie sie den Schnuppertag bei uns erlebt haben.»
Stefan Furrer, Lehrlingsverantwortlicherbeim Softwaredienstleister Netcetera, Zürich

Lebensmitteltechniker – Interview ist entscheidend

«Dem Vorstellungsgespräch messen wir einen sehr hohen Stellenwert bei. Aus diesem Grund werden in den Inter­viewprozess alle Beteiligten – Lehrlingsverantwortliche, Praxisausbilder und Auszubildende – einbezogen. Das Interesse am Unternehmen und an unseren Produkten sowie eine hohe Affinität zum zu erlernenden Beruf sind für uns entscheidende Faktoren. Zudem legen wir Wert auf eine vollständige und fehlerfreie Bewerbung. Schulzeugnisse sind zwar wichtig, aber nur ein Selektionskriterium unter vielen anderen. Sie müssen unserer Meinung nach relativiert werden, da die Beurteilungen von Schule zu Schule stark variieren. Ausgewählte Kandidaten werden zudem mit einem Multicheck getestet.»
Markus Krienbühl, Leiter Personaldienst bei Wander, Bern


Leserbriefe:

Zu «Ist er offen oder schüchtern?» - NZZ-Folio Der Lehrlingsreport (09/09)

Lehrstelle ade! Im September-Folio schildern verschiedene Lehrlingsverantwortliche, auf was sie bei der Einstellung von Lehrlingen besonders achten. Die Anforderungen der AXA Winterthur segeln unter dem Titel "Kaufmann - keine Schreibfehler in der Bewerbung". Ist sich die AXA Winterthur bewusst, dass sie damit alle legasthenen Jugendlichen von einer kaufmännischen Lehre ausschliesst? Meine legasthene Enkelin hat andere, positive Erfahrungen gemacht: Trotz ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche und einem ungenügenden Multicheck - der ja u.a. auch die sprachlichen Kompetenzen prüft - bekam meine Enkelin eine kaufmännische Lehrstelle bei einer renommierten Berner Bank. Erfreulicherweise überwogen für die Bank die übrigen Qualitäten der Enkelin, die sich gegenwärtig im 3.Lehrjahr befindet und schon eine erfolgreiche "Vollblut-Bankerin" geworden ist .
Fred Voegeli, Projektleiter Verband Dyslexie Schweiz, Muri BE




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