Es ist noch gar nicht so lange her, da beschränkte sich das Weinangebot in den meisten Beizen auf einen Fendant, einen Riesling × Sylvaner, einen Dôle, einen Klevner - ein weitgehend einheimisches Repertoire, das meistens von einem Kalterer oder Sankt Magdalener ergänzt wurde, allenfalls noch von einem Beaujolais. Heute sind die Weinkarten in fast jedem Restaurant dicke Bücher, die eingehend studiert werden wollen. Spitzenlokale locken gar mit begehbaren Weinkellern, wo man dann die Wahl unter Hunderten von Flaschen aus allen Ecken der Welt hat: Sauvignon aus Chile, Riesling aus Österreich, Shiraz aus Australien, Cabernet aus Kalifornien, Südafrika, Neuseeland, Italien. Hat man sich für ein Fläschchen entschieden, wird es einem präsentiert wie eine Devotionalie. Mit Kennermiene gilt es das Etikett zu begutachten, endlich am Glas zu schnuppern, den Wein zu prüfen.
Hätte der Wein keinen Alkohol, gäbe es keine Weinkenner, sagt Peter Bichsel - einer der letzten Mohikaner, der sich noch mit einem einfachen Tschumpeli begnügt. Einverstanden, aber allein damit lässt sich die Faszination dieses Getränks wohl nicht erklären. Was bringt Leute dazu, stundenlang über Wein zu debattieren? Was treibt sie zu Degustationen, Blind-, Horizontal- und Vertikalverkostungen, wo ja nicht eigentlich getrunken, sondern nur der Mund gespült und gespuckt wird? Wie kommt es, dass gewisse Leute mehrere tausend Franken hinlegen, um sich eine spezielle Flasche in den Keller zu legen?
Nein, Wein ist nicht Bier und auch kein Schnaps. Was ihn auszeichnet, ist neben der blossen Materie eine reiche Symbolik. Der Wein, kein Zweifel, ist ein Kult- und Kulturgut. Seit Jahrhunderten ist er sowohl im Christen- wie im Judentum Teil religiöser Zeremonien. Dem Geniesser der Neuzeit, der dem Zeitgeist huldigt, ist er neben dem sinnlichen Vergnügen vor allem auch Statussymbol und zugleich Objekt romantischer Verklärung. Der Wein erzählt vom Boden und von Landschaften, vom Wetter und von Menschen, einmal so und einmal anders. Aber immer ist er von Trauben gemacht, ob er nun, wie einst der Sankt Magdalener, einsfünfzig kostet oder eintausendfünfhundert, wie die heiss begehrten Raritäten heutzutage.