EINE DER BELIEBTESTEN Figuren in der langen Geschichte des Raumschiffs Enterprise ist der Androide Commander Data, eine Maschine in Menschengestalt. Er bewegt sich und spricht wie ein Mensch, aber sein Elektronengehirn kann in Mikrosekunden Billionen von mathematischen Operationen ausführen. Commander Data ist ein ausserordentlich komplizierter Automat und doch so sympathisch und anhänglich wie ein junger Hund. Er ist der Inbegriff eines anwenderfreundlichen Computers.
Data wurde im Jahre 2335 vom inzwischen verstorbenen Doktor Noonien Soong erschaffen, einem brillanten, aber ein wenig eigensinnigen Kybernetiker (welcher wäre es nicht?). Data war allerdings nicht Soongs erstes Geschöpf. Der erste von Soong entwickelte Androide namens Lore besass nicht nur Intelligenz, sondern auch Gefühl. Doch Lore begann immer öfter an gefährlichen Stimmungsschwankungen zu leiden und musste deswegen deaktiviert werden. Bald danach entwickelte Soong Data, der zwar immer noch denken, aber nicht mehr fühlen konnte.
Die Frage nach der Möglichkeit von intelligenten Maschinen wird seit dem Zweiten Weltkrieg diskutiert, als Elektronenrechner zum erstenmal in grossem Stil ihre mathematischen Fähigkeiten unter Beweis stellten. Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung werden wir wahrscheinlich noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts über die ersten Computer verfügen, deren Gedächtnis- und Rechenleistung es mit derjenigen des menschlichen Gehirns aufnehmen kann.
Besässe eine solche Maschine Bewusstsein? Da wir über das Phänomen des Bewusstseins nur wenig wissen, scheint es eher unwahrscheinlich, dass wir in näherer Zukunft zielgerichtet eine bewusste Maschine konstruieren können. Aber wenn unsere Maschinen erst einmal so raffiniert geworden sind, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir mit einer Maschine kommunizieren oder mit einem Menschen - wird es dann nicht sehr schwierig, ihnen eine gewisse Form von Bewusstsein abzusprechen?
Wenn mich die Autoren der «Raumschiff Enterprise»-Filme um die Erläuterung eines technischen Details für den Film bitten, versuche ich, von bestehenden Theorien und Technologien in die Zukunft zu extrapolieren. Die Fiktion von Commander Datas Positronengehirn geht von der heute existierenden Technologie der neuronalen Netzwerke aus, das heisst von Schaltkreisen, die das Verhalten der Neuronen im Gehirn nachahmen.
Aber manchmal wird die Kunst auch von der Wirklichkeit eingeholt: In der Folge «Der Moment der Erkenntnis» hat Data auf Grund einer Überlastung seines neuronalen Netzwerks Träume, die das Erreichen einer neuen Ebene in der fortschreitenden kognitiven Entwicklung des Androiden markieren. Wenn die Speicherkapazität eines neuronalen Netzwerks überlastet ist, kann es tatsächlich passieren, dass gespeicherte Sequenzen zerhackt und auf eine Weise neu zusammengesetzt werden, die der menschlichen Traumtätigkeit gleicht.
Ein empfindungsfähiger Androide wirft natürlich schwierige ethische Fragen auf. In einer unserer denkwürdigsten Folgen, «Wem gehört Data?», geht es um Datas Recht auf Selbstbestimmung. Ein Computerexperte will das Geheimnis von Datas Funktionsweise lüften, aber der will sich nicht auseinandernehmen lassen. Der Fall wird vor dem Gericht der Sternenflotte verhandelt.
Der Wissenschafter argumentiert, dass Data eine Maschine sei und deshalb nicht mehr Recht habe, seine Demontage zu verweigern, als ein Toaster. Captain Picard argumentiert dagegen, dass Data empfindungsfähig sei und deshalb dieselben Rechte besitze wie ein Mensch. Eine schwierig zu begründende Behauptung, denn schliesslich ist Data eine Maschine. Aber zuletzt findet Picard doch noch ein Argument, um das Gericht umzustimmen: Wenn Datas Konstruktionsgeheimnis enthüllt werde, würde dies zur Schaffung einer Rasse von androiden Sklaven führen; das jedoch sei aus ethischen Gründen verwerflich.
Science-fiction spielt sowohl mit den Hoffnungen als auch mit den Ängsten, die der technische Wandel in den Menschen weckt. Wir hoffen, dass der Fortschritt eine bessere Welt schafft, und fürchten zugleich, dass der Missbrauch der Wissenschaft die Welt entmenschlicht und uns selbst vielleicht sogar versklavt. Commander Data vom Raumschiff «Enterprise» symbolisiert das hoffnungsfrohe Antlitz dieser Wissenschaft.
Der Physiker Andre Bormanis ist wissenschaftlicher Berater der Fernsehserie «Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert». Er lebt in Los Angeles.