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NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Zimmer mit Schwerkraft
© Heinz Unger
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| Kein nostalgisches Sammelsurium, sondern ein ganz privates Reich. |
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Ein Filmkritiker? Ein Techniker, der viel durchlebt hat? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Ein erfülltes Leben in einem gefüllten Zimmer. Alles eng beisammen, vorbildlich geordnet und bebildert fast ausschliesslich mit Privatem. Als wenn sich ein ganzes Leben in diesem Zimmer versammeln würde, verkleinert auf einige Quadratmeter.
Alles ist da, von der kindlichen Bärchenecke der Vergangenheit bis zur Computerecke der Gegenwart. Der Bewohner oder eher Besitzer dieser gefüllten Wohnwelt ist nicht mehr jung, hat viel er- und durchlebt, so dicht wie sich seine persönlichen Dinge präsentieren.
Hier geht’s nicht um eitle Dekoration, es ist kein nostalgisches Sammelsurium, hier hat sich einer sein ganz privates Reich gestaltet. Kinder spielen eine grosse Rolle – so viele Geburtstagsfotos von sich selber hält kaum einer aus –, das Vatersein bedeutet mehr als nur eine Rolle.
Das Visuelle dominiert, selbst freudigfreudsche Phantasien des «Man’s Mind» sind bebildert. Gearbeitet wird mit Auge und Kopf: gelesen, getextet, geschrieben und kommuniziert mit dem altertümlichen Telefonfax. Die grosse Welt findet hier nicht unprominent statt, das goldene Männchen Oscar kommt jedenfalls von weit her. Ist unser Bewohner in der Filmwelt nicht nur vergnügungshalber unterwegs, sondern schreibt seine eigenen Bilder und Gedanken in Artikeln und Skriptbüchern nieder? Ein Filmkritiker, ein Drehbuchautor?
Die Herzen im Perpetuum mobile schweben zwar in luftiger Höhe, trotzdem ist in diesem Raum viel Schwerkraft. Fast alles Mobiliar ist auf Rollen – Beweglichkeit am Boden und Erreichbarkeit der Sachen mit Hand und Auge scheinen besonders wichtig zu sein. Eng wird es trotzdem nicht. Wie sagte Steven Spielberg: Kino ist ein Vorwand, sein eigenes Leben ein paar Stunden zu verlassen…
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Eine Einraumwohnung mit Erinnerungstapete! Fensterfront, hölzerne Konsole und Bett sind die raumbildenden Teile. Verpflegen wird sich der Bewohner – die Sammelobjekte wie Schreibmaschinen und Fotoapparate stehen eher für einen Mann – vermutlich anderswo. Handelt es sich um ein Zimmer in einem Alters- oder Pflegeheim? Der glatte, fugenlose Boden sowie die Unterkonstruktion des Bettgestells sprechen dafür.
Erstaunlich, was der Bewohner aus diesem nüchternen Raum durch seine Sammlungsstücke und Erinnerungen gezaubert hat. Einerseits liest sich dieses Ensemble aus Familienfotos, typographischen Plakaten, Kinderzeichnungen und Scherenschnitten als beredtes Tapetenmuster, das den Raum völlig vergessen lässt. Anderseits hat es den Charakter einer Kruste von Erinnerungen. Die wuchernde Vielfalt der Dinge, die hier versammelt sind, lässt auf einen sehr umtriebigen Menschen schliessen. Vielleicht ein ehemaliger Techniker?
Das Zukleistern von Wänden mit Bildmotiven jeglicher Art hat einen weiteren Effekt: Durch die starke Präsenz der Bildflächen tritt die Wand zurück, sie wird nicht mehr wahrgenommen, stattdessen schaut das Auge in die Tiefe der Bilder und suggeriert uns so einen grösseren Raum.
Man könnte diese Wandgestaltung auch als unbewussten Aufschrei gegen den Pragmatismus von Architekten lesen, die Menschen immer wieder weissen, kahlen Räumen aussetzen, obwohl mit Farbe zu arbeiten viel spannender und menschlicher wäre.
Stefan Zwicky
Kaspar Halder, Graphologe und Psychologe
«Früher hatte ich den Ruf, der beste Berufsberater der westlichen Hemisphäre zu sein. Als Personalberater spielte ich Schicksal bei der Anstellung Hunderter von Bewerbern, darunter leider auch bei jenem Polizeiaspiranten, der meine Familie und mich am 21. Dezember 1987 bei Rotlicht über den Haufen fuhr. Meine Frau lag drei Monate im Koma. Ich hatte einen Schädelbruch, Wasser im Gehirn, eine halbseitige Lähmung. Unser Sohn blieb unverletzt, er kam nach dem Unfall zur Schwester meiner Frau nach Kölliken. Das sind für ihn Mueti und Vati, meine Frau und ich sind seine Mama und sein Papa.
Ich bin invalid, ein Pflegefall. Der Unfall hat mein Leben auf den Kopf gestellt, seither nenne ich mich ‹Rapsak› Kaspar rückwärts gelesen.
Ich wohne seit bald zwanzig Jahren im Pflegeheim Lindenfeld in Suhr. Mein Tag beginnt um 6 Uhr 50. Da lasse ich mich mit DRS 1 wecken. Bis halb zehn höre ich Radio. Ich bekomme mein Frühstück ins Bett, ein Birchermüesli mit einem Joghurt. Die meisten Pflegerinnen sind nett. Sie haben nicht immer viel Zeit, aber sie machen ihren Job gut. Um 10 Uhr bin ich mobilisiert, dann sitze ich in meinem Cadillac, einem Elektrorollstuhl. Die rechte Hand kann ich bewegen. Mit ihr schreibe ich auf einem 12-Zoll-Notebook Briefe, Manuskripte oder Schüttelreime. Mir sitzt der Schalk im Nacken.
Jeden Morgen habe ich etwa sieben E-Mails zu beantworten. Zeitung lese ich online. Für Magazine habe ich einen Seitenwender, ein holländisches Gerät, den ‹Bladomslagapparaat›. Jemand spannt mir ein Heft ein; wenn ich die Seite gelesen habe, drücke ich einen Knopf, und das Gerät wendet die Seite. Vermutlich liest kaum einer das Folio so genau, wie ich das tue. Die Unselbständigkeit ist das Schlimmste. Ich habe aber eine gute Bürotante. So nenne ich Frau Ziörjen vom Entlastungsdienst des Kantons Aargau, die einmal die Woche vier Stunden für mich da ist – und immer dann, wenn etwas los ist. So wie heute. Sie versteht, was ich sagen möchte, und fasst es in ganzen Sätzen zusammen.
Mein Zimmer ist meine Welt. Hier schlafe ich, esse ich, lese ich, lebe ich. Meine Welt verändert sich täglich. Frau Ziörjen muss mal hier ein Bild aufhängen, dort eins umhängen. Ich habe unzählige Bilder. Wenn ich früher Kinder von Kunstmalern zu beraten hatte, liess ich mir das Honorar statt in Bargeld in Form eines Bildes auszahlen.
Mein Zimmer ist mein Alles. Hier sammelt sich meine Vergangenheit und Gegenwart. Die Fotos über dem Bett zeigen den Werdegang unseres Sohnes. Er studiert an der ETH Physik und wird im April 22. Wir haben einen sehr engen Familienzusammenhalt. Meine Frau wohnt in unserem Haus und ist in zwanzig Minuten bei mir. Sie besucht mich mindestens dreimal die Woche.
Ich bin ein ausgeglichener Mensch, selten aufgeregt, ich nehme es, wie es kommt, ich bin ein Fatalist. Und ich kann mich durchsetzen. Meine Schreibmaschinensammlung habe ich in einer Vitrine in der Heimcafeteria unterbringen lassen. Die Sammelsucht habe ich eindeutig von meinem Vater geerbt, er gründete in jungen Jahren in Lenzburg das Heimatmuseum. Er war Staatsarchivar und Bibliothekar des Kantons Aargau. Zum Leidwesen meiner Mutter sammelte er privat Zinnkrüge, antike Ofenkacheln und Kupferkessel.
Mir haben es – nebst Schreibmaschinen – Zapfenzieher, Uhren, Apparätli aller Art angetan. In New York kaufte ich 1970 den ersten elektronischen Taschenrechner von Casio, der nur vier Grundoperationen beherrschte. Ich reiste gern, ich war in Rwanda und China.
Ich vermeide Kontakt zu anderen Heimbewohnern. Solange mein Kopf noch gut funktioniert, beschäftige ich mich lieber mit ihm. Viermal im Monat lasse ich mich zu kulturellen Veranstaltungen fahren.
Um 21 Uhr werde ich zu Bett gebracht, dort schaue ich TV bis um 2 Uhr in der Früh, aber selten Spielfilme. Meine Lieblingssendung ist ‹Nano, die Wissenschaft der Zukunft›. Einstein bewundere ich als Universalgenie, seine Handschrift ist allerdings eher banal. Das heisst, er war ein schlichter Mensch. Ob Sie sich woanders hinsetzen sollten, damit ich nicht in Ihr Notizbuch sehe? Zu spät, ich habe Sie längst durchschaut.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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