Als ich 1991 in Moskau war, besuchte ich hinter dem Hotel Metropol einen Antiquitätenladen und entdeckte eine gelb-schwarz gestreifte Seidenschachtel, in der sich ein ungeöffnetes Kristallflacon von Houbigants Parfum Idéal (Paul Parquet, 1900) befand. Houbigant hatte in Russland gute Geschäfte gemacht, und dieses Flacon hatte die Revolution und zwei Weltkriege unbeschadet überlebt.
Was sollte es kosten? 100 Dollar. Zum Entsetzen der Verkäuferin, die es dekadent fand, über drei Monatslöhne nicht zu feilschen, zahlte ich ohne Wimpernzucken. Die Osmothèque (Duftnote 8/05) hatte eben den Nachlass von Houbigant erworben, und seither brütete ihr Kurator, der frühere Hausparfumeur von Patou, Jean Kerléo, über der Formel des Parfum Idéal: längst vergessene «Basen» längst verblichener Firmen. Aber es fehlte das Parfum. Sogar die sonst allwissenden alten Hasen aus Grasse mussten passen.
Ich übergab meine Trophäe der Osmothèque, sie öffneten die Flasche, analysierten sie und schickten mir eine Probe zurück. Das Parfum war so gut wie neu, ein weiter, süsser, buttriger Blumenduft, der mich an Sydney Smith’ Beschreibung des Paradieses erinnerte: «Gänseleberpastete zu Fanfarenklängen». Inzwischen enthält die Sammlung der Osmothèque eine rekonstruierte Fassung von Idéal.
Kürzlich durfte ich an einem weiteren Überlebenden riechen, einem Parfum, das aufgrund einer im Wrack der «Titanic» gefundenen Probe rekonstruiert wurde. Das Original gehörte dem Parfumeur Adolphe Saalfield, der die Reise nach New York überlebte, dabei aber sein Gepäck verlor. Selbe Zeit, anderer Duft, das gleiche herrliche Gefühl. Ich beklagte gerade, dass solche Düfte heute nicht mehr hergestellt würden, als mit der Post zwei schmucklose Fläschchen eintrafen, die mich vom Gegenteil überzeugten.
Das eine enthielt Jeffrey Dames Wanderlust. Dame unterhält ein Parfumforum im Internet. Nachdem er sich jahrelang damit begnügt hatte, an modernen Düften herumzumäkeln, verlor er die Geduld und kreierte sein eigenes Superfume, ein schamlos florientalisches Retroparfum. Es will nicht sonderlich originell sein, aber es riecht exquisit.
Das zweite Flacon enthielt René Laruelles Jardin des Floralies. Laruelles Düfte wurden nie über den Ladentisch verkauft, und dennoch wurden zwei seiner Kreationen (Jardin und Baiser de Soie) in die Sammlung der Osmothèque aufgenommen. Jardin hat er 1991 zum fünfzehnten Geburtstag seiner Tochter komponiert. Im Mittelpunkt steht die Vorstellung von Osmanthus-Blüten. Als zeitloses Chypre liegt es irgendwo zwischen Diorama und der ersten Version von Dioressence, doch es besitzt eine so atemberaubende Komplexität, wie sie die beiden anderen (vergleichsweise) massenhaft produzierten Düfte auch zu ihrer Bestzeit niemals erreichten.