NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Bauten -- Die Quadratur des Zirkels

Von Roman Hollenstein

ROTTERDAM IST EINE STADT ohne Mitte. Schnell wechselnde Stimmungen prägen ihr Erscheinungsbild. Fragmente, Brüche, Hässlichkeiten verdichten sich zu einer urbanen Landschaft von eigentümlicher Schönheit. Diese aus den Ruinen des Kriegs wiedererstandene heterogene Stadt zwischen Provinz und Metropole beeinflusste das Schaffen des hier 1944 geborenen und in den achtziger Jahren als Dekonstruktivist bekannt gewordenen Architekten Rem Koolhaas, der sich seit der erfolgreichen Gestaltung des TGV-Knotenpunkts Lille im internationalen Rampenlicht sonnt. Von seiner architekturbegeisterten Vaterstadt wurde Koolhaas 1988 mit dem Direktauftrag zum Bau eines Kunsthal genannten Ausstellungsinstituts geehrt. Das prestigeträchtige Haus mit rund 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche unweit des Museums Boymans-van Beuningen und von Jo Coenens Architekturinstitut am Südrand des Museumsparks durfte allerdings nur 20 Millionen Gulden kosten. Dieses finanzielle Korsett konnte jedoch Koolhaas und sein Office for Metropolitan Architecture (OMA) - Meister in der Kunst des armen Bauens - nicht schrecken.

Ein Turm in Form einer riesigen Bilderkiste, in der Teile der Haustechnik sich verbergen, zieht seit der Eröffnung der «Kunsthal» vor gut zwei Jahren von weitem schon die Blicke auf sich. Flachdach, Glas- und Betonwände sowie die kubische Gestalt signalisieren zunächst ein modernes Gebäude. Von nahem aber irritieren sich widersprechende Erscheinungsformen: Nach Norden hin, zu dem von Yves Brunier und Koolhaas neu gestalteten Museumspark, gibt sich der Bau als eleganter Pavillon aus Travertin und Glas, nach Osten aber als Lagerhalle. Die Südfassade am Maasboulevard ist ein komplexes Amalgam aus Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon und dessen Farnsworth House, die Westansicht hingegen verweist mit einem schwebenden Betonband auf die Villa Savoye von Le Corbusier. Dessen Visual Arts Center in Harvard, aber auch Melnikows Pariser Pavillon von 1925 klingen - trotz Hinterhofatmosphäre - nach in der Fussgängerpassage und in der Erschliessungsstrasse, die das Gebäude vierteilen.

In dieser verrückten Fassadencollage scheint die Moderne allgegenwärtig: Doch aufgeklebt wie eine Tapete, kann sie das Gebäude nicht durchdringen. Vielmehr ist die flache Kiste im Inneren durch schiefe Ebenen extrem dynamisiert - ein bewusster Verstoss gegen Ehrlichkeitsprinzip und Ordnungsliebe der Moderne. Gerade die mit Katastrophentheorie und Chaoslehre kokettierende, vielfach gebrochene Westfassade offenbart Koolhaas' Sinn für schwindelerregende Inszenierungen. Der abrupte Wechsel edler und armer Materialien - vom Naturstein bis zum gewellten Fiberglas -, das Arbeiten mit immer anderen Bildern und Sequenzen sowie die Neigung, mit einfachsten Details Geschichten zu erzählen, zeugen von Koolhaas' Lust an Widersprüchen und verraten zugleich seine Herkunft vom Film und vom Journalismus. Mit schrillem Material- und Formenmix macht die Architektur der «Kunsthal» auf die Schönheit der sich im suburbanen Delirium auflösenden Stadt von heute aufmerksam - ähnlich wie einst Warhol mit Brillo-Boxen und Campbell-Suppendosen den trivialen Heroismus des Alltäglichen zelebrierte.

Geschickt wusste Koolhaas das zum Maasboulevard auf dem Westzeedijk ansteigende Gelände für das Ausstellungsgebäude zu nutzen, um die drei grossen Ausstellungsräume, das Auditorium und das separat zugängliche Restaurant mittels Rampen in einen dem rationalen Raumgefüge der Moderne widersprechenden endlosen Raumfluss zu verwandeln. Die bald an Piranesis Carceri, bald an M. C. Eschers Endlostreppen erinnernde Architekturlandschaft funktioniert nach dem Prinzip des von einer Spirale durchdrungenen Würfels - ein Thema, das Koolhaas bei den Projekten des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (1989) und der Pariser Jussieu-Bibliothek (1992) weiterdachte und perfektionierte.

Vom Maasboulevard führt die das Gebäude durchdringende Fussgängerpassage hinab zu dem fast in der Gebäudemitte liegenden Eingang, dem Herzstück des einem Möbiusband ähnelnden Parcours. Das in Gegenrichtung zur Passage abfallende Foyer dient als Auditorium und gewährt seitliche Einblicke ins darunter liegende Restaurant. Solch synthetische, durch Doppelfunktionen charakterisierte Innenräume verleihen dem Rundgang Abwechslung und Dichte. Der Raumfluss führt in einer Kurve hinab in die zum Park hin offene Ausstellungshalle, die mit ihren fünf als Baumstämme getarnten Säulen die Natur in das Gebäude holt. Ein Nebenraum mit Galerie ermöglicht einen Seitensprung ins Obergeschoss. Doch die eigentliche promenade architecturale führt weiter durch eine von der äusseren Fussgängerpassage nur durch eine Glaswand getrennte Rampe hinauf zur zweiten Halle - eine von Sheddächern erhellte Ausstellungsvitrine mit Blick auf den Boulevard.

Unter einem Balkon in der Tiefe der Halle fliesst der Raum weiter, mündet rechts in das abfallende Foyer-Auditorium, steigt links aber an und bietet einen Ausblick auf den Steilhang eines die äussere Fussgängerpassage schräg überdeckenden Dachgartens. Diesem folgt man zunächst und gelangt so entweder hinaus auf das Dach oder nach rechts in einen abgewinkelten Saal ohne Tageslicht. Von hier aus erreicht man den Balkon der zweiten Halle oder über eine Fluchttreppe wieder den Anfang des spiralförmigen inneren «Boulevards».

Der Rundgang ist betörend; er macht aber auch deutlich, dass sich hier die Exponate gegenüber einer Architektur behaupten müssen, die als gebaute Theorie Wissenschaft und Technik im Zeichen der Kunst zu vereinen sucht. Der orangefarbene Windverband der Sheddächer etwa durchmisst den Raum wie eine Skulptur; und selbst die Haustechnik ist hinter durchscheinendem Fiberglas höchst artifiziell inszeniert. Wie eine Antwort auf die heute etwas bieder wirkende Nachkriegswelt der einstmals berühmten Rotterdamer Lijnbaan-Einkaufsstrasse von van den Broek und Bakema erscheint die Flaniermeile der «Kunsthal». So darf man sie denn wohl als kritische Reflexion eines immer schneller werdenden Kunstkonsums interpretieren.


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