2000, DAS WAR EINMAL die Ziffer der Zukunft. Dahinter sah man Raumschiffe schweben und Roboter marschieren. Ein weiter Horizont spannte sich über diese Zahl, sie schenkte dem Zeitempfinden ein Jenseits und ein Diesseits, und man schätzte gleichermassen das Verheissende wie das Abschliessende, ja Mauerhafte ihres Wesens. Jetzt, wo das ominöse Jahr vor der Tür steht, wird die Zukunft plötzlich grenzenlos. Hinter dem abgetragenen Sekundenberg des 20. Jahrhunderts erhebt sich weit und breit kein Datum, das die 2000er-Marke ersetzen könnte. Auf die neunziger folgen die nuller Jahre, und bei dieser dürftigen Aussicht wollte die Erkenntnis einfach nicht heraufdämmern, dass auch ein Jahrtausend einmal zu Ende geht.
Aufgeweckt haben uns erst die Computer, die den Widerwillen gegen den anstehenden Zeitsprung mit zweistelligen Jahreszahlen verdrängen. Wenn das Datum auf 00 zu stehen kommt, wiederholen ihre Schaltkreise lieber noch einmal das Jahrhundert, anstatt mit einem neuen anzufangen. Das ist politisch korrekt, denn die ablaufende Epoche hat sich wie kaum eine andere das Nachsitzen verdient - aber technisch ein Problem, weil eine magere Zeitrechnung ebensolche Zeiten nach sich ziehen könnte: tote Steckdosen, trockene Wasserhähne, stockender Verkehr, abstürzende Aktien, aufsteigende Atomraketen. Es läuft auf ein Armageddon zwischen Fehlerteufel und dem God of Debugging hinaus.
Zwar vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein grosser Konzern die Marketingabteilung schwören lässt, dass seine Hochleistungs-Computer mindestens bis 3000 zählen können. Planetenweit wird vor Maschinen gekniet, Heerscharen von Technikern beten mit ihnen das Einmaleins der Zeitrechnung herunter. Aber spirituell ist das zu wenig, denn es ist vor allem der Mensch, der nicht Jahr-2000-sicher ist. Wenn genügend Leute an die Katastrophe glauben, wird sie ganz von selbst perfekt, und gnade Gott den Seelsorgern, den Börsenmaklern und den Kassiererinnen in den Lebensmittelläden.
Aufklärung bringt erst die Stunde der Wahrheit, sie schlägt zuerst in der Südsee. Wenn die Menschen im schönen Königreich Tonga die digitale Zählschwäche meistern, ist die Aufnahmeprüfung fürs 21. Jahrhundert fast schon bestanden. Ziehen Sydney, Tokio und Hongkong mit, wird 2000 hoffentlich auch bei uns ein Jahr zum Vergessen. Nachdem wir es so strapaziert haben, hat es sich ein ruhiges Plätzchen in den Annalen verdient.