NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

In aller Munde -- Das grüne Gold der Indios

© Martin Fivian
Kein Bildtitel
Linktext
Von Daniel Schloeth
TEE WIRD HÄUFIG mit simplen Argumenten sowohl abgelehnt als auch angepriesen. Unvergessen ist jener Speisewagenkellner auf der Fahrt ins Tessin, der jede Schwarzteebestellung mit der Frage «Seid Ihr krank?» quittierte. Und viele Kaffeetrinker argumentieren ähnlich, wenn sie eine gute Tasse Tee ausschlagen. Umgekehrt legen die Anbieter der neu in Mode gekommenen Grün-, Roibosh- und Pu- Erh-Tees auf nichts mehr Wert als auf deren gesundheitliche Wirkung (als wäre der Geschmack sekundär) und legitimieren so die Teeverächter.

Es ist zu hoffen, dass nicht auch der Matetee, das südamerikanische Nationalgetränk, das bei uns zurzeit an Boden gewinnt, in der Gesundheitsecke stecken bleibt. Natürlich wird betont, wie reich er an Vitaminen, Mineralstoffen und Eiweissen sei, dass er entschlackend sowie blutdrucksenkend wirke und das Hungergefühl dämpfe. Tatsächlich sind für den Teeliebhaber solche Argumente sekundär; wichtig ist, dass Tee gut schmeckt und belebend wirkt.

Lässt man den Mate bis drei Minuten ziehen, wirkt er anregend, und sein Goût ist mild und rauchig-würzig, später wird er kräftig bis holzig. Die Ziehdauer wird zwar bis zu zehn Minuten angegeben - aber je länger die Teeblätter im Wasser sind, desto weniger wird der Tee erquicken. Mate wird übrigens nicht mit kochendem, sondern mit rund 70 Grad heissem Wasser aufgegossen.

Gewonnen wird der Tee aus den getrockneten Blättern des koffeinhaltigen Matestrauches, eines Verwandten der Stechpalme. Indios kauen die Mateblätter deshalb schon lange in frischem Zustand. Im 16. Jahrhundert entdeckten Jesuiten die positiven Wirkungen des von den Guarani-Indianern geschätzten Tees und legten von Paraguay bis in den Südosten Brasiliens Mate-Plantagen an. Und bereits in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erlangte er in Europa Popularität. In Deutschland wurde er als Arzneimittel zur Ausscheidung der Harnsäure aus den Geweben unter der Marke «Harnsäurefeind» angeboten - Mate war damals eine häufig gekaufte Teespezialität.

Nicht nur seine Geschichte, sondern auch die richtige Zubereitung des Matetees ist speziell: Traditionell wird er mit einem Metallröhrchen, das unten siebartig erweitert ist, aus einer Kalebasse getrunken, einem ausgehöhlten Kürbis, der aussen kunstvoll verziert ist. Indios bezeichnen das Kürbisgefäss als «Mati», und so ist der Name auf den Tee übertragen worden. In spezialisierten Teegeschäften sind für die wahren Aficionados nicht nur ein Dutzend verschiedener Matesorten (grün, geröstet, mit Kräutern und Ölen aromatisiert), sondern auch die dazugehörenden Trinkgefässe und -röhrchen erhältlich.

Wer allerdings zu viel Mate gekauft hat und sich auch nach dem zehnten Versuch - der manchmal bis zur Begeisterung nötig sein soll - nicht damit anfreunden kann, hat den Vorteil, dass sich die Matestückchen zum Ostereierfärben verwenden lassen: 15 g in einem halben Liter Wasser aufkochen, und weisse Eier werden lindgrün, braune olivgrün.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.