NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

David gegen Goliath

Wie die Kleinen im Internet die Grossen das Fürchten lehren.

Von Peter Glaser

Am 13. Oktober 1980 hinderten Greenpeace-Aktivisten im Hafen von Nordenham das Abfallschiff «Kronos» am Auslaufen, um gegen die Verklappung von Giftmüll in die Nordsee zu protestieren. Es war die Premiere einer neuen Art von Aktion: Eine Handvoll mutiger Aktivisten tritt gegen Konzerne und Behörden an und liefert effektvolle Demonstrationen machtvoller Unabhängigkeit. Wirkung ist gefragt, nicht basisdemokratisches Blabla.

Damals begann auch die Computerrevolution. Und Mitte der achtziger Jahre waren von den Schreibtischen der PC-Enthusiasten aus die ersten Mailboxen und Netzwerke erreichbar. Die amerikanische Grassroot-Bewegung - die vielen verschiedenen Würzelchen des Aktivismus - erkannte schnell, dass Computerkommunikation eine billige, unzensierte Form alternativer Öffentlichkeit darstellt. Tom Jennings, ein Schwulenaktivist aus San Francisco, schuf das erste dieser Graswurzelnetze: Sein Fidonet entwickelte sich rasch zu einem Gewebe Abertausender Rechner rund um den Globus.

In jener Zeit machte ich zum erstenmal eine Erfahrung, die man als politische Schlüsselerfahrung der Computerkommunikation bezeichnen kann. Das Netz gab uns Handlungsmöglichkeiten zurück, die uns das Fernsehen verwehrte. Die Leute sassen nicht mehr reglos verschüttet unter der Lawine aus TV-Bildern, sondern vor ihrem Computer und erkannten erstaunt: Ich kann etwas tun!

Im Frühjahr 1987 besuchte mich ein aufgeregter Bekannter, der den «GenEthischen Informationsdienst» herausgab. Die in Oakland ansässige Firma Advanced Genetic Sciences (AGS) plante, an einem geheimgehaltenen Ort in Kalifornien sogenannte Eisminus-Bakterien freizusetzen - eine genetisch manipulierte Abwandlung jener Bakterien, die ein Protein produzieren, das als Kristallisationskern bei der Eisbildung fungiert. Eisminus stellt dieses Protein nicht her; es sollte auf Erdbeerfelder versprüht werden und Frostschäden verhindern. Dabei gab es ein nicht zu unterschätzendes Risiko: Nach Meinung von Forschern spielt die kristallisierende Eigenschaft des Bakteriums eine unerlässliche Rolle bei der Regenbildung.

Private Faxgeräte waren damals noch nicht verbreitet. Also wurde ich, als Computerbesitzer mit einem Modem, zum elektronischen Expresspostamt zwischen amerikanischen und europäischen Gentechnik-Kritikern. Zwar konnte die Freisetzung nicht verhindert werden, aber die Öffentlichkeit wurde hellhörig für die Gefahren der neuen Technologie. Die Ergebnisse der Eisminus-Freisetzung wurden nie publiziert (das heisst, sie waren negativ). Die Firma AGS ist inzwischen pleite.

In den achtziger und neunziger Jahren verschmolzen die verschiedenen Netze zum Internet, das nun die verschiedensten regionalen und nationalen Initiativen und Gruppen nutzen, um sich zu temporären Politorchestern zu formieren. Bereits acht Wochen vor dem WTO-Ministerratstreffen in Seattle im November 1999 waren auf der Greenpeace-Homepage die ersten Berichte und Sammlungen mit Links zur Welthandelsreform und ihren Folgen zu finden. Nichtstaatliche Organisationen schaffen online eine globale Öffentlichkeit, die schnell und effizient mobilisiert.

Mit dem Internet als Kommunikationsmittel verliert der Wahlzettel an Bedeutung. Statt alle paar Jahre seine Stimme «abzugeben», kann man sie nun im Netz weltweit erheben und Kettenreaktionen auslösen. So wie das altrömische Strassennetz mit seinen Wegweisern dem Apostel Paulus half, die Lehren und Bräuche der christlichen Kongregationen zu verbreiten und zu vereinheitlichen, unterstützen und verbinden nun die elektronischen Kommunikationssysteme bisher isolierte und scheinbar alleinstehende Gruppen.

Auch Wirtschaftsunternehmen bekommen die Macht des unbeschränkten Informationsflusses zu spüren. Anfang 1994 brachte Intel den Pentium-Prozessor auf den Markt. Es war die Zeit, in der das Internet durch die Erfindung des World Wide Web einen explosionsartigen Verbreitungsschub erfuhr. Als sich Berichte über einen Fliesskomma-Fehler in dem neuen Chip übers Netz ausbreiteten, versuchte Intel, das Problem herunterzuspielen. Erst als klar wurde, welche Nachrichtenpower das neue Medium entfaltet - in der vollen Bandbreite zwischen erstklassiger Information und Jux («Wie viele Mitglieder hat die Fussballmannschaft von Intel? - 10, 998997.») -, sah sich das Unternehmen gezwungen, eine millionenteure Umtauschgarantie zu gewähren.

Unter der euphemistischen Bezeichnung «Consumer Opinion» listet das Netzverzeichnis Yahoo weit über hundert unternehmenskritische Websites auf, von Microsoft-Hassern und Pepsi-Gefrusteten ebenso wie von Nichtfreunden von Ford und General Motors oder Citibank und AmEx. Die Tierschutzorganisation Peta lancierte ihre jüngste Kampagne gegen den Fastfood-Multi McDonald's im Internet: einen weltweit einheitlichen Auftritt, extrem kostengünstig, professionell vorbereitet und flankiert von einem breiten Medienecho. Pioniere der Professionalität sind die AdBuster, eine Gruppe von radikalen Konsumkritikern. Ihre ebenso bösen wie perfekt gemachten Parodien auf bekannte Anzeigen- und Plakatmotive zeigen, was sich mit ein bisschen Photoshop alles machen lässt. Mit dem von ihnen propagierten «Buy Nothing Day» versuchen die AdBuster, die sich als «kulturelle Aufrührer» sehen, der Konsumverweigerung ein Denkmal zu setzen.

In die transnationale Weite hinaus verstärkte Boykottaufrufe gehören inzwischen zum Standardrepertoire des politisch empfindenden Netzmenschen. Die «Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges» rufen online zu einem Siemens-Boykott auf, um den Konzern dazu zu bewegen, aus dem Atomgeschäft auszusteigen. Als Bumerang erwies sich Microsofts Taktik, bei der Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Justizministerium die De-Installation des Microsoft Internet Explorers aus dem Betriebssystem Windows als wahnsinnig kompliziert darzustellen. Auf Websites und in Newsgroups breiteten sich wie Pilze Hilfsangebote zur Beseitigung des Explorers aus. Der Microsoft-Widersacher Netscape integrierte entsprechende Anleitungen sogar in seine Customer-Choice-Kampagne.

Dass sich massives Murmeln im Netz gut aufs Geschäft auswirken kann, stellte der Musikkonzern RCA unter Beweis. Um die neue CD des Teenie-Stars Christina Aguilera zu promoten, mischten sich Marketingspezialisten der Firma Electric Artists im Netz unter die Kids, zettelten Diskussionen an und rieten den Fans, bei ihren Lieblingsradiostationen anzurufen, damit diese eine Aguilera-Single spielten. Als die CD rauskam, war der Markt vorbereitet. Sie schoss sofort auf Platz eins in den Charts.

Geschäftemachern im Netz ist nichts heilig, nicht einmal die von der Electronic Frontier Foundation (EFF) gegen staatliche Zensurgelüste initiierte «Blue Ribbon»-Kampagne für uneingeschränkte Meinungsfreiheit im Internet. Während das Original im Netz unter www.eff.org/blueribbon.html zu finden ist, hat sich die Adresse www.blueribbon.com ein amerikanischer Internetprovider unter den Nagel gerissen.

Mitte der neunziger Jahre wählten die Zapatisten im Dschungel von Chiapas im Süden Mexikos eine zeitgemässe Art des Kampfes: Cyberwar. Die schlecht bewaffneten Rebellen waren für das mexikanische Militär kein ernstzunehmender Gegner. Aber ihrem Wortführer, Subcomandante Marcos, war klar, dass sein Laptop mit Modem eine wesentlich wirkungsvollere Waffe ist als eine Kalaschnikow. Über ein Netzwerk von Internetverbindungen mobilisierte Marcos internationalen Druck auf die mexikanische Regierung.

Sowohl Rebellen und Terroristen als auch Regierungen setzen heute den Cyberwar für ihre Zwecke ein. 12 der 30 vom US-Aussenministerium als «terroristisch» eingestuften Organisationen betreiben eine eigene Website. Das Spektrum reicht von purer Propaganda - moderne Kriege werden auch durch die Eroberung der Schlagzeilen gewonnen - bis zu Computerviren und Hack-Attacken, wie sie etwa im Kosovokrieg von beiden Seiten eingesetzt wurden. Die neusten digitalen Verbündeten der Zapatisten nennen sich «Electronic Disturbance Theater» (EDT). Diese «Hacktivisten» operieren von New York City aus und sind spezialisiert auf virtuelle Sit-ins. Dabei kommt ein Progrämmchen namens FloodNet zum Einsatz, mit dem Protestierer eine Website mit Hunderttausenden von Hits pro Minute bombardieren und meist zum Stehen bringen. FloodNet wurde auch gegen die WTO-Site in Seattle eingesetzt. «Wir wollen ein kleines Kraftfeld erzeugen», sagt der EDT-Mitbegründer Ricardo Dominguez, «das die uneingeschränkte Macht stört.»

Auch in Asien wird mit digitalen Methoden gefochten. In den Wochen nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit von Osttimor fingen sich in den Firewalls von Behördencomputern Hunderte von «Mailbomben». Zwei Wochen vor der Abstimmung hatte der osttimoresische Menschenrechtler José Ramos-Horta der indonesischen Regierung ein Ultimatum gestellt: Würde das Ergebnis des Urnengangs nicht richtig wiedergegeben, könne er eine Armee aus Hunderten von Hackern rund um die Welt mobilisieren, die die Computer der Regierung attackieren und lebenswichtige Kommunikationsstränge, Konten, Flugziele und militärische Anweisungen sabotieren würden. «Allein schon die Idee, dass eine Gruppe von Hackern ein Land auf diese Weise in Mitleidenschaft ziehen kann, ist entsetzlich», findet die britische Parlamentarierin und Technologiefachfrau Anne Campbell.

Information ist schnell, Wahrheit braucht Zeit. Noch schneller als die reguläre Information - und der Geschwindigkeit angemessen, mit der sich alles entwickelt, was mit dem Internet zusammenhängt - ist das Gerücht. Und das Netz ist ein Eldorado für Gerüchte. Die Mischung aus Anonymität, Eitelkeit und fast augenblicklicher weltweiter Verbreitung ist verlockend. Dabei gibt es Albernheiten aller Art, etwa eine perfekt einer Agenturmeldung nachempfundene Meldung darüber, dass die Firma Microsoft die katholische Kirche gekauft habe; aber durchaus auch kriminelle Formen des gezielten Geraunes.

Immer mehr Anleger kaufen ihre Aktien online, viele spekulieren als Daytrader auf Gewinne aus extrem kurzfristigen Kursschwankungen. Ein Spezialgebiet der Netzgerüchte sind daher angebliche Informationen über bestimmte Unternehmen beziehungsweise deren Aktien, die einzig mit der Absicht verbreitet werden, die Kurse zu manipulieren.

Inzwischen gibt es spezielle Agenturen wie e-Watch, Bivings Woodell oder Mindshare Internet Campaigns, die im Auftrag börsennotierter Unternehmen das Netz nach wilden Gerüchten durchkämmen und in den einschlägigen Chatrooms und Foren «behutsam auf keimende Probleme einwirken», so Matthew Benson von Bivings Woodell.

Übrigens: Wer der traditionellen Form des Protests weiterhin den Vorzug geben möchte, wird selbstverständlich ebenfalls im Netz fündig. Unter www. whitehouseprotests.com kann man eine selbstgewählte Parole auf ein Transparent malen lassen, das die Betreiber der Site für 100 bis 175 Dollar pro Stunde vor dem Weissen Haus entrollen. Ein Beweisfoto der Demonstration für den Auftraggeber ist im Preis inbegriffen.

Peter Glaser ist Schriftsteller und Journalist. Er lebt in Hamburg.


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