NZZ Folio 10/10 - Thema: HB Zürich   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Damit kann man durchs Feuer gehen

© Patrick Rohner, Zürich
Störlichtbogen-Schutzjacke der SBB, Baumwolle und Nylon, ohne Publikumspreis. Linktext
Wer an Hochspannungsleitungen arbeitet, muss gegen Stromschläge und Verbrennungen besonders geschützt sein. Die Arbeitsjacke der SBB hält sogar einen Blitzschlag aus.

Von Jeroen van Rooijen

Um einen Zug in Bewegung zu setzen, braucht eine Lokomotive Energie – und zwar 15 000 Volt Wechselspannung, wie er in den Fahrleitungen fliesst. (In einer Haushaltsteckdose sind es 220 bis 240 Volt.) Die elektrischen Drähte hat aber nicht Mutter Natur dort aufgehängt, sondern die SBB-Hochspannungstruppe. Das ist eine Arbeit, die nicht nur Furchtlosigkeit, Muskelkraft und Wetterfestigkeit verlangt, sondern auch eine entsprechende Ausrüstung. Deshalb tragen die Männer eine Schutzkleidung, die notfalls den Strom ableitet und bei einem Unfall, bei dem 9500 Grad Celsius Hitze entstehen können, das Risiko einer Verbrennung minimiert.

Die SBB-Hochstromschutzkleidung, die in kräftigem Leuchtorange gehalten ist, zeichnet sich durch ihr leitfähiges ­Material aus, das von einem deutschen Hersteller stammt. Dem robusten Baumwolltwill wurde nicht nur ein Fünftel Nylon für Dauerhaftigkeit, Pflegeleichtigkeit und Feuerfestigkeit beigemischt, sondern auch 2 Prozent Negastat-Leitfäden, die verhindern sollen, dass Stromschläge bis zum Körper des Trägers vordringen. Der kernige Oberstoff wird überall doppel­lagig verarbeitet, auch am Ärmel. Das macht die Schutzjacke mit der SBB-internen Modellbezeichnung 10081-027001 zwar schwerer und weniger atmungsaktiv, aber Sicherheit geht vor. Konsequenterweise wird unter der Jacke schwer entflammbare Spezialunterwäsche getragen.

Getestet werden die elektrische Schutzfähigkeit und die flammenhemmende Qualität der Stoffe am Institut Prüffeld für elektrische Hochleistungstechnik (IPH) in Berlin. Dabei wird während einer vollen ­Sekunde ein Blitzeinschlag mit bis zu 11 Kiloampere Strom ­simuliert. Das Material darf dabei weder schmelzen noch Feuer fangen, die zweite Stoffschicht muss unversehrt bleiben. Besteht das Textil die Prüfung, bekommt es die europaweit standardisierten Prüfnormetiketten und Piktogramme, welche die Brust der Jacke zieren.

Mit der Anfertigung beauftragten die SBB die Firma Workfashion.com – nicht die in der Schweiz domizilierte Firma, sondern deren einstige Tochterfirma im sächsischen Glauchau, die im Bereich der Störlichtbogen-Schutzbekleidung einen guten Ruf geniesst. Timm Hartmann, der für Workfashion.com ein Jahr lang mit den SBB an der Kleidung gearbeitet hat: «Die Jacke übertrifft mit ihrer durchgehend doppellagigen Konstruktion die vom Gesetzgeber geforderten Sicherheitsreserven bei weitem. Sie schützt nicht nur die Brust, sondern auch Hals, Arme und Rücken des Trägers.»

Genäht wird die SBB-Schutzbekleidung in Partnerbetrieben in Mazedonien in «überschaubarer» Stückzahl. Bemerkenswert sind die Kunststoffreissverschlüsse und Druckknöpfe, die ebenfalls schwer entflammbar sind. Trotz ihrer hochtechnischen Ausrüstung sind die Schutzjacken der SBB bei 60 Grad waschbar. Nur auf Weichspüler sollte verzichtet werden, weil solche Mittel die Leitfähigkeit der speziellen Metallfäden verschlechtern.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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