NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Im Kloster

Bei den Zisterziensermönchen in Hauterive.

Von Peter Haffner

Angelangt beim Kloster, betrat ich es durch das Hauptportal. Ich folgte zwei Mönchen, die kurz zuvor dasselbe getan hatten, wandte mich aber, kaum war ich drinnen, wieder um und ging hinaus, die Glocke zu ziehen. Ich fürchtete, mich im Innern nicht zurechtzufinden und irgendwelche mir unbekannten Regeln zu verletzen. Auf das Klingeln hin, das in der Stille nachhallte, als habe ein Schäfchen sich in eine Kirche verirrt, beugte ein Bruder sich aus dem Fenster im ersten Stock und hiess mich willkommen. Er fragte dann, ob ich essen wolle.

Ich bekam Zimmerschlüssel, Gebetbücher und eine Bibel. Das Zimmer liegt im Flügel, zu dessen Linker sich die Kirche anschliesst. Befindet man sich in einem fremden Raum, wirft man als erstes einen Blick aus dem Fenster, als müsste man sich instinktiv eines Fluchtweges versichern. Zu sehen sind ein Teil des Kreuzganges, ein Stück Himmel und über dem Dachfirst des gegenüberliegenden Traktes, worin die Mönche leben, Tannen auf einem Hügelzug. Nichts wird sich verändern während der sechs Tage, während deren ich den Raum bewohne, der seiner Kargheit wegen keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zieht. Tisch, Bett und Stuhl, einfach gezimmert - eine Zelle. Vielleicht, ging mir durch den Kopf, ist die Abtei in ihren Mauern so etwas wie ein Gehirn, das, um am Leben zu bleiben, des Schutzes der Schädelknochen bedarf; der Mönch sowenig ein Individuum, wie es die Zelle eines Organismus ist.

Noch vom Bahnhof aus hatte ich nach Hause angerufen. Die Verbindung war schlecht, und K. verstand kein Wort, und einen Augenblick hatte mich der Gedanke gestreift, das habe etwas zu bedeuten - ich war daran, mich in eine andere Welt zu begeben.

Wie es die Satzungen des Ordens verlangen, liegt die Zisterzienserabtei Hauterive fern von menschlichen Siedlungen; sieben Kilometer südwestlich von Freiburg am linken Ufer der Saane in einer Mäanderschleife. Zur Rechten des Flussufers, das das hohe heisst und dem Ort seinen Namen gegeben hat, steigt steil eine Felswand aus Sandstein in den Himmel. Schutz und Hindernis zugleich, schirmt sie das Kloster ab von der Welt, deren Horizont, hätte man die Höhe überwunden, einem die Kette der Freiburger Alpen zeigte.

Nebel lag über den Matten und Wäldern jenseits der Klosterumfriedung, und grosse schwarze Krähen hockten auf der brachen Ackererde. Zwei Mönche kamen mir entgegen, als ich von der alten Mühle am Flussufer zum Kloster zurück spazierte. Zögernd nahm ich die Hände aus den Taschen. Kennt man die Regeln nicht, wendet man unwillkürlich diejenigen an, die einem vertraut sind. So friedliebend sie dalag, dünkte mich die Abtei doch etwas von der Armee zu haben, einer Maschine, deren Lauf man sich unterordnet, indem man sich nur so weit bewegt, als man von ihr bewegt wird.

Die Zeit verrinnt, indem sie wiederkehrt.

Es läutete zur Vesper. Die Kirche erschien mir als grosses Schiff, getragen vom Gesang der Mönche wie von sanften Wellen. Das hohe Masswerkfenster, das gegen Osten geht, gleicht dem Bug, der die See durchpflügt; was sich von der Welt zeigt und ihren lockenden Gestaden, zeigt sich durch buntes Glas - und zeigt sich also nicht. Wer es eintauschen möchte zu dieser Stunde gegen seinen Platz hier, ist nie zur See gefahren. Gleich Statuen stehen sie da, die Mönche, weiss, verneigen sich vor dem Herrn. Das Abendopfer gilt dem Gott, der unsere Seelen hält während der Nacht.

Vesper und Laudes, Morgenlob und Abendlob, sind die Pole des liturgischen Tages. Dieser ist eingeteilt in sieben Gottesdienste entsprechend dem Worte des Propheten: «Siebenmal am Tag singe ich dein Lob.»

Der letzte Gottesdienst vor der Nachtruhe, die Komplet, wird bei gelöschten Lichtern abgehalten. Die Mönche stimmen das «Salve Regina» an, empfangen den Weihwassersegen ihres Abtes und verschwinden im Dunkel des Chores. Ein schmiedeisernes Chorgitter trennt sie von den übrigen Gläubigen; eine abgeschlossene Welt innerhalb der abgeschlossenen Welt. Als wäre man ein Spiegelbild, das nur unvollkommen reflektiert, was von ihnen ausgeht, übt man sich in der Nachahmung, setzt sich, kniet sich hin, steht auf; eine Puppe an Fäden aus Notenlinien.

Der Tanz, wird Bruder Emmanuel später die Bemerkung fallenlassen, verlangt den Gehorsam, den Gehorsam der Musik wie dem Partner gegenüber; der aber ist hier nicht von irdischer Statur.

Wenn in den Städten das Nachtleben beginnt, die Leute ausgehen und sich amüsieren, ist der Tag zu Ende. Abends um acht wird die Pforte geschlossen. Schlaf senkt sich über die Abtei und nimmt dem Schweigen die Worte.

Schlag 3 Uhr 15 ruft die Glocke zum nächtlichen Gebet der Vigilien, die gehalten werden nach der Weisung des Propheten: «Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen.»

Die Viertelstunde bis zu Beginn reicht für Rasur, Katzenwäsche und Ankleiden. Noch Wolken von Träumen im Kopf, die sich nicht mehr dingfest machen lassen, schreite ich durch den Korridor des Gästetrakts an düsteren Ölgemälden vorbei, höre meine Schritte wie die eines Fremden. Eine schmale Treppe führt hinunter zur Empore der Kirche, wo in der Luft der Geruch von erkaltetem Weihrauch hängt. Die Geräusche der Mönche, die im Chorgestühl ihre Plätze einnehmen, das Rascheln und Knacken, scheinen den alleinigen Zweck zu haben, die Stille zu bestätigen. In ihr beginnt der Raum sich auszudehnen. In einer klaren Nacht wird mir deutlich, wie vergleichsweise nah die Sterne sind im Unterschied zu diesem Gewölbe, das sich in Abstufungen rötlichgrauer Farbtöne verliert und einen Begriff von Unendlichkeit gibt, der dem Himmelszelt nicht eigen ist.

In der Litanei sind erst nach und nach Partikeln aus Silben auszumachen, die sich zu Wörtern, und Wörter, die sich zu Sätzen verbinden. «Domine labia mea aperies: et os meum annuntabit laudem tuam» - «Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde.»

Dreimal wird die Einladung zum Gotteslob ausgesprochen, und nach fünfzig Minuten enden die Vigilien mit dem «Kyrie eleison, Christe eleison, Kyrie eleison»: «Herr, erbarme dich; Christus, erbarme dich; Herr, erbarme dich.»

Nun nimmt, nach einer Ruhepause von einer Stunde, der liturgische Tag seinen Lauf. Seinem Zwang entrinnen heisst sich ihm fügen. Ob es ein Zeichen von Stärke ist, solch strengen Regeln zu folgen?

Um halb sechs empfängt die Kirche, noch dunkel, zu den Laudes, dem Morgenlob. Begrüsst wird die Stunde, in der das Licht über die Finsternis triumphiert und der Herr, am Morgen vor Ostern, endgültig den Tod überwunden hat.

Das Konventamt, das um sechs Uhr folgt, ist mir als Nichtkatholik in seinen Einzelheiten nicht vertraut, und ich wiege mich schon in der Sicherheit, die der Schoss der Kirche gewährt, als ein leises Erschrecken mir vergegenwärtigt, dass ich woanders bin. Die übrigen vier Besucher sind nach vorn getreten, den Leib Christi zu kosten und sein Blut zu trinken, während ich zurückbleibe im Unbehagen dessen, der nicht auffallen will.

Die Grenzen allen menschlichen Tuns sollen einem gegenwärtig werden in einem Alltag, dessen Ablauf immer wieder unterbrochen wird, um Ihm, dem Ewigen, zu dienen.

Bei der Prim leuchtet das Glasfenster im Bug des Kirchenschiffes vom Licht, das aus dem Osten kommt, und das Grau der Dämmerung verschwindet hinter meinem Rücken durch die Fensterscheiben über dem Portal und lässt Helligkeit zurück. Terz, Sext, Non - jede Stunde hat ihre Farbe, jeder Tag seine Nuance; immer dasselbe betrachtend, betrachtet man nie das gleiche, man müsste Jahre verbringen und Jahrzehnte zum Studium dieses Farbkataloges, dessen ganzer Reiz seine Reizlosigkeit ist.

Die Zeit ist ein Muster, eingewoben in die Welt.

Ein kleiner, älterer Mönch führt eine Schulklasse durch Kirche und Kloster. Er zittert etwas und gibt den Worten, die er wählt, wie einen kleinen Schubs, so dass sie selber ein bisschen zittern. Es ist ein Zittern mild ironischer Art und verleiht seiner Führung eine Leichtigkeit, die seltsam kontrastiert zum Gewicht einer Tradition, die Jahrhunderte dauert.

Im Chorgestühl aus Eichenholz, geschnitzt im spätgotischen Stil des 15. Jahrhunderts, sind die grundlegenden Geheimnisse des Glaubens - die heilige Dreifaltigkeit, die Menschwerdung Christi und sein Erlösungswerk - das Thema in Augenhöhe, wohingegen sich in den unteren Rängen die Dämonen tummeln. Unter einem Klappsitz schneidet ein Teufel seine Fratze. Der Mönchs-Chor ist Materie gewordene Liturgie, die zweiunddreissig Stallen, die Kniebänke, die Miserikordien, die eine Zwischenstellung zwischen Knien und Sitzen erlauben, eine Art Maschinerie, die während der Offizien mehrere Stunden am Tag in Gang gehalten wird.

Ist es der Mönch, der die Gebete spricht, oder das Gebet, das sich des Mönchs als seines Sprechers bedient? Wie ich mir das alles ansehe, wird mir mit einemmal bewusst, wie sehr, was für uns Geschichte ist, dem gegenwärtig sein muss, der sie hier fortsetzt. Einen Platz einnimmt, den durch die Jahrhunderte hindurch ein Bruder nach dem anderen eingenommen hat, in derselben Kleidung, derselben Regel folgend, dieselben Psalmen singend und Gebete verrichtend. Vom Vorfrühling 1138, der Gründung, bis zur Klosteraufhebung 1848 haben rund vierhundert Mönche hier gelebt. 1939 durfte Hauterive wieder besiedelt werden. Dreissig Mitglieder zählt heute die Klosterfamilie. Der heilige Benedikt, dessen Regel sie nachlebt, und St.-Bernard von Clairvaux, deren Verkünder, sind keine historischen Figuren. Es sind Mitbrüder, die dort weilen, wo ihre Nachfahren dereinst auch weilen möchten. Muss nicht jeder Versuch, neue Wege der Spiritualität zu gehen, scheitern am Fels, auf dem diese Kirche gebaut ist?

Nietzsche meinte, die Stärke des Glaubens spreche für die Unwahrscheinlichkeit des Geglaubten. Andere sehen einen Beweis für die Existenz Gottes gerade im monastischen Leben, da dessen Tugenden - Armut, Demut und Keuschheit - sonst unerklärlich blieben. Die parallele Lektüre Nietzsches, des Verächters des Christentums, und der Schrift des heiligen Benedikt, des Vaters des abendländischen Mönchtums, füllt die wenigen Stunden, die mir zur freien Verfügung stehen.

Pater Stephan führt die Kinder durch den Kreuzgang in den Kapitelsaal, wo die Mönche sich versammeln für Lesungen und Angelegenheiten, die alle betreffen. Er zeigt eine hölzerne Wahlurne, die einer kleinen Kommode mit zwei Schublädchen ähnelt. Im unteren liegen weisse und schwarze Bohnen sowie rote Glasperlen. Lässt man sie durch den Schlitz fallen, werden sie im oberen gesammelt. Damit wird abgestimmt, wenn einer als Novize aufgenommen werden will, nachdem er einen Monat bis ein halbes Jahr Klosterleben geschnuppert hat. Weiss für Ja, Schwarz für Nein und Rot für Stimmenthaltung.

Vielleicht muss man, wenn man ins Kloster geht, Rot als neutrale Farbe empfinden.

Ob sein Vater auch Mönch gewesen sei? fragt ein Dreikäsehoch Bruder Emmanuel. Die Antwort («In dem Falle wäre ich nicht hier») scheint die Verwirrung des Jungen um eine Dimension zu bereichern. Wie viele Stunden er am Tag bete, will ein Mädchen wissen. «Wie viele Stunden am Tag», fragt der Mönch zurück, «liebst du deine Mutter?» Das Kind wird verlegen und vom Gespänlein zur Rechten gestupft: «Sag: eine!» - «Siehst du», sagt der Mönch, «du liebst deine Mutter immer. So ist es auch mit dem Beten.»

Bruder Emmanuel spricht von Jesus, ohne das Unbehagen vor dem Missionar zu wecken. Als Laienbruder nimmt er nicht an allen Gottesdiensten teil, weil er mehr arbeitet als die Chormönche.

Im Kreuzgang weist Pater Stephan auf die Rosetten der Schildbogen, von denen keine gleich ist wie die andere. Scheint die Sonne, werfen sie ihr Schattenbild auf die gegenüberliegende Wand. Keine verweist, obwohl einzig in ihrer Art, auf sich selber.

Der Innenhof dient im Sommer drei Schildkröten als Auslauf. «Genügsam, schweigsam und bucklig», scherzt Pater Stephan, «sind sie das Symbol für einen guten Mönch.» Die Demut, die der heilige Benedikt verlangt, benachteiligt die Grossgewachsenen. Im Bestreben, sich klein zu machen, gewöhnen sie sich das an, was wir eine schlechte Körperhaltung nennen.

Vor dem Eingang zum Weinkeller stehen Kisten mit frisch gepflücktem Obst, woraus der Saft gepresst wird, der jeden Tag auf den Tisch zu stehen kommt. In der Bescheidenheit birgt der Duft seinen Reichtum.

Die Mahlzeiten werden schweigend eingenommen, und ich empfinde es als Befreiung, nicht ständig zu allem eine Meinung haben zu müssen. Deutlich wird, wie sehr das Reden alle anderen Formen der Verständigung verdrängt.

Jede Geste wird auffällig, die nicht von einer Äusserung begleitet in die Welt geschickt wird. Und auf diese Weise ansprechbar zu werden, um dem Nächsten die Schüssel reichen zu können, wenn er danach begehrt, erfordert Aufmerksamkeit. So scheinen wir wenigen Gäste, die sich immer zu denselben Zeiten um denselben Tisch versammeln, bald eingesponnen in ein Netz von Handreichungen, die jeder mit der verhaltenen Vorsicht dessen tut, der fürchtet, es unbedacht zu zerreissen. Wo die Worte fehlen, fehlt die Sicherheit, sich ihrer bedienen zu können.

Im Esssaal wird über Lautsprecher die Lesung aus dem Refektorium der Mönche übertragen. Es ist schwierig, den Worten zu folgen, während man isst und auf die Bedürfnisse der Nachbarschaft achtet. Aber vielleicht ist weniger Erbauung der Zweck dieser Lesung als vielmehr eine Besänftigung, die nötig hat, wer auf das Reden verzichtet. Denn Schweigen ist geboten immer und überall, mit Ausnahme von einer halben Stunde am Tag, in der die Mönche miteinander plaudern dürfen. Das Schweigen in Gesellschaft kann, verglichen mit dem Schweigen der Einsamkeit, sehr laut sein.

Etwas Irritierendes geht von dieser Wortlosigkeit aus. Natürlich sind Fragen erlaubt, und sie werden einem beantwortet, aber die Antworten sind etwas für sich, und die Abtei ist etwas anderes; es ist, als wollte man das Wesen eines Flusses erfassen, indem man eine Wasserprobe untersucht.

Das Biographische: Bruder Johannes-Maria, 1961 in Stans geboren, Sohn eines Mechanikers, Schreinerlehre, Rekrutenschule als Gebirgssanitäter. Im Mai 1989 hat er, nach insgesamt fünfeinhalb Jahren, in denen er noch Bedenkzeit hatte, die ewigen Gelübde abgelegt auf Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam und Treue. Bruder Johannes-Maria ist von feiner Statur, trägt einen kurzgeschnittenen roten Bart, spricht konzentriert. Er schaut einem in die Augen, wenn er argumentiert, und in seiner Stimme ist eine Kraft, die sich auch aus dem nähren mag, was er im Kloster entbehrt; Frauen, sagt er, und Freiheit. Er hat die Frage mit einer Selbstverständlichkeit beantwortet, die jede Anzüglichkeit Sache des Fragestellers sein lässt. Als Sohn einer sieben Kinder zählenden Familie sei er mit vier Schwestern aufgewachsen, und das weibliche Element, das seine Jugend mitgeprägt habe, fehle ihm hier; nicht im sexuellen Sinn. Manchmal komme er sich wie ein Gefangener vor, eingeschlossen in Mauern, die er überwindet, indem er betet für diejenigen, die sich nicht freiwillig hinter Gitter begeben hätten.

In die Wüste habe er gehen wollen.

Einer Schulklasse, die ihm unverblümte Fragen stellen wird nach Freundinnen und Erfahrungen, antwortet er unverblümt.

Dass der Verzicht ein Verzicht sei.

Da ist nichts, was nicht normal gewesen wäre, ausser dass ihm das Normale nicht genügt hat.

Die Liebe zu Gott, sagt er, könne sein wie die Liebe zu einer Frau.

Sein Vater hat sich schwergetan mit dem Entscheid des Sohnes, ein Leben zu wählen, bei dem nichts herausschaut. Ein Interesse für die Belange der Welt bringt der junge Mönch gleichwohl auf, er liest die Zeitung und pflegt die seltenen Kontakte zu den Freunden, die ihm geblieben sind, zwei Frauen und zwei Männern. Der Erlebnisumfang im Kloster, sagt er, sei sehr klein, der Erlebnisinhalt indessen tief. Dünnhäutig werde man in dieser kollektiven Einsamkeit, in der jeder seinen Weg selber gehen müsse. Er verrichtet das Nachtgebet allein in seiner Zelle, feiert die Laudes dann mit den Brüdern. Als Schneider tätig, fertigt er auf Mass die Mönchskleider, den Habit, die Kukulle, das Skapulier; eine einsame, meditative Arbeit auch das.

Einen Augenblick stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn es sich umgekehrt verhielte - die Welt klösterlich und die Klöster weltlich wären.

Was er getan habe, sei eine Flucht vor der Flucht gewesen, sagt Bruder Johannes-Maria.

Einmal habe sich während der drei Tage im Jahr, die jeder Mönch bei seiner Familie oder bei Freunden verbringen darf, im Zug eine Frau zu ihm gesetzt - meist schauten die Leute ja weg, wenn sie einen Mönch sähen, um sich nach ihm umzudrehen, wenn er vorüber sei -, eine drogensüchtige Prostituierte, die ihm ihr ganzes Leben erzählt habe. Er habe sich hilflos gefühlt und gesagt, er werde für sie beten. Dann habe er gemerkt, dass dies genau das gewesen sei, was die Frau gebraucht habe.

Einen Apfel essen. Wie bedeutend das plötzlich werden könne.

Die Sechzehn-, Siebzehnjährigen, die ihm zuhören, begreifen ihn nicht, obschon sie ihn zu respektieren scheinen. In diesem Alter ist man hungrig nach der Welt, nach dem Umgang mit Menschen, die das Abenteuer des Erwachsenwerdens teilen, die zweite Geburt. Für die dritte, die in Christus, herrscht kein Verständnis.

Bruder Emmanuel wird sagen, das Kloster sei kein Ort für Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkämen. Gott suchen zu wollen sei Voraussetzung.

Die Sehnsucht nach der Schlichtheit eines Daseins, das im Wechsel von Arbeit, Lesung und Gebet sich in den Zyklen des Tages und der Jahreszeiten vollzieht, mag vielen vertraut sein.

In der Berufung liegt das Mysterium.

Nicht viel von dem, was wir Welt heissen, dringt hier ein. Kein Fernsehen, kein Radio. Vorhanden ist ein Videogerät, mit dem aufgenommen wird, was die Gemeinschaft interessiert. «Eine Kardinalsweihe in Rom zum Beispiel», sagt Pater Stephan. «Die schauen wir uns dann an.»

Die Landschaft birgt keine Geheimnisse. Ockergelb, grüngelb steht der Wald. Über dem gleichmütigen Rauschen der Saane hängt der Schrei von Krähen. Gelbe, harte Stoppeln eines Maisfeldes, hell- und dunkelbraun gescheckte Kühe. Vor dem Rotkohl im Gemüsegarten steht ein Mönch in Arbeitskutte. Jenseits der kleinen Brücke schaut eine Scheune in die Landschaft, und noch die Leiter davor liegt da, als habe sie sich selber schlafen gelegt. Die Dinge sind, was sie sind. Ein Flugzeug zieht seine Bahn, zollt der Abgeschiedenheit Respekt. «Zone de silence» steht auf gelben Tafeln rund ums Kloster. Morgen ist Allerheiligen. - Zum Frühstück gibt es frische Brötchen und Honig. Allerheiligen ist ein Feiertag, und Bruder Emmanuel eröffnet mir, dass ich heute mit den Mönchen essen werde.

Ich habe den Eindruck, auf eine sanfte Weise betreut zu werden; kaum denke ich, man habe mich vergessen und ich müsse, wolle ich meine Fragen beantwortet haben, ungebührlich Aufmerksamkeit erregen, wird sie mir erwiesen.

Zum Apéritif mit dem Abt, Vater Bernhard, sind ein paar Besucher gekommen, unter ihnen alt Bischof Anton Hänggi aus Basel. Klein und wohlgenährt, hat er etwas Gemütliches und zugleich Verschmitztes an sich. Als er nach dem Mittagessen mit einem Glas Schnaps und einem Schälchen Zucker in der Hand von Bruder zu Bruder geht - «Friede sei mit euch!» -, lacht er, wie er vor mir steht, taucht das Zuckerstück in den Schnaps. Einen bangen Augenblick weiss ich nicht, ob ich die Zuge herausstrecken soll. Er reicht es mir und sagt: «Das heisst dem Bischof aus der Hand fressen!»

Im Refektorium, einem holzgetäferten Raum, steht die Kanzel für den Tischleser. Es gibt Paella und Wein, die Stimmung ist lautlos festlich, und Bruder Johannes-Maria, der serviert, lächelt mir zu, als teilten wir ein Geheimnis. Tafelmusik wird gespielt. Die Mönche sitzen an grossen Tischen meist ohne Gegenüber, und wie sie mit dem Essen fertig sind, geht ein Bruder mit einem Milchkesseli voll Wasser vom einen zum anderen. Darin wäscht jeder sein Besteck und trocknet es hernach mit der Serviette. Die Sonne erfüllt den Raum mit warmem Licht.

Bei Kaffee, Pralinen und Schnaps im Erholungsraum des Gästetraktes wird die Stimmung lockerer. Geschichten werden zum besten gegeben, wie diejenige eines sehr der Kunst des gregorianischen Chorals zugetanen Paters, der im Gottesdienst einmal, erzürnt ob der falschen Töne eines Mitbruder, diesem das Gesangbuch über den Kopf gehauen hat. Neben mir sitzt ein 84jähriger Mönch, der mit seinem weissen Bart, wie es heisst, der meistphotographierte des Klosters ist. Er plaudert, während der Abt Vater Bernhard eine kleine Ansprache hält, erzählt, dass in Medjugorje in Jugoslawien die Jungfrau sechsmal am Tag erscheine, was der dortige Bischof zwar nicht habe bestätigen wollen. Er aber glaubt es. Mit einem Hallo wird der Koch begrüsst, der, wie es sich gehört, etwas rundlicher ist, als es die Regel erlaubt. Früher sei es viel strenger gewesen, sagt der Alte, da hätten die Mönche keine Kontakte zu Gästen haben dürfen. Er fragt mich, woher ich sei und was ich mache, und gibt sich vergnügt.

Das sei gut, sagt der Abt, dass ich auch erlebt und gesehen habe, dass sie hier nicht versauerten.

Ich nahm Abschied, trat hinaus ins Freie und kehrte zurück in die Welt, deren Lärm mich begrüsste, als hätte er mich vermisst.


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