NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Um die Wurst -- Alpine Wegzehrung

© Caspar Martig
Ferdinand Muheim mit Urner Hauswürsten. Linktext
Von Andreas Heller

Manch ein wackerer Soldat der einstigen Gotthardbrigade hat Metzger Muheims allzeit verzehrsbereite Trockenfleischspezialitäten schätzengelernt, die «Tirrs» und «Schaaflitti», den Rohessspeck und die Urner «Hüswirscht». Heute zählen zu Ferdinand Muheims Kunden neben den Einheimischen vor allem Genussreisende; solche, die sich nicht nur das Vergnügen der alten Passstrasse gönnen, sondern auch zu rasten verstehen und sich in seinem Dorfladen mitten in Andermatt mit allerlei Köstlichkeiten eindecken – neben Würsten auch mit Alpkäse, Alpbutter oder Bergbienenhonig.

Obwohl auf der transeuropäischen Nord-Süd-Achse gelegen, befindet sich Andermatt ziemlich im Abseits. Der Transitverkehr auf Strasse und Schiene verschwindet weiter unten in Göschenen im Berg. Der Fremdenverkehr ist notorisch eher flau. Und seit die Armee ihre Reduitstrategie aufgegeben hat und kontinuierlich Truppen abbaut, ist es im Urserental noch ruhiger geworden. «Wir sind eine dieser Randregionen», meint Muheim, «von denen Politiker und Ökonomen wie etwa dieser Beat Kappeler behaupten, sie würden sich für die Schweiz nicht mehr rechnen.»

Muheim ist nicht nur Metzger. Als langjähriger Gemeindepräsident verhandelte er mit den Militärspitzen, um den Armeeabzug möglichst erträglich zu gestalten (trotzdem ist der Umsatz im eigenen Geschäft gegenüber den Spitzenjahren um gegen 70 Prozent eingebrochen). Mit dem gleichen Engagement setzt er sich für eine Wiederbelebung des Fremdenverkehrs ein: zum Beispiel als Sponsor des Freilichtspiels «Gotthardposcht», in dem die wirtschaftlichen Probleme des Tals auf wundersame Weise durch Liebesglück eine Lösung erfahren.

Eher pragmatisch ist die Lösung, die der Andermatter Metzgermeister für die Vermarktung seiner Urner Hauswurst gefunden hat. Er lässt sie auch in der Autobahnraststätte unten in Erstfeld verkaufen, wo sie reissenden Absatz findet. 15 000 Paar wanderten dort im letzten Jahr ins Gepäck der Reisenden aus aller Welt, weit mehr, als heute oben in Andermatt über den Ladentisch gehen. Diese Lektion hat Muheim gelernt: «Wenn die Kunden nicht zu uns kommen, dann gehen wir halt zu ihnen.»

Ansonsten ist alles wie eh und je. Die Urner Hauswurst besteht aus einem Drittel Kuh- und einem Drittel Schweinefleisch; ein weiterer Drittel besteht aus Hirsch- oder Ziegenfleisch. Dies alles wird fein gehackt, mit Wein, Knoblauch, Pfeffer, Muskatnuss und Macis abgeschmeckt, zu einer Masse vermengt, in Därme abgefüllt und während zweier Wochen luftgetrocknet. Extra würzig ist die Geissenfleischvariante. Die ideale Wegzehrung, für Säumer wie Soldaten, für Picknicktouristen wie Stausteher.




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