NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Mutter Priorin Pias Zelle

© Christian Känzig, Zürich
Priorin Pia Willi lebt seit 1958 im Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair, das zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Welt zählt. Linktext
Von Lilli Binzegger

«IM KLOSTER ST. JOHANN in Müstair lebe ich seit 1958, diese Zelle habe ich aber erst seit 1986, seit ich Priorin bin. Zuerst waren wir zu viert in einem Schlafsaal, das war auch lustig. Erst nach den Ewigen Gelübden, nach etwa vier, fünf Jahren, bekam ich eine eigene Zelle. Wenn man jung ist, spielt das keine Rolle, da schläft man ohnehin gut. Das ändert sich, wenn man älter wird, da ist man froh, wenn man allein ist. Diese Zelle ist von etwa 1650, das Täfer ist also ungefähr 350 Jahre alt. Es ist Arvenholz, von hier natürlich.

Am Abend haben wir um halb acht Uhr das Nachtgebet, das Complet, und im Sommer beten wir anschliessend noch die Vigil. Dann ziehen sich die Schwestern in ihre Zellen zurück, lesen dort noch ein wenig oder meditieren und gehen zu Bett. Bei mir kommt dann immer noch die Post, die ich als Priorin zu erledigen habe. Bis ich damit fertig bin, ist es vielleicht neun, halb zehn. Dann mache ich jeweils noch einen Gang durchs Haus, schaue, ob alle Fenster und Türen zu sind, gehe in den Chor, unseren Gebetsraum, und grüsse dort Jesus. Es ist mir ein Bedürfnis, abends noch einmal allein zu ihm zu gehen und ihm den Tag zu Füssen zu legen. Anschliessend komme ich hier herauf und gehe ganz langsam durch den langen Zellengang und segne meine Mitschwestern, bis ich hier in meiner Zelle ankomme. Hier darf ich alles loslassen, hier bin ich bei dem, von dem ich mich geliebt fühle und an den ich glaube. Er erwartet mich schon in dieser Ruhe und Stille.

Das Kruzifix hat mir meine Mutter, kurz bevor sie starb, gegeben; es war eingehüllt in handgewobene Leinentüchlein. Ich habe es erst nach ihrem Tod ausgepackt und fand noch andere liebe Sachen von ihr dabei. Das Kreuz hat schon meiner Grossmutter und meiner Urgrossmutter gehört und war vielleicht schon vorher im Besitz unserer Familie. Jetzt steht es vor meinem Herzkästchen, wie ich es nenne, in dem ich Briefe, das Bild meiner Mutter, einen kleinen Reliquienschrein und andere kleine Dinge aufbewahre, die mir lieb sind, auch ein Büchlein mit den Gebeten meiner Mutter, die sie selber geschrieben hat. Sie war sehr religiös. Mein Vater, der Kinderarzt in Zürich war und immer sehr viel Arbeit hatte, war es weniger, aber er hatte nichts dagegen.

Ich habe in der Zelle ein Bild meines Grossvaters aufgehängt. Er war Ingenieur. Ich muss mich viel mit Bau- und Renovationsfragen auseinandersetzen und fühle mich ihm dadurch verbunden. Als Priorin habe ich damit viel zu tun, das Kloster wird seit 1970 nach und nach renoviert. Die kleinen Bilder fand ich alle auf dem Estrich, unter Bergen von Plunder. Als ich ins Kloster kam, hat man diese Sachen gar nicht geschätzt, man hielt sie für Kitsch, es gab eine Art Bildersturm gegen den Kitsch. Man kann aber nicht allen Kitsch verwerfen, gerade wenn er mit so viel Liebe gemacht worden ist wie diese Klosterfrauenarbeiten. Das Marienbild war schon in der Zelle, als ich sie bekam. Ich habe es sehr gern.

Die Bücher, die ich hier habe, sind religiöse Bücher, ich nenne sie meine Freunde. Ich lese gerne darin, wenn der Schlaf nicht kommen will. Nachts ist auch eine Zeit, in der ich beten kann. Es kommen viele Leute mit ihren Sorgen zu uns, und wenn ich ihnen ein Gebet verspreche, dann will ich das Versprechen auch halten.

Zurzeit sind wir zwölf Schwestern und eine Novizin. Als ich eintrat, waren wir dreissig. Im ganzen 16. Jahrhundert, also hundert Jahre lang, waren hier nur vier Schwestern. Der maximale Bestand sind 34 Schwestern, für mehr hat es nicht Platz. Wir haben eine schöne Klosterfamilie, wir sind glücklich, auch wenn wir viel Arbeit haben, die wir stillschweigend verrichten. Wir helfen einander. Dass wir gut miteinander auskommen, ist uns ein Geschenk, das alles viel leichter macht. Haus und Garten geben viel zu tun, wir führen auch den Dorfkindergarten, betreuen Gäste und helfen in der Not auch in der klostereigenen Landwirtschaft mit.

Aus dem einen Fenster sehe ich unsere Kirche, aus dem anderen auf die Kapelle, zwei Orte, die mir viel bedeuten. Wenn ich abends hierher komme, ist es allerdings meistens dunkel, und ich schliesse die Läden. Der schönste Moment ist am Morgen früh, wenn das Licht des neuen Tages in die Zelle hereinflutet.

Aufgewachsen bin ich am Zürichberg, am Häldeliweg, in einem kleinen Haus mit Garten. Nach der Schule war ich an der Kunstgewerbeschule und habe in wissenschaftlichem Zeichnen abgeschlossen. Später ging ich für ein Jahr nach Paris und arbeitete dort als Illustratorin. Daneben hatte ich Malunterricht bei André L'Haute, einem Kubisten. Ein Zimmer zu finden war in Paris für junge Frauen damals furchtbar schwer. Auf der Zimmersuche hat man mir, wenn man mich nur sah, zugerufen: Pas de jeunes filles! und schon war die Tür wieder zu. Schliesslich bat ich die Muttergottes, mir zu einem Zimmer zu verhelfen, und sie half. Nach Paris war ich kurz in Disentis. Dort malte ich, führte Auftragsarbeiten für Buchillustrationen aus. Gewohnt habe ich in einer Mansarde. Von dort aus machte ich einmal einen Ausflug nach Müstair. In der Klosterkirche spürte ich stark und tief, dass ich hierher gehöre. Ich meldete mich sofort an und trat im Advent 1958 hier ein.

Über der Zelle ist der Estrich. Dort höre ich manchmal Mäuse herumtrippeln, manchmal auch eine Ratte oder gar einen Marder. Wir haben in diesem schönen alten Gemäuer viele Mitbewohner, ich erkenne sie alle an ihren Schritten.

Das Läuten der Kapelle und der Kirche höre ich auch. Sonst ist es hier sehr still.


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