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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Die Puppen an der Bar

Mit 33 Plasticpüppchen in einem Koffer besuchte der Medizinstudent Henry Bennett in den 1970er Jahren regelmässig Bars. Er wollte herausfinden, wie das Gedächtnis einer Kellnerin funktioniert.

Von Reto U. Schneider

Im Sommer 1979 geriet Henry L. Bennett in eine hitzige Diskussion, weil er nicht glauben wollte, was in der Psychologie längst als etablierte Tatsache galt. Bennett war damals Medizinstudent an der University of California in Davis und besuchte ein Seminar über das Gedächtnis. Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses wurde dabei mit 7 Informationseinheiten plus/minus 2 angegeben. Auf dieses Resultat war man bei unzähligen Labortests gekommen.

«Jede Kellnerin kann sich mehr als sieben Dinge merken», warf Bennett ein.

«Kann sie nicht», entgegnete ein Kollege.

«O doch.»

«O nein.»

«Ich werde es beweisen.»

Dieser leichtfertig geleistete Schwur sollte Bennett einige Jahre beschäftigen, in denen er die erstaunlichen Gedächtnisleistungen von Kellnerinnen dokumentierte.

Seine erste Untersuchungsmethode muss ihn in Restaurants rund um die Universität zum unbeliebtesten Gast aller Zeiten gemacht haben. Er setzte sich mit einer Gruppe von acht Freunden an einen Tisch, und dann bestellte jeder ein anderes Gericht und ein anderes Getränk. Nachdem die Kellnerin in Richtung Küche verschwunden war, tauschten die Studenten die Plätze. Bennett wollte nicht nur herausfinden, wie viele Bestellungen eine Kellnerin im Kopf behalten konnte, sondern auch, wie sie sich an die Gerichte und Getränke erinnerte: Merkte sie sich den Platz oder das Gesicht?

Nach einigen solchen Versuchen wurde Bennett klar, dass sein Verfahren nicht optimal war. Die Situationen in den Restaurants unterschieden sich zu stark voneinander, als dass sie brauchbare Aussagen erlaubt hätten, zudem schrieben einige Serviertöchter die Bestellung auf. «Also wechselte ich in Bars», erinnert sich Bennett, der heute als Anästhesist im St. Lukes Hospital in New York arbeitet. Getränkebestellungen werden normalerweise nicht aufgeschrieben.

Um jeder Kellnerin die exakt gleiche Aufgabe zu stellen, hatte er schliesslich die verschrobene Idee, die sein Experiment zur Legende werden liess: Er kaufte in einem Spielzeugladen 33 fingergrosse Plasticpuppen, die er an langen Abenden zu Hause individuell einkleidete und denen er die Haare unterschiedlich färbte. Dazu bastelte er zwei runde Miniaturtische mit Stühlen, die er auf einer Holzplatte von der Grösse eines Serviertabletts befestigte. Mit dieser Ausrüstung betrat er nachmittags um halb fünf, wenn noch nicht viel los war, regelmässig Bars und fragte die Kellnerinnen, ob sie bei einem Experiment mitmachen wollten. Obwohl sie Bennett leicht für ein Mitglied der ­örtlichen Puppen-Fetisch-Gruppe hätten halten können, machten 40 von 41 Frauen mit.

Bennett brachte eine Tonbandkassette mit, auf die er mit Kollegen eine Serie von 7, 11 und 15 Bestellungen gesprochen hatte. Sobald die Kellnerin bereit war, liess er das Band laufen: «Bringen Sie mir eine Margarita» – zwei Sekunden Pause – «Ich hätte gerne ein Budweiser». Und so weiter. Bei jeder Bestellung wackelte Bennett mit jener Plasticpuppe, zu der die Stimme vom Band gehörte.

Während eine Assistentin von Bennett hinter der Theke die Getränke vorbereitete – es waren Gummipfropfen mit einem Fähnchen, auf dem der Name des Drinks stand –, beschäftigte Bennett die Kellnerin mit einem Kurzinterview. Auf diese Weise wollte er verhindern, dass sie sich die Bestellung ungestört einprägen konnte. Dann brachten die Kellnerinnen den Puppen die Minidrinks an den Tisch. Im Vergleich mit Studenten, die denselben Test machten, schnitten sie tatsächlich besser ab. 6 der 40 verwechselten überhaupt keine der gesamthaft 33 Bestellungen, 9 nur eine einzige.

Bennetts Vermutung, dass die Grösse des Kurzzeitgedächtnisses – 7 plus/minus 2 Informationseinheiten – ein künstliches Konstrukt war, das im wirklichen Leben kaum Bedeutung hatte, schien sich zu bestätigen. Die Kellnerinnen erinnerten sich an Fälle, in denen sie sich 50, in einem Fall sogar 150 Bestellungen merken konnten. Herauszufinden, wie sie das machten, war jedoch schwierig. Oft sagten sie bloss: «Ich weiss nicht, wie ich die Drinks im Kopf behalte.» Genaueres Nachfragen ergab, dass die Position der Gäste am Tisch nebensächlich war. Für die meisten waren das Gesicht und die Erscheinung der Kunden entscheidend.

Manche gaben auch an, nach einem Merkmal zu suchen, das zum Drink passte. Wangenrouge zum Erdbeer-Daiquiri etwa. Doch die erstaunlichste Erklärung für ihr überragendes Gedächtnis – eine Art höhere Bewusstseinsstufe der Kellnerinnen – lieferten jene drei Kellnerinnen, die sagten: «Nach einer Weile beginnen die Kunden auszusehen wie ihre Drinks.»

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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