Bin ich ein Schriftsteller? Jedenfalls war ich schon mehrfach im Gefängnis und habe aus meinen schwarzen Sachen vorgelesen. So vor kurzem in Bayern, als mir mitten aus meinem Gesicht (vorne, oben. Sehr zu Recht spricht man von Front) ein Zahn herausfiel, das heisst es war gar kein Zahn, und schon gar kein Frontzahn, sondern nur das Imitat eines solchen, ein sogenanntes Inlay. Die Bande hatte mir einfach nicht zugehört. Aber als sie aus meinem lückenhaften Mund den Satz Diesen Zahnarzt bringe ich um! herauskommen sahen und hörten, hatte ich alle auf meiner Seite.
Mein Leben ist eine einzige Zahngeschichte. Ich muss nur mein Leben aufschreiben, all meine Sätze sind im Prinzip Zahnsätze, ich muss gar nichts erfinden (jenes mühsame Kerngeschäft des Schriftstellers), ich müsste mich nur erinnern vom ersten Zahnarzt an, der Fröhlich hiess, den ich in den Finger biss, wofür ich eine Ohrfeige bekam, und einen nach dem anderen Satz in die Maschine geben, und jeder wäre im Kern eine Schmerznovelle. Patient und Passionsgeschichte sind im Prinzip ein Wort (von patior: ich leide). Zähne! Noch etwas auf der Welt, von dem ich nicht wusste, warum es das gab. Es tat weh, also war ich.
Und als wäre dies nicht genug gewesen, sah ich in meiner Kindheit noch Zähne und Gebisse, die erinnerten mich an den Haifisch und andere Raubtiere, denn mancher Mund sah irgendwie zu voll aus, als ginge es hinter den Lippen zwei-, ja dreireihig weiter. Bei manchen aber war gar nichts mehr.
Auf unseren Fotos ging es immer sehr ernst zu, da wir ja wussten, dass es das Einzige war, was von uns bleiben würde. Wir liessen uns immer mit geschlossenem Mund fotografieren und schauten ernst, immer so, als wäre es die letzte Aufnahme. Aber vielleicht stimmte auch nur irgendetwas mit den Zähnen nicht. Ich kannte einen Mann, der hatte bis dreissig noch seine Milchzähne. Es sah schlimm aus. Dabei hatte ich gehört, dass man nach sieben Jahren vollkommen recycelt sei. Das muss doch auch für die Zähne gelten, dachte ich. Ich werde diese Zähne und dieses Leben nie verstehen. Ich weiss nur, dass es immer wieder wehtat, nachdem einmal die Milchzähne für immer verloren waren. War mir nicht von allen, die mich auf den Arm genommen hatten, wenn ich auf mein Milchzahnmaul gefallen war Es wird ja alles gut! in Aussicht gestellt worden?
Nun hast du einen Mittelklassewagen im Mund! Könnte sich einer wie ich sagen und mancher, der nicht nach Ungarn gefahren ist. Das ist eher eine Gage als ein Honorar, meinte mein guter alter Zahnarzt, einen Blick auf den Kostenvoranschlag werfend. Doch es war schon zu spät.
Arnold Stadler ist Schriftsteller, er lebt in Rast/D.