«Erfolgreicher Unternehmer mit Aristobackground sucht für das Leben zu zweit … » Das war es, das Inserat, auf das ich seit langem gewartet hatte. Das war er, mein Traummann. Schon sah ich ihn vor mir sitzen, leise Musik im Hintergrund und im Vordergrund er, der «schlanke, sportlich-klassische Typ». Er trug feine Nadelstreifen, einen Doppelreiher selbstverständlich, und ja, genau dort, wo sein Herz für mich schlug, steckte das Aufreizendste, was Männer an Dekorationsmaterial zu bieten haben: farblich assortiert zur Seidenkrawatte ein handrolliertes Kavalierstuch, französisch Pochette. Diese Pochette war ein Familienwappen quasi, das Emblem des «Aristobackgrounds» jenes Mannes, den ich kennenlernen wollte. Jetzt.
Ich bin attraktiv, ich bin sexy. Ich sage das, ohne überheblich wirken zu wollen. Die Komplimente, die ich als Teenager und junge Frau selbstverständlich entgegennahm, hatten Gutes bewirkt: Ich fühlte mich wohl in meinem Körper und war stolz auf ihn.
Ja, ich bin ein Glückskind. Ich weiss, dass Frauen mit körperlichen Vorzügen bevorzugt behandelt werden. Doch wie sehr darf ich mich darauf verlassen? Vielleicht machte mich diese Frage zutiefst unsicher. Denn erst nach meinem 35. Lebensjahr gestand ich mir ein, heiraten zu wollen, und zwar einen kultivierten, vermögenden Mann. Seitdem suche ich ihn, erfolglos. Nach zwei Jahren bin ich noch immer single und habe erfahren, dass es eigentlich selbstverständlich ist, dass ein begüterter Er mit einer attraktiven Sie durch das Leben gehen will. Doch wenn diese Frau nicht warten möchte, bis Mr. Rich ihr Feuer gibt …
Den «Aristobackground» mit Pochette habe ich nie kennengelernt. Mein Schreiben mit aktuellem Bild, das er verlangt hatte, blieb unbeantwortet. Der nächste, von dem ich etwas wissen wollte, war ein «attrakt. Arzt, 40-J., mit grosser eigener Praxis, ohne Anhang». Er hatte sich im Inserat so liebenswert beschrieben: «sehr sympathische Gesichtszüge u. schönes, dichtes Haar».
Unter seiner Telefonnummer, die zu meiner Begeisterung im Inserat erwähnt stand, meldete sich eine Frauenstimme – ein Partnerwahlinstitut. Die Stimme lud mich zu einem Gespräch ein. Sie tat das eindringlich und warm und betonte, dass der Prozess der Partnersuche doch ein sehr persönlicher sei. «Abenteurer gibt es an jeder Strassenecke. Aber es ist schwer, jemanden mit Niveau zu finden.» Wer wusste das besser als ich?
Ein Taxi fuhr mich vom Bahnhof durch eine Zürcher Vorortsgemeinde zu Frau I., die über die Identität meines vollhaarigen Arztes den Schleier der Diskretion gebreitet hielt. Als ich dem Chauffeur die Adresse nannte, glaubte ich ihn lächeln zu sehen. Ich fühlte mich elend, entehrt und entblösst.
Frau I. öffnete auf mein erstes Klingelzeichen: ein Traum aus Rosa, eine Fee, die aus ihrem Parfumfläschchen direkt zu mir an die Tür geschwebt war. Ihr Deux-pièces, teurer Bouclé-Stoff, schmiegte sich an zarte Knie, die über Fesseln prangten, wie man sie so gazellenhaft noch nie gesehen hat. Frau I. trug puderfarbene Strümpfe und naturblondes Haar. Ihre Nase war eine Stupsnase und kam mir bekannt vor. Ihre Lippen… – ich wusste auf einmal, woher der Ausdruck stammt «an den Lippen hängen». Die Lippen von Frau I. schienen mir Haltegriffe, an welchen ich vor meinem geistigen Auge verschmähte Liebhaber hängen sah. Und abstürzen.
Doch in ihrem Büro wartete niemand auf mich, kein Arzt und auch kein Krankenpfleger – sondern eine Eintrittsgebühr in ihre Agentur. Erst wenn ich mich verpflichten würde, für 3 Partnervorschläge 3500 Franken, für 6 Versuche 4300 oder für 10 Vermittlungen 6200 Franken zu bezahlen, würde sie für mich ihre hochkarätige Adresskartei öffnen. Und, ob mein Arzt mit eigener Praxis und dichtem Haar tatsächlich der Richtige sei? Frau I. bezweifelte das mit Blick auf mein Alter und mit der Frage im Tonfall einer Drohung: «Sie wollen ja keine Kinder mehr?!» Kinder aber wolle mein Arzt! Wieso hatte er das nicht geschrieben? Ich sass beschämt in meinem Stuhl, fühlte mich alt – und sagte mir, dass ein vollhaariger Arzt ohne Anhang in und um Zürich sowieso ein lebender Widerspruch sei.
Als ich das Büro von Frau I. verliess, hielt ich einen Einzahlungsschein in Händen und einen von ihr bereits ausgefüllten Vermittlungsvertrag über das «einmalige Pauschalhonorar» von 3500 Franken für «sechs garantierte Partnervorschläge». Sie machte mir diesen Preis, da sie mich für «gut vermittelbar» hielt und mein Zögern darauf zurückführte, dass die Attraktivität meines Äusseren bemerkenswerter sein müsse als mein Kontostand.
Ich habe mich nicht mehr bei ihr gemeldet. Doch vice versa schon. Zweimal. Letzten Sonntagmittag rief sie an und sagte: «Frau Denise, ich mache Ihnen ein Sonderangebot.» Ein leichtes Frösteln lief über meine Haut – auf der ich seit kurzem Falten entdecke, die ich früher nicht sah. Ich dankte ihr. Ich bat um eine Bedenkfrist.
Denise von Muralt ist freie Journalistin in Zürich.