Der Schwabe Christian Ferdinand Oechsle (1774-1852), Sohn des Bleiglasers Israel Oechsle und Goldschmied von Beruf, gehörte zu jener Sorte Leute, die man gemeinhin als Tüftler oder Erfinder bezeichnet. In Pforzheim, wo er lebte, errichtete Oechsle die erste Spiritusbrennerei. Er bastelte sich ein Harmonium und eine Mundharmonika, dann erfand er die «Rotfärbung» des Glases und das «Lebensrad», einen Vorläufer des Kinematographen. Christian Ferdinand Oechsle war ein rastloser Tausendsassa - und doch wäre er wohl der Vergessenheit anheimgefallen, als einer unter zahllosen Erfindern im Dunkelmeer der Geschichte entschwunden, hätte er sich nicht auch mit dem Wein befasst (was zeigt, dass dies späterem Ruhm durchaus zuträglich sein kann).
Seinem Interesse für den Rebensaft verdankt der Goldschmied, dass er heute in einer Reihe steht mit herausragenden Wissenschaftern wie James Watt und André Marie Ampère oder Lord Kelvin.
Oechsles Name wurde zur Masseinheit. Die Anzahl der Oechslegrade gibt Aufschluss über das spezifische Gewicht des Traubenmostes, woraus sich im weiteren der Süssegehalt bzw. der Alkoholgehalt des Weines errechnen lässt. Oechslegrade lassen Winzer klagen oder euphorisch werden und Politiker sich streiten.
Doch gehen wir der Reihe nach: Jedes Gramm, um das ein Liter Traubenmost - gemessen bei 20 Grad Celsius - schwerer ist als ein Liter Wasser, entspricht einem Grad Oechsle. Das spezifische Gewicht von 1100 zum Beispiel entspricht 100 Oechslegraden. Weiter lässt sich aus dem Mostgewicht nach der Formel Oechslegrade geteilt durch 4 minus 3 der Zuckergehalt in Prozenten errechnen - bei diesem Beispiel 22 Prozent. Daraus lässt sich sodann der zu erwartende Alkoholgehalt des Weines ableiten: Bei 100 Grad Oechsle ist in der Regel mit einem voluminösen Wein mit rund 13,8 Prozent zu rechnen. Allerdings ist zu beachten, dass die Entsprechung von Oechsle und Alkohol nicht linear verläuft: Bei sehr hohen Oechslegraden, irgendwo zwischen 110 und 120 Grad, ist die Grenze für das Vergären von Traubenzucker nämlich erreicht; der Zucker verbleibt als Restsüsse im Wein, und der Wein wird zum Dessertwein.
Ob der Wein ein Leichtgewicht oder ein fülliger Kraftprotz wird, zeigt sich bereits beim Most, und die Oechslegrade sind somit der wichtigste Indikator der zu erwartenden Qualität - wenigstens in Deutschland, Luxemburg und in der Schweiz. Andernorts nennt man dasselbe schlicht und einfach Dichte; in Österreich und Ungarn wiederum belieben die Winzer sich in Klosterneuburger Mostwaage-Graden zu verständigen.
Noch vielfältiger sind die Messmethoden: Da gibt es das Aräometer, das nach dem Gesetz von Archimedes funktioniert, wonach ein Körper in einer spezifisch leichteren Flüssigkeit tiefer eintaucht als in einer spezifisch schwereren; oder das Refraktometer, das die Lichtbrechung misst. Am exaktesten sind freilich elektronische Dichtemessungen.
Oechsle tat dasselbe mit einer einfachen Mostwaage, deren Funktionsweise aus heutiger Sicht banal erscheinen mag. Genial war indes seine Erkenntnis, dass die Wahrheit nicht im Wein allein liegt, sondern vor allem in seinem (Gewichts-)Unterschied zu stillem Wasser. Wahrlich ein Meilenstein in der Geschichte der Kellerkunst.