NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Aschenputtels harte Nuss

© Mike Fuentes, Dallas, Texas
Ginie Sayles: «Ich bin wundervoll. Männer sind wundervoll. Sex ist wundervoll.» Linktext
Die Reichen heiraten auch irgendwann – warum also nicht dich? Ginie Sayles hat es erlebt und gibt ihre Erfahrungen nun gewinnbringend weiter. Eine private Konsultation.

Von Anja Jardine

Und so betrete ich also um halb acht in einem knallroten Kleid die «Widder-Bar». Direkt unter der Tür halte ich einen Moment inne – den Kopf hoch erhoben, die Wirbelsäule perfekt gewölbt, erlaube dem Türrahmen, mich gebührend einzufassen, und der Welt, mich zu bemerken. Währenddessen lese ich unauffällig den Raum, wie Ginie es nennt, und rezitiere innerlich mein neues Mantra: «Ich bin wundervoll. Männer sind wundervoll. Sex ist wundervoll.»

Dann steuere ich lässig, aber gezielt einen Platz auf den ledernen Polstern an; von dort habe ich alles im Blick: die Bar, das Klavier, die Tür, und ich selbst bin nicht zu übersehen. Am Nachbartisch sitzt ein Herr mit grauen Locken, ich setze mich in unmittelbare Nähe, schlage die Beine allerdings in entgegengesetzter Richtung übereinander. «Nicht überwältigen!» hat Ginie gemahnt. Nichts liegt mir ferner. Zumal der Mann mich kein bisschen interessiert, gockelhaft gegelt und gebräunt wie er ist.

Doch so darf ich nicht denken! So kritisch. Wie hat Ginie es noch formuliert? Jeder Mann könne ein Bereicherung für mein Leben sein, jeder habe etwas Einzigartiges an sich. – «Jeder?» habe ich gefragt. – «Jeder!» hat sie geantwortet. Ich solle wieder neugierig durch die Welt laufen wie ein Kind, das, wenn es eine Süssigkeit entdeckt, freudig ausruft: «O, cooky!» Jeder Mann ein Keks. Sei tolerant. Sei offen. Sei empfänglich! Und so sitze ich also da und nippe an einem Campari Orange. Der Pianist spielt «Unforgettable», ich lasse den Blick durch den Raum schweifen, und schleichend überkommt mich ein Gefühl von «What am I doing here?»

Zweieinhalb Stunden persönliche Beratung bei Ginie Sayles kosten 1200 Dollar; die Hälfte musste vorab bezahlt werden, der Rest vor Ort in bar. Nur wer eine solche Summe ausgibt, so Ginies Philosophie, sei entschlossen, sein Leben wirklich zu ändern. Treffpunkt war die Lobby des Adolphus-Hotels in Dallas, Texas, eine üppige Südstaatenversion eines englischen Landsitzes. Und ein Lockruf für Ginies Klienten: So könnte dein Leben in Zukunft aussehen: mundgeblasene Kristalllüster, Louis-XV-Stühle, Gobelins. Wenn du nur willst! Ginie Sayles sagt dir, wie es geht. Die nach eigenen Angaben weltweit führende Reiche-Leute-Expertin erwartet ihre Klienten stets neben dem opulenten Blumengebinde in der Mitte des Saals; an ihrer Seite, wie zum Beweis, ihr Ehemann Reed Sayles, angeblich Ölbaron aus Texas, wahr gewordener Millionärstraum, und unweigerlich denkt man: So einen will ich aber nicht.

Reed Sayles regelt die Formalitäten: kassiert das Honorar, stellt eine Quittung aus, legt der Klientin eine Erklärung zur Unterschrift vor, in der sie versichert, nichts von dem, was sie hier und heute lernt, kommerziell zu nutzen. Derweil sondiert Ginie das Terrain, wählt ein Sofa in einer ruhigen Ecke, placiert Unterlagen und Stopuhr auf dem Tisch vor sich. Derart geschäftsmässig empfangen, kommt es für die Klientin unerwartet, wenn Ginie plötzlich ausruft: «Ich beginne jede Beratung mit einer Umarmung!» Und es prompt tut.

«Honey!» rief sie ihrem Mann zu, der sich mit einer Zeitung in einem Fauteuil versenkt hatte, «behältst du die Zeit im Blick?» Und an mich gerichtet, fügte sie hinzu: «Ist er nicht ein Darling? Wir sind love twins, Liebeszwillinge, wir können keinen Tag ohne einander sein.» Erst jetzt fiel mir auf, dass Ginie und Reed im Partnerlook gekleidet waren. Ginie seufzte, als könne sie ihr Glück auch nach zwanzig Jahren Ehe noch nicht fassen. «Und jetzt zu dir, Liebes», sagte sie und schaute mich an, als habe sie selten ein so wunderbares Geschöpf gesehen. Übergangslos schaltete sie um von Business-Modus auf Schwesternschaft, sprach von nun an in einem vertraulichen, fast verschwörerischen Ton. Die Stopuhr lief.

Zunächst wollte sie ein paar persönliche Informationen von mir. Aus was für einer Familie stammst du? Wie war dein bisheriges Liebesleben? Und vor allem: Was ist dein grosses, alles überragendes Ziel in Sachen Partnerschaft? Letzteres bitte in einem Satz beantworten. – Ich musste nachdenken, sagte dann: Mit jemandem zusammensein, der mich auch nach Jahren noch neugierig macht. – Ginie nickte nachsichtig, aber zweifellos enttäuscht. «Und wäre es nicht grossartig», fragte sie fast gebieterisch, «wenn dieser Mann auch noch reich wäre und dich heiraten wollte?» Schliesslich gebe es jeden Charakter auch in einer reichen Ausgabe. Scheitern kann man mit jedem. Wenn die Ehe mit einem Reichen in die Brüche geht, stehst du wenigstens nicht im Regen.

Skrupel sind unangebracht, das machte Ginie gleich zu Anfang klar. Ein Drittel aller berufstätigen Männer in den USA verdienten mehr als 35 000 Dollar im Jahr, von den berufstätigen Frauen kämen knapp 11 Prozent auf diesen Betrag. Da wäre es geradezu dumm, nicht entsprechende Bande knüpfen zu wollen. Verhaltensbiologen geben ihr recht. Der Wunsch, einen reichen Partner zu finden, sei nicht nur legitim und weit verbreitet, sondern der Versuch, ihn zu realisieren, die biologische Pflicht jeder Frau. Unsere im Vergleich zum Mann enorm hohe Fortpflanzungsinvestition – also die monatliche Bereitstellung einer wertvollen Eizelle, die neben dem Erbgut auch noch die Energie zur Entwicklung der Frucht liefert, sowie Schwangerschaft und Stillzeit – verlangt zu Recht nach materieller Kompensation.

Auch der Evolutionspsychologe David Buss von der Universität von Texas in Austin, ein Landsmann von Ginie, kann das bestätigen: Er untersuchte die Kriterien der Partnerwahl von mehr als 10 000 Menschen in 37 Kulturen auf sechs Kontinenten, und ausnahmslos überall musste er feststellen, dass Frauen dem Kontostand eines potentiellen Partners doppelt so viel Wert beimessen wie Männer. Selbst beim Stamm der Bakweri in Kamerun, wo die Frauen traditionell mehr Eigentum haben als die Männer, stehen die Frauen auf Kerle mit Macht und Geld. Nicht anders als die Karrierefrau in den USA, deren Bedürfnis nach einem finanziell potenten Partner steigt, je erfolgreicher sie selbst ökonomisch ist.

Die gleichen Untersuchungen belegten wissenschaftlich noch etwas, was schon alle wissen: Männer bevorzugen jüngere Frauen, je älter die Männer werden, desto jünger die Frauen – ein Erbe der Urzeit: Schon als Jäger und Sammler hatten die Männer erst mit Mitte dreissig ihre grössten Erfolge und somit reelle Chancen bei den Damen, die ihrerseits vor dem 20. Lebensjahr den Zenit ihrer Fruchtbarkeit erreichten. Versorgung gegen Jugend, so lautet der Deal seit Menschengedenken. Vielleicht sollte man sich dieser Erkenntnis endlich stellen, Abstand nehmen von der Romantik.

Der Pianist in der «Widder-Bar» spielt «Heart of Gold», und mir kommt jemand in den Sinn von vor sehr langer Zeit. Lagerfeuer, Gitarre, all das, und die Rückfahrt dann vorn auf der Stange seines Velos, zwischen seinen Armen. Keine Frage, irgendwann schmerzte der Hintern, aber gibt es einen königlicheren Sitz?

«Wie waren deine bisherigen Partner finanziell gestellt?» hatte Ginie wissen wollen und mich aufmunternd angelächelt. – «Nicht so toll», hatte ich geantwortet. – «Hast du denn überhaupt je einen reichen Mann näher kennengelernt?» Mir fiel der Zahnarzt ein, der mir Avancen machte, als ich 19 war. Er flog mich mit seiner Cessna zu den Nordfriesischen Inseln. – «Yeah!» rief Ginie. «Da kommen wir der Sache schon näher. War das nicht eine grossartige Erfahrung! Was ist aus euch geworden?» – «Ich hörte eines Tages, wie er am Telefon seinen Gesprächspartner darum bat, die Rechnung für ein neues Radargerät auf ein Röntgengerät auszustellen, um es von der Steuer abzusetzen, da war er bei mir unten durch.» Ein Ausdruck von Fassungslosigkeit erschien auf Ginies Gesicht, sie starrte mich an, schüttelte den Kopf. «Wir müssen an deiner Einstellung arbeiten.» Das Negativdenken, das Zweifeln und Kritischsein sei nichts als eine schlechte Angewohnheit. Es habe vielmehr Klasse, das Gute im Leben zu sehen, das Interessante. Und Klasse sei das Einzige, was mich auch als mittellosen Menschen für jene Liga qualifizieren könne, in der die Reichen spielten. Gut aufgepasst!

Es gibt 14 Arten von Klasse – Schichten gewissermassen, die sich bestenfalls überlagern. Ginie hat sie analysiert. Neben Geld und Herkunft zählen dazu unter anderem Bildung, die Mitgliedschaft in Clubs, Kunstkennerschaft, eine politische Machtstellung, Weltgewandtheit, Philanthropie und, wie gesagt, eine Einstellung, die es erlaubt, das Leben mit Nonchalance zu geniessen. Je nachdem, um welche Art von Reichtum es sich handle, seien diese «Layers of Class» unterschiedlich ausgeprägt.

Ginie hat eine Typologie der Reichen erarbeitet, die sich in ihrem Buch «How to Marry the Rich» – auf deutsch «Reich gefreit hat nie gereut!» – wiederfindet, einem Standardwerk über die Spezies der Reichen. Darin erfährt man, dass es beim alten Geld den Typus «Ahne» gibt und den «Extravaganten». Während der Ahne konservativ sei, zuverlässig und im Zweifel ein bisschen langweilig, neige der Extravagante manchmal zu Verschwendungssucht und Nichtsnutzigkeit. Altes Geld überlegt sich die Heirat gut. Neues Geld ist grundsätzlich schneller heiratswillig. Hier findet sich alles: vom Neureichen, der sein Vermögen durch harte Arbeit und eine gute Geschäftsidee erworben hat, bis zum Berühmten, der Gefahr läuft, zu verglühen wie eine Sternschnuppe.

Mit dem jeweiligen Typus geht übrigens auch ein entsprechendes sexuelles Naturell einher, allein davon handelt Ginies neustes Buch, «Rich Sex». Der Aufsteiger zum Beispiel läuft dermassen auf Hochtouren, dass er Sex braucht wie Essen und Trinken, sonst erleidet er eine Art Kurzschluss. Er ist treu, solange seine Ehefrau ihm willig zur Verfügung steht, tut sie das nicht, braucht er quasi aus gesundheitlichen Gründen eine Mätresse. Der nutzlose Erbe hingegen, aus Langeweile stets auf der Suche nach einer Herausforderung, ist sexuell zum Experimentieren aufgelegt, schleppt allerhand abstruses Spielzeug an. Man müsse wissen, ob man das wolle.

Altes Geld sei ihr am liebsten, sagte Ginie, diese Spezies sei am feinsten entwickelt. Ausserdem sei ihr eigener Marktwert in der Begegnung mit Erben von altem Geld am höchsten, da sie frischen Wind in deren verstaubte Welt bringe. Neues Geld hingegen sei ihr zu ähnlich: aufgestiegen aus armen Verhältnissen, immer hart gekämpft, ehrgeizig.

In diesem Moment erklimmt in der «Widder-Bar» ein älterer Herr, gestützt von einer 25-Jährigen, einen Barhocker. Bei allem Respekt vor den Evolutionspsychologen – die aktive Jagdzeit dieses Mannes liegt doch ein bisschen sehr lange zurück. Der Gelockte an meiner Seite hat sich mittlerweile offensiv mir zugewandt, und mich erfasst eine gewisse Mutlosigkeit. Das ist der Zeitpunkt, die Toilette aufzusuchen und mich «meiner Fruchtbarkeitskurve zu vergewissern». Das geht so: Mit den Fersen an die Wand stellen, Brustkorb aufrichten, so dass Hinterkopf, Schultern, Po und Waden die Wand berühren, dann tief durchatmen und das Mantra murmeln: Ich bin wundervoll, Männer sind wundervoll, Sex ist wundervoll!

Danach forschen Schrittes wieder hinaus, unter all die Kekse, mit leicht schwingenden Armen, wobei ich alles im Raum so betrachten soll, als sähe ich etwas dermassen Schönes zum ersten Mal. – Was geschieht mit deinem Gesicht, wenn du ein Bild anschaust und denkst: Mein Gott, ist das hässlich? hatte Ginie gefragt. Reiche Männer wollen glückliche Frauen, die das Leben mögen! – Während ich also mit einem verzückten Lächeln den blauen Marmor an den Wänden, die Kerzen, den Flügel bewundere, registriere ich aus dem Augenwinkel einen attraktiven Mittvierziger, dessen zentrale, halb dem Raum zugewandte Position an der Bar laut Ginie seine relative Verfügbarkeit signalisiert. Und just während ich vorbeirausche, schaue ich ihm unverwandt in die Augen, zähle in Gedanken 21, 22, 23 und gucke wieder weg. Haarscharf schramme ich an dem Kellner mit seinem vollbeladenem Tablett vorbei. Den hätte ich fast übersehen. Du musst mit allem flirten, was atmet und zwei Beine hat, hatte Ginie gesagt.

Ginge es nach ihr, hätte ich hier bald einen Stammplatz, käme nicht täglich, aber doch regelmässig. Ich zöge um ins Seefeld, an den Zürichberg oder in sonst eine teure Gegend, notfalls in eine Besenkammer. – Sie selbst habe das getan, erzählte Ginie, sie ist als alleinerziehende Mutter, die von der Sozialhilfe lebte, in das nobelste Quartier Houstons gezogen, quasi in ein «Loch in der Wand im Hinterhof». Hauptsache, die Postleitzahl stimmt. – Ginge es nach ihr, ich würde mir Kopien von Designerklamotten anschaffen, am besten in Knallrot oder Hot Pink, zum Lunch ins Bankenviertel gehen, zur Happy Hour in erstklassige Hotelbars und mich gegen Feierabend in Delikatessläden herumtreiben. Ich würde die Kunst des Flirtens kultivieren, bis sich unter all den Fröschen endlich einer als Prinz entpuppt.

Angenommen zum Beispiel, ich interessierte mich für den Typ mit dem schwarzen Haar am Nachbartisch, den mit den unglaublich blauen Augen. Dann würde ich beiläufig das Gespräch mit dem Herrn neben ihm anfangen. Ich würde mit jedem in der Runde sprechen, nur mit ihm nicht, bis es irgendwann ein Gebot der Höflichkeit wäre, ihn einzubeziehen. Über die Bande spielen nennt man das. Das würde funktionieren, ich spür’s. Doch, und da bin ich ganz sicher, das ist wieder so einer mit Velo.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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