Shop


 Audio


NZZ Folio 09/06 - Thema: Privatisierung   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich bin 68, kerngesund und habe, was ich brauche

© Markus Föhn
Linktext
Von Markus Föhn
Rodolfo Gonzales Lareo, Buenos Aires, Argentinien, ist 68 Jahre alt, verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Er fährt einen Peugeot 504, Baujahr 1994. Der Zählerstand liegt bei 502 000 Kilometern. In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires leben etwa 2,7 Millionen Menschen.
Rodolfo Gonzales Lareo verdient als Taxifahrer 1300 argentinische Pesos im Monat, das entspricht 650 Franken. Dazu kommt eine Pension von monatlich 235 Franken. Er lebt mit seiner Frau in einem eigenen Haus mit drei Zimmern in der Vorstadt Quilmes.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Rund 60 Stunden. Ich beginne um neun Uhr morgens und fahre bis sieben Uhr abends, jeden Tag, ausser sonntags.

Warum sind Sie Taxifahrer geworden?

Ich war 30 Jahre lang Busfahrer und wurde 1989 pensioniert, doch die Pension von 235 Franken im Monat reicht nicht zum Leben. Also habe ich vor 16 Jahren als Taxifahrer angefangen. Dank dieser Arbeit kommen meine Frau und ich über die Runden, wir können sogar etwas Geld zur Seite legen – für die Zeit, in der ich nicht mehr werde arbeiten können.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Soweit ich mich erinnere, nach La Plata, etwa 60 Kilometer von hier. Es war an einem Samstag, eine ganze Familie war nach Buenos Aires gekommen, um ins Kino oder ins Theater zu gehen.

Reden Sie mit den Fahrgästen?

Ich beginne selten Unterhaltungen, denn es gibt Leute, die wollen ihre Ruhe haben, und andere hängen sowieso die ganze Zeit an ihrem Mobiltelefon. Wenn aber der Fahrgast ein Gespräch beginnt, steige ich darauf ein. Wir reden über das Wetter oder den Zustand des Landes. Die meisten glauben, es gehe wieder aufwärts, und ich hoffe, sie haben recht.

Was macht in Ihrer Stadt einen guten Taxifahrer aus?

Wichtig ist, nie die Nerven zu verlieren. Diese Stadt ist voller Überraschungen. An einem Tag gibt’s kaum Fahrgäste, Strassen sind blockiert, und am Tag darauf läuft alles wie geschmiert.

Gibt es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?

Vor zehn Jahren habe ich morgens um halb zwei eine Frau und einen Mann mitgenommen, im Stadtteil San Telmo. Während der Fahrt hielten sie mir plötzlich eine Pistole an die Schläfe, zwangen mich anzuhalten; die Frau setzte sich ans Steuer, der Mann drückte mich auf den Rücksitz. Als wir aus der Stadt waren, liessen sie mich gehen. Der Wagen ist nie mehr aufgetaucht. Ein Polizist sagte mir, der sei wahrscheinlich längst in Paraguay. Es gibt Leute, die glauben, die Polizei sei in den Autoschmuggel verwickelt.

Haben Sie ans Aufhören gedacht?

Ich fahre nicht mehr nachts, das ist alles. Ich brauche ein festes Einkommen, und in meinem Alter Arbeit zu finden, ist schwierig. Solche Dinge passieren, oder sie passieren eben nicht.

Wie reagieren Sie im Stau?

Staus sind Alltag hier. Kompliziert ist es natürlich mit all den Demonstrationen die ganze Zeit und wenn Piqueteros für Stunden Strassen blockieren. Die Zentrale informiert uns zwar über Funk, und manchmal gelingt es, eine Blockade zu umfahren, doch oft steckt man fest.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Trinkgelder gibt es seit einer Weile kaum mehr; den Leuten fehlt das Geld. In den 1990er Jahren gab es reichlich Trinkgelder, aber damals haben die Leute auch noch um einen Platz im Taxi gekämpft. Heute kämpfen die Taxis um die Fahrgäste.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Einmal habe ich in einem Halteverbot an der Avenida Corrientes einen Fahrgast abgesetzt, das kostete mich 250 Franken. Die Polizei ist ziemlich fleissig im Bussenverteilen.

Wann sind Sie zum letzten Mal in den Ferien gewesen?

1994 war ich mit meiner Mutter einen Monat in Spanien, wir haben Verwandte besucht, denn wir sind ursprünglich von dort; wir kamen erst 1946 nach Argentinien. Mein Vater war nach dem Bürgerkrieg mehrere Jahre verschollen, und das Leben in Spanien ist hart, deshalb zog meine Mutter mit mir und meinen Geschwistern hierher. Als mein Vater wieder auftauchte, kam er nach, und wir sind hier hängengeblieben.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich weiss gar nicht, was ich mit einer Menge Geld anfangen sollte. Ich bin 68, kerngesund und habe, was ich brauche.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt?

Mir gefällt besonders die Gegend um den Parque Chacabuco. Ein ruhiges Quartier mit schönen Häusern und wenig Verkehr, nahe beim Stadtzentrum. Eine Fahrt dorthin kostet 4 Franken.

Womit verwöhnen Sie sich?

Ich geniesse die Sonntage. Ich habe dann frei, die Familie meines Sohnes kommt zu Besuch, wir essen, gehen spazieren, sehen uns vielleicht ein Fussballspiel an.


Taxameter
Die Grundgebühr beträgt 80 Rappen, jeder weitere Kilometer kostet 50 Rappen.

Argentinien
Einwohner: 36,5 Millionen
BIP pro Kopf: 5357 CHF
Benzin: 1 l CHF 0.90
Milch: 1 l CHF 1.05
Brot: 1 kg CHF 0.85
Reis: 1 kg CHF 0.70
Coca-Cola: 1 l CHF 1.–
Kinobillett: CHF 4.–
Zigaretten: CHF 1.50
Yerba-Kräuter: 1 kg CHF 2.–
für das Nationalgetränk Mate-Tee

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.