NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Dieser wunderbare Rasen

© Brian David Stevens, London
<<Immer wenn einer ein Rasenstück herauskickt, flehe ich innerlich: bitte, bitte, stampf es zurück.>>: Toni Sinclair, Gärtner. Linktext
Tony Sinclair, 30, arbeitet seit mehr als 13 Jahren für Manchester United und wurde letzten Oktober zum Platzwart befördert. Er ist mit einer ManU-Supporterin verheiratet und hat eine 8-jährige Tochter. Am Tag des Gesprächs ist Old Trafford ein Acker.

Von Hanspeter Künzler

Herr Sinclair, da ist ja weit und breit kein Grashalm zu sehen!

Morgen kommt der neue Rasen in dicken Rollen hier an. Keine Sorge, für das Stadtderby in zehn Tagen wird der Platz im altbekannten Grün erstrahlen.

Mein Garten ist auch ein ziemlicher Acker. Könnte ich zum Gärtner gehen, wo ManU einkauft, und eine Rolle Old-Trafford-Rasen bestellen?

Theoretisch schon. Am besten wäre auch für Sie aber ein Ryegrass-Belag, der ist widerstandsfähig, wetterunabhängig und behält seine Farbe. Leider ist es aber fast unmöglich, diesen Rasen abzuschälen, aufzurollen und zu transportieren – er würde auseinanderfallen. Darum haben wir hier Festuca- und Agrostisgras, deren Wurzeln auch seitwärts wachsen und die Erde zusammenhalten. So ist der Rasen leichter zu transportieren.

Idealerweise würde ManU also den Rasen im Stadion selber anlegen und heranziehen?

Auf jeden Fall. Aber die Zeiten haben sich eben geändert. Wir würden allerdings lieber einen Rasen mit nur 20 Millimetern Dicke ausrollen statt den, der jetzt mit 40 oder 50 Millimetern Erde ankommt. Den nehmen wir nur, weil wir hoffen, dass er bis zum Saisonende hält. Danach kommt sowieso alles raus. Nach dem Bon-Jovi-Konzert vom 26. Juni im graslosen Stadion fangen wir von vorn an. Dann versuchen wir es mit einem 20-Millimeter-Teppich und hoffen, dass das Gras Wurzeln schlägt. Wir werden es zudecken müssen, denn unsere Sommer werden ja immer schlimmer.

Und wie kriege ich die schönen Streifen hin?

Das fragen mich alle! Alle meinen, es habe etwas mit dem Mähen zu tun. Hat es nicht! Es ist nur das Hin und Her der Walze.

Wie wird man Platzwart beim FC ManU?

Ich bin seit Kindsbeinen ManU-Fan, wie mein Vater. Mit fünfzehn machte ich eine zweiwöchige Schnupperlehre hier, unter Keith Porter. Dann schrieb ich Keith einen Brief: Darf ich einen Job haben, please! Da wurde ich als Lehrling aufgenommen. Nach der Lehre wurde ich definitiv angestellt. Letzten Herbst wurde die Struktur geändert. Keith wurde die Oberverantwortung für alle ManU-Plätze übertragen, Joe Pemberton ist Platzwart im Trainingszentrum Carrington, ich bin Platzwart von Old Trafford.

Was war Ihre erste Aufgabe?

Tee brauen! Und dann musste ich das geschnittene Gras einsammeln und das Gras um die Torpfosten schneiden. Zwischendurch jäteten wir die Sandbahn um den Platz herum.

Unkraut! So was gibt es doch nicht in Old Trafford!

Jetzt nicht mehr. Ich glaube, in den Farmen besprühen sie den Rasen mit so viel Unkrautvertilger, dass das Gras immun wird. Und wenn es erst einmal im Stadion liegt, kommt sowieso kein Unkraut mehr. Mit dem Umbau sind die Tribünen so hoch geworden, dass es kein Unkrautsamen mehr darüber hinweg schafft.

Aber das Gleiche gilt ja auch für die Sonne, oder?

Das stimmt allerdings. Selbst im Sommer bekommt der Rasen nur zwei, drei Stunden direktes Sonnenlicht. Das ist nicht gut. Aber das Problem haben nicht nur wir, das haben alle Clubs mit hohen Tribünen, Chelsea, Newcastle, Ajax Amsterdam – selbst das San-Siro-Stadion müssen sie neu auslegen.

Haben Sie schon Maulwürfe gefangen?

Nein. Aber vor zwei Jahren hatten wir Katzen. Die vergruben im frischen Rasen ihre Häufchen. Wir mussten einen Schädlingsbekämpfer kommen lassen.

Und Regenwürmer? Deren Häufchen können ja gefährlich glitschig sein.

Mir ist in den letzten Jahren keiner mehr aufgefallen.

Haben Sie daheim auch einen Rasen?

Schon – aber der schaut im Moment nicht toll aus. Um ehrlich zu sein, darum kümmert sich eher meine Frau. Wenn man heimkommt, will man nicht nochmals dasselbe tun wie den lieben langen Tag lang.

Ist Ihnen der Job etwa langweilig geworden?

Nein, ich liebe die Arbeit. Ich liebe alles daran. Für mich ist ManU der grösste Club der Welt. Wenn ich nach dem Spiel heimkomme und den Fernseher anschalte, um die Highlights zu sehen, und ich erblicke diesen wunderbaren Rasen – es gibt nichts Besseres.

Können Sie einen Match mitverfolgen, ohne ständig ums Wohl des Rasens zu bangen?

Früher war’s einfacher. Jetzt, wo ich verantwortlich bin, verpasse ich manche Aktion, nur weil ich aufs Gras schaue. Jedes Mal, wenn einer ein Rasenstück herauskickt, flehe ich ihn innerlich an: bitte, bitte, stampf es zurück.


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