Wer Laien fragt, was sie über Primaten wissen, erhält etwa folgende Anwort: 1. «Affen» sind unsere Cousins. 2. «Affen» leben in Horden, die von Männchen dominiert und angeführt werden. 3. Primatenmännchen konkurrieren miteinander um die Stellung des Alphamännchens in der Horde. Wer sich dann noch nach Primatenforschern erkundigt, bekommt mit Sicherheit die Namen Jane Goodall und Dian Fossey zu hören. Goodall ist laut Meinungsumfragen die nach Albert Einstein bekannteste Wissenschafterin der westli chen Welt, und Fossey kennen wir als Sigourney Weaver, die die Primatologin im Film «Gorillas in the Mist» dargestellt hat.
Die Personen, die am häufigsten im Zusammenhang mit Primatenforschung genannt werden, sind Frauen. Das Allgemeinwissen über Primaten konzentriert sich dagegen auf männliche Tiere. Das Verhalten der Männchen sticht stärker ins Auge, bei vielen Arten sind sie grösser als die Weibchen, ist ihr Verhalten auffälliger. Die Konkurrenzkämpfe zwischen den männlichen Affen führen häufig zu Narben, an denen man sie leicht erkennt. Die Betonung der Männchen spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse: In den meisten menschlichen Kulturen gelten Männer mehr als Frauen. Diese Voreingenommenheit aufgrund unserer menschlichen Erfahrung führte zu einer Voreingenommenheit in der Forschung.
Männliche Forscher von der Harvard University begannen in den sechziger Jahren mit der Erforschung von Pavianen in Afrika. Paviane erscheinen als das perfekte Modell zur Untersuchung des Ursprungs des Menschen: Sie leben in der Steppe, dem mutmasslichen Geburtsort der heutigen Menschen, und sie schliessen sich ähnlich wie die Menschen zu grösseren sozialen Verbänden zusammen. Befund der Forscher: Der Kern der Pavianhorde bestehe aus Männchen, die untereinander um die Vorherrschaft kämpften. Die ranghöchsten Männchen stünden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Gruppe und fällten wichtige Entscheidungen, zum Beispiel wohin die Horde als Nächstes zieht und wann sie aufbricht. Die Weibchen, so schien den Forschern, fügten sich dem Willen und der Gewalt der männlichen Gruppenmitglieder. Die Herrschaftsstrukturen und Beziehungen unter den männlichen Pavianen sorgten für Stabilität und Frieden innerhalb der Gruppe und brächten Pavianmüttern und ihren Kindern den nötigen Schutzraum. Die dominantesten Männchen hätten die besten Chancen, Nachwuchs zu zeugen.
Diese Beobachtungen konnten nicht nur als Abbild unserer Gesellschaft gedeutet werden, sie schienen auch einen Einblick in die Ursprünge des Patriarchats zu vermitteln. Wenn die soziale Organisation unserer nahen Verwandten auf der Beziehung zwischen den Männchen beruht, dann bekommen die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft eine evolutionäre Tiefe von einigen Millionen Jahren – und für manche auch eine Rechtfertigung. Doch dieses Bild hat dem Fortschritt der Forschung nicht standgehalten. In Wirklichkeit sind Paviane in weiblicher Erbfolge organisiert, nehmen die Weibchen bei den Ortsveränderungen der Gruppe eine Schlüsselrolle ein, ist weibliche Unterstützung für den Aufstieg der Männchen in ranghöhere Positionen unabdingbar und führt Dominanz nicht zwangsläufig zu mehr Nachkommen.
Die Vorstellung, dass die männlichen Gruppenmitglieder die Sozialorganisation von Primaten bestimmen, wurde vor allem durch Primatenforscherinnen widerlegt. Dabei haben sie wichtige methodische Neuerungen eingeführt. Jane Goodall und Dian Fossey gehörten zu den Ersten, die die Bedeutung von Persönlichkeit und Individualität in ihren Forschungssubjekten erkannten. Statt sich mit Generalisierungen über «das Männchen» oder «das Weibchen» zufriedenzugeben, bestand Goodall darauf, dass jeder Schimpanse als Individuum betrachtet werden müsse. Sie brach auch mit der gängigen wissenschaftlichen Praxis und gab ihren Affen Namen – ein Vorgehen, das ihr von männlichen Kollegen den Vorwurf des Anthropozentrismus (der unstatthaften Vermenschlichung des Verhaltens von Tieren) einbrachte.
1974 läutete Jeanne Altman eine neue Ära in der Primatenforschung ein. Die Wissenschafterin entwickelte ein Beobachtungsverfahren, das das Verhalten aller Gruppenmitglieder gleichermassen berücksichtigte. Bei dieser Methode der «fokussierten Einzeltierbeobachtung» verfolgte die Forscherin jeweils nur ein einziges Tier und beschrieb sein Verhalten, während man zuvor immer die Aktivitäten der gesamten Gruppe auf einmal festzuhalten versucht hatte. Das weniger auffällige Verhalten der Weibchen, das vordem immer vom Draufgängertum der Männchen überdeckt worden war, konnte nun nicht mehr übersehen werden. Durch die Einzeltierbeobachtung wurde die Beachtung von Individuen, wie sie von Goodall und Fossey begründet worden war, zum wissenschaftlichen Standard.
Heute gilt die Primatenforschung als ein «frauenzentriertes Fach», in dem Wissenschafterinnen den Ton angeben. Die berühmtesten Primatenforscherinnen, Jane Goodall, Dian Fossey und Biruté Galdikas, haben unser aller Bild vom Schimpansen, vom Gorilla und vom Orang-Utan geprägt. Fossey widmete achtzehn Jahre dem Studium der Gorillas in Rwanda, bis sie dort ermordet wurde. Galdikas beschäftigt sich seit dreissig Jahren mit der Erforschung der Orang-Utans, und dank Goodall nimmt die Welt seit vierzig Jahren Anteil am Leben der Schimpansen im Gombe National Park.
Der berühmte Paläontologe Louis Leakey hat das Fortkommen aller drei Frauen gefördert. Leakey glaubte daran, dass man durch das Studium unserer nächsten lebenden Verwandten, der Menschenaffen, zu Erkenntnissen über das Verhalten der frühesten Vertreter der menschlichen Familie gelangen könnte. Er war ausserdem davon überzeugt, dass Frauen sich für die Primatenforschung besser eigneten als Männer: Sie seien geduldiger, besässen mehr Gespür für Mutter-Kind-Interaktionen und erschienen den männlichen Affen in Augenblicken maskuliner Rivalität weniger bedrohlich. Leakey suchte gezielt Frauen ohne wissenschaftliche Vorbildung aus, weil er hoffte, ihre Beobachtungen seien unvoreingenommen.
Das Triumvirat von Frauen, die Leakey auswählte, hat nicht nur unser Wissen über Menschenaffen umgekrempelt, sondern auch zahllose Frauen ermutigt, in die Fussstapfen dieser Pionierinnen zu treten und sich dieser Wissenschaft zu verschreiben. Nach allgemeinem Dafürhalten sind heute mehr Frauen als Männer in der Primatenforschung tätig. Ob dem wirklich so ist, lässt sich schwer einschätzen, mit Sicherheit sind in diesem Fach jedoch mehr Frauen engagiert als in jeder anderen wissenschaftlichen Disziplin.
Man sollte erwarten, dass die Primatenforschung weithin als feministische Wissenschaft gepriesen würde. Aber viele Feministinnen bringen einer Wissenschaft, die mit der Beschreibung und Verteidigung männlicher Vorherrschaft begann, Skepsis entgegen. Dass eine evolutionäre Sicht des Verhaltens erlaubt herauszufinden, welche Umwelteinflüsse weibliche Autonomie hervorbringen – ob bei uns oder unseren Schwestern unter den Primaten –, findet nur langsam Anerkennung. Die Primatologinnen Sarah Hrdy und Barbara Smuts waren mit ihrem Ansatz eines «Darwin’schen Feminismus» Wegbereiterinnen der Verbindung zwischen Feminismus und Evolutionsbiologie.
Sarah Hrdy stellte einmal die Frage: «Was bedeutet es, als ein Säugetier geboren zu werden, dessen emotionale Ausstattung mich zur Fürsorge für andere befähigt, das sich mit den Eierstöcken eines Affen fortpflanzt und über den Verstand eines Menschen verfügt? … Was bedeutet es, eine phasenweise sexuell empfängliche, haarlose Zweifüsserin mit widersprüchlichen Zielen zu sein, die in einer rasant sich verändernden Welt ihre Balance zu halten versucht?» Der Beitrag von Frauen zur Antwort auf diese Frage kann kaum überschätzt werden.
Die Primatologin Amy Parish lehrt an den Abteilungen für Anthropologie und Gender Studies der University of Southern California in Los Angeles.
Übersetzung: Robin Cackett.