NZZ Folio 03/06 - Thema: Zucker   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Auf der Schweissfährte

© Stephanie Tremp, Zürich
Dieser Hund ist eine Wasserratte. Linktext
Was für Waidmannsaspiranten die Jagdprüfung, ist für Jagdhunde die Gebrauchsprüfung. Mit ihr testen ehrgeizige Hundehalter die Fähigkeiten ihrer Lieben - zu Land und zu Wasser.

Von Herbert Cerutti

An einem Septembermorgen muss «Quarana von der Bechburg» um 7.45 Uhr in Trüllikon im Zürcher Weinland sein. Die vierjährige Hundedame, mittelgross und mit schön gewelltem, braun-weissem Fell, gehört zur Rasse der Englischen Springer-Spaniels. Sie lebt mit ihrem Meister Hanspeter Studer im solothurnischen Oensingen, wo der pensionierte Studer sich der Spanielzucht widmet und Pächter im lokalen Jagdrevier ist. Spaniels sind Jagdhunde, die sich speziell zum Aufstöbern von Wild eignen. Finden sie Wild, treiben sie es laut bellend dem wartenden Jäger vor die Flinte. Man kann talentierte Spaniels auch für fast jede andere Aufgabe trainieren.

Mancher Züchter und Hundebesitzer hat den Stolz, seinem Liebling eine möglichst vollständige Ausbildung zu bieten. Als Test, ob der Vierbeiner seine Lektionen auch kapiert hat, wird an einer «Gebrauchsprüfung» die ganze Palette der Jagdfächer geprüft. An diesem Herbsttag veranstaltet der Spaniel-Club Schweiz für drei seiner Hunde den Prüfungsmarathon, der zuletzt vor etwa zehn Jahren durchgeführt wurde.

Erste Aufgabe ist das Suchen eines verletzten Wildes anhand der Blutspur («Schweissfährte» in der Jägersprache). Dazu wurden am Vorabend auf einer Strecke von 500 Metern 2,5 Deziliter Rehblut tropfenweise auf den Waldboden gespritzt, wobei die Spur an zwei Stellen die Richtung in einem scharfen Winkel ändert. Am Ziel liegt ein mit Holzwolle ausgestopftes Rehfell am Boden.

Der Hundeführer muss mit seinem Hund innert einer Stunde die Fährte «ausarbeiten». Kommt das Gespann hoffnungslos weit von der Schweissfährte ab, darf der Richter zweimal helfen. Hanspeter Studer nimmt Quarana an den zehn Meter langen Schweissriemen (Lederleine), der dem Hund ein relativ ungestörtes Suchen erlaubt, ohne dass ihn der Hundeführer aus den Augen verliert. Für Hanspeter hat die Prüfung einen besonderen Reiz, denn er amtet oftmals selbst als Richter und kennt die Stolpersteine einer Schweissprüfung – etwa ein ungeduldiger Hundeführer, der seinen Vierbeiner herumkommandiert und ihn nicht in Ruhe suchen lässt.

Quarana nimmt mit der Nase am Boden die Fährte auf. Hanspeter, der seit einem Reitunfall am Stock geht, hat Mühe, dem flinken Hund über Baumstämme und durch Brombeerstauden zu folgen. Irgendwann reckt Quarana die Nase hoch in die Luft. Hanspeter weiss aus Erfahrung, dass die Hündin jetzt die Duftspur eines gesunden Rehs wittert. «Such verwund», ermahnt er Quarana. Und das Tier sucht im Laubwald kreuz und quer die verloren gegangene Schweissfährte.

«Schleppe mit Bringen von Haarwild»

Nach 70 Metern hat die Hündin die Nase wieder brav am Boden – Quarana ist offensichtlich zurück auf der richtigen Fährte. Als sie jedoch den zweiten Winkel «überläuft», runzelt der Richter (der den Parcours kennt) die Stirn. Dann kommt das Gespann aber zum Ziel – Quarana hat vermutlich auf den letzten hundert Metern bereits das Rehfell gewittert und sich den Umweg über den zweiten Winkel erspart. Hanspeter lobt den Hund und holt aus der Tasche das wohlverdiente Futter. Bei der nächsten Aufgabe ist Quarana in ihrem Element: Auf den Befehl «Such» rennt sie in den Wald, um selbständig Wild aufzustöbern. Mit fliegendem Schwanz verschwindet sie im Gebüsch, sucht ein paar hundert Meter weit und kehrt auf der eigenen Spur wieder zum Meister zurück. Dann inspiziert sie den nächsten Waldsektor. «Lauten» (bellen) darf Quarana nur, wenn sie die frische Fährte eines Wildes «aufnimmt» (riecht) und das Tier dem wartenden Jäger zutreibt. Tatsächlich hören wir Quarana plötzlich laut bellen. Und Sekunden später spurtet ein Hase an uns vorbei, dem heute jedoch kein Leid geschieht.

Jetzt steht «Schleppe mit Bringen von Haarwild» auf dem Programm. Für Hund und Hundeführer nicht sichtbar, wird an einer Schnur ein toter «Hase» (ein Hauskaninchen aus der Gefriertruhe) 200 Meter weit über die Wiese geschleppt und im nahen Wald deponiert. Hanspeter kommt mit Quarana zum Start. Auf den Befehl «Such, apport» muss der Hund das Wild entlang der frischen Spur suchen, am Fundort mit der Schnauze packen und zum Jäger zurückbringen – eine Situation entsprechend einer Hasen- oder Fuchsjagd, bei der das getroffene Tier noch ein Stück weit zu fliehen vermag, bevor es tot liegen bleibt.

Da solches Haarwild meist mit Schrot und nicht mit der Kugel geschossen wird, liegt auf der Fluchtfährte kein Schweiss, sondern lediglich der animalische Körpergeruch. Bald schon kommt Quarana mit dem drei Kilogramm schweren Chüngel im Maul zurück und setzt sich vor den Meister. Erst auf das Kommando «Aus» legt der Hund dem Chef die Beute in die Hand. «Bravi, ganz bravi Quarana», Hanspeter freut sich.

Das Prüfungsfach «Buschieren und Freiverlorensuche mit Bringen von Federwild» fasst zwei Arbeiten zusammen: Beim Buschieren «durchstöbert» (durchsucht) der Hund unmittelbar vor dem Jäger das Gelände und wird per Pfiff und Handzeichen im Zickzack vorwärts dirigiert. Steigt nun in der Jagdpraxis ein aufgescheuchter Fasan in den Himmel, beschiesst ihn der Jäger mit der Schrotflinte. Fällt der Vogel in der näheren Umgebung ins Gras, muss ihn der Hund suchen und apportieren. In der Prüfung simuliert der Hundeführer die Jagd mit einem Schuss, wobei der Hund sofort stillstehen und, ohne zu bellen, warten muss. Mit «Verloren, apport» wird er auf die Suche nach dem Fasan geschickt.

Für die Prüfung hatte man vorher ausser Sichtweite von Hund und Meister einen toten Fasan ins halbhohe Gras geworfen und dem Jäger dann lediglich die Richtung gezeigt. Der Hundeführer darf den Hund für die Suche in die eine und andere Richtung dirigieren, muss aber schweigen, sobald der Hund «markiert», das heisst mit hoher Nase anzeigt, dass er das verlorene Wild gewittert hat.

Mal «ungenügend», mal «meisterlich»

Leider passieren Hanspeter nun gröbere Fehler. Durch allzu forsches Vorwärtsgehen hat er Quarana zu wenig Zeit für die Suche gelassen und den Hund vom Fasan «weggedrückt». Als Quarana nach längerem Hin und Her doch noch Witterung markiert, versucht der nervös gewordene Hanspeter den Hund mit «Such» und «Verloren» zusätzlich zu stimulieren. Schliesslich findet und bringt Quarana den Fasan. Wegen der unerlaubten letzten Befehle gibt der Richter jedoch ein «ungenügend».

Die beiden nächsten Fächer prüfen den Gehorsam. Beim «Pirschen» muss der Hund problemlos sowohl an der Leine als auch frei neben dem Jäger gehen. Bei der «Standruhe» muss der Hund beweisen, dass er ohne zu jaulen ruhig neben dem Meister sitzen bleibt, selbst wenn aus dem Wald ein Heidenlärm mit Geschrei und Schüssen wie auf der Treibjagd ertönt. Quarana schafft beides mit Bravour.

Am späten Nachmittag muss Quarana ins Wasser – für den wasserfreudigen Hund ein Vergnügen. Unterhalb von Uesslingen liegt hinter dem Thurdamm eine Kette von Teichen mit dunklem Moorwasser und hohem Schilf. Bei der Entenjagd muss der Hund erlegtes Flugwild im Wasser suchen und apportieren. Quarana sucht zunächst die im Schilf versteckte tote Ente, indem sie im Zickzack durch den Dschungel schwimmt, wobei wir nur an den zitternden Halmen sehen, wo sie grad paddelt.

Nach dieser Aufgabe gilt es, eine weit ins offene Wasser geworfene Ente zu finden und zu bringen. Hier dürfen Hund und Jäger den Wurf vom Land aus beobachten. Schwimmt der Hund durch die Wellen, braucht er Orientierungssinn und wiederum eine gute Nase, um das Stück schliesslich zu finden. Der Spaniel meistert auch diese Aufgabe tadellos. Mit einem grünen Kleid aus Wasserlinsen auf dem Rücken und einem vom Moorwasser schwarz gefärbten Bauch bringt Quarana die Ente an Land.

Es ist schon fast dunkel, als der Spaniel-Club im «Frohsinn» Bilanz der Gebrauchsprüfung zieht. Quarana erhält grosses Lob für ihre Nase, den starken Suchwillen und die gute Wasserarbeit. Wegen der Note «ungenügend» bei der Freiverlorensuche hat sie die Gebrauchsprüfung aber nicht bestanden. Hanspeter Studer macht ein enttäuschtes Gesicht. Da er aber weiss, dass eigentlich er und nicht der Hund bei der Suche nach dem Fasan versagte, ist er trotzdem stolz auf seine Quarana.

Bearbeitete Fassung eines Beitrags aus dem Buch «Schneller Bock – schlaue Sau. Die Jagd im Kanton Aargau», Verlag Hier + Jetzt, Baden 2005.


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