DAS ERSTE TRANSATLANTISCHE Unterwasserkabel konnte 1956 gleichzeitig 89 Telefongespräche übermitteln. Die Einrichtung einer einzigen Gesprächsleitung kostete 557 000 Dollar. Für ein dreiminütiges Telefongespräch über den Atlantik zahlte man damals etwa gleichviel wie heute für einen Flug. Einen solchen Luxus konnten sich nur Regierungen, Grossunternehmen und schwerreiche Leute leisten. Zudem war eine Transatlantikverbindung nicht nur sehr teuer, sondern auch schwierig zu bekommen.
Seither hat sich einiges verändert. Das neuste transatlantische Kabel kann laut der Washingtoner Fachpublikation «Telegeography» gleichzeitig 600 000 Gespräche übermitteln, und eine Gesprächsleitung kostet gerade noch 1000 Dollar. 1996 werden Unterwasserkabel und Satelliten zusammen fast zwei Millionen Telefonverbindungen gleichzeitig herstellen können. Die Kapazität für internationale Anrufe hat sich viel rascher entwickelt als deren Nutzung. Dieser Kapazitätsüberschuss ist eine der beiden wichtigsten Folgen des technischen Fortschritts, von dem die Kommunikationsindustrie in den letzten Jahren erfasst wurde. Die andere ist, dass der Einstieg in die Branche erleichtert und damit der Wettbewerb angekurbelt wird. Zusammen werden diese Entwicklungen das gesamte Kommunikationsbusiness umkrempeln.
Hauptsächlich drei Neuerungen sind für die Zunahme der Kapazität verantwortlich. Erstens die Digitalisierung: Computer haben schon immer mit Hilfe von elektronischen Impulsen kommuniziert; das Telefon hat im letzten Jahrzehnt begonnen, in grossem Umfang von analogen auf digitale Systeme umzustellen; das Fernsehen geht jetzt erst dazu über. Die Digitalität eröffnet zahlreiche Perspektiven: Ein und dasselbe Material kann auf verschiedene Arten genutzt werden, ein Fernsehbild durch einen Telefondraht geschickt und anschliessend auf einem Computer empfangen werden. Zudem lässt sich digital übertragenes Material stark komprimieren, wodurch es noch weniger «Bandbreite» - Übertragungskapazität - beansprucht. Zweitens werden immer mehr Glasfaserkabel eingesetzt. Sie zu verlegen kostet heute etwa gleich viel wie die Installation von Kupferdrähten, im Unterhalt sind sie viel billiger, und sie «befördern» weit mehr Gespräche. Eine einzige Faser, dünner als ein menschliches Haar, vermag 30 000 Gespräche auf einmal weiterzuleiten. Drittens hat die Leistungsfähigkeit der Schaltungen, die die Anrufe zum Empfänger lenken, immens zugenommen. Sie funktionieren immer mehr wie Computer und sind, wie Rechenkapazität generell, viel billiger geworden.
Es ist aber noch eine weitere Revolution im Gang. Die Telefonindustrie bietet heute eine Errungenschaft an, wie sie die Welt seit den Tagen Marconis, der 1896 die drahtlose Telegrafie erfand, nicht gesehen hat. Bis vor kurzem gab es für einen Kunden, der ein Telefon haben wollte, nur eine Möglichkeit: Er musste die lokale Monopolgesellschaft damit beauftragen, ihn ans lokale Kupferdrahtnetz anzuschliessen. Jetzt gibt es eine Alternative: das mobile Telefon. Weltweit entscheidet sich einer von sechs Neuabonnenten dafür. Die meisten haben daneben zwar auch ein verkabeltes Telefon, aber es gibt Anzeichen dafür, dass das Mobiltelefon im frühen nächsten Jahrhundert den fest installierten Apparat bei einem Teil der Benutzer ganz ersetzen wird. In Schweden, wo der Telefonmarkt äusserst wettbewerbsorientiert und weitgehend dereguliert ist, begann die Zahl der verkabelten Anschlüsse zu sinken, weil sich vor allem junge Leute entschlossen, aufs Mobiltelefon umzustellen. Seine Vorteile liegen auf der Hand: Leute, die häufig umziehen, müssen nicht jedesmal die Kosten des Anschlusses an das System tragen und den lästigen Wechsel der Telefonnummer auf sich nehmen.
In Grossbritannien, wo die Haushalte erst seit kurzem verkabelt werden, ist ein weiterer Konkurrent des Telefonnetzes im Aufwind, der auch in andern Ländern aufkommen wird, sobald deren Gesetzgebung es erlaubt: Kabelfernsehunternehmen. In England bieten diese Unternehmen zusätzlich einen Telefondienst an. Dieser ist sehr beliebt und, wie sich herausgestellt hat, rentabler als das Fernsehen selbst. Wenn Kabelfirmen ihr System aufrüsten, werden sie entscheidende Vorteile haben. Da sie über mehr Bandbreite verfügen werden als das herkömmliche Telefonnetz mit seinen Kupferleitungen, hoffen sie darauf, mit Multimedia-Geräten (Kombinationen von Telefon und Fernsehen) und interaktiven Dienstleistungen auf dem Markt zu reüssieren: Homebanking, Homeshopping und Video-on-demand. Prototypen solcher Dienstleistungen findet man zunehmend im Internet.
Die telefonischen Dienstleistungen werden also in Zukunft vielseitiger und flexibler sein als heute. Man wird für Gespräche einen einzigen Apparat benötigen. Benutzt man ihn im Haus, läuft er über eine fixe Kabelverbindung; auf der Strasse funktioniert er über ein lokales Antennensystem, in der afrikanischen Wildnis über Satellit. Der Kunde wird unter einer Nummer überall erreichbar sein. Zur nie dagewesenen Mobilität gesellt sich durch die Vergrösserung der Bandbreite etwas weiteres: Sowohl privat wie auch am Arbeitsort können künftig weit mehr Fernsehkanäle empfangen werden als bisher. Fernsehanbieter auf der ganzen Welt sind dabei, neue Ideen für Informations- und Unterhaltungsgefässe zu entwickeln.
Noch massiver als diese neuen Dienstleistungen wird sich eine andere Konsequenz des technischen Fortschritts auswirken: der Zusammenbruch der Ferngesprächstarife. Schon jetzt sind im Grunde genommen die Kosten der Telefongespräche nicht von der Distanz abhängig - und, auf Leitungen mit grosser Überkapazität, auch nicht von der Dauer; sie sind effektiv gleich null. Teuer ist in erster Linie der Anschluss der Abonnenten an das Netz. Doch immer noch zahlen die Benutzer pro Minute und nach Distanz, fast überall liegt der Preis für einen Anruf weit über dem, was er die Telefongesellschaft kostet.
Mit der Zeit wird man die Tarife für telefonische Dienstleistungen anpassen müssen. Man wird den Privatkunden die in Anspruch genommenen Leistungen so berechnen, wie es Internet-Anbieter bereits heute tun: Nach einer einmaligen Einschreibegebühr ist jeweils die einfache Verbindungsgebühr zu bezahlen, ohne Aufpreis für Ferngespräche. In manchen Marktsegmenten ist diese Preisrevolution bereits ausgebrochen: Wenn etwa ein Londoner Verkäufer den magnetischen Streifen der Visa-Karte seines Kunden durch den Schlitz zieht, wird der Telefonanruf zur Genehmigung der Zahlung, wenn die Inlandverbindungen besetzt sind, via New York zu einem anderen Autorisationszentrum in Grossbritannien umgeleitet. Ganz einfach, weil auf dem transatlantischen Netz mehr freie Kapazität vorhanden ist.
Gegenwärtig überlegt es sich der durchschnittliche europäische Anrufer noch immer zweimal, bevor er über den Atlantik telefoniert. Der Preis, den er für seinen Anruf zu bezahlen hat, ist gewiss nicht null. Schuld daran sind die Zwänge der Regulierungen, nach denen sich die Telefontarife und insbesondere die Preise für internationale Anrufe richten. Doch Regulierungen können den Preis für eine grundlegende Dienstleistung nicht ewig künstlich hochhalten.
In den Vereinigten Staaten zum Beispiel hat man sich kurz vor Weihnachten auf eine entsprechende Gesetzesvorlage geeinigt. Sie hebt die Schranken auf, die bisher den Markt in drei Segmente teilten: für Telefongesellschaften, die auf Ferngespräche spezialisiert sind, für solche, die lokale Anrufe übermitteln, und für Kabelfernsehbetreiber. In Europa ist der Deregulierungsprozess bisher langsamer verlaufen. Gegenwärtig wird er aber von der Europäischen Kommission in Brüssel vorangetrieben, die hofft, dass die Schranken im Januar 1998 fallen werden. Die Deregulierung geht mit einer Privatisierungswelle einher: Regierungen auf der ganzen Welt heben das Staatsmonopol über die Telekommunikation auf. Wenn diese Giganten, oder Teile davon, erst einmal in privaten Händen sind, wird die Regierung den freien Wettbewerb fördern können, anstatt ihn zu behindern. Telefongesellschaften werden denselben Service wie heute zu einem Bruchteil des früheren Preises anbieten müssen.
Doch am meisten wird sich für die Benutzer ändern. Wenn Kommunikation distanzunabhängig wird, eröffnet sich eine Vielfalt neuer Möglichkeiten. Wie Amerikas Vizepräsident Al Gore sagte, werden in Zukunft «Zeitzonen, nicht Kosten, das grösste Hindernis für die permanente Kommunikation sein». Man wird Bildschirmarbeit an jedem beliebigen Ort auf dem Planeten verrichten lassen können. Von überall wird man Zugang zu jeder möglichen Information und Beratung haben - gehe es um Getreidepreise, Universitätskurse oder medizinische Hilfe. Das wird die Standortentscheide von Unternehmen mit beeinflussen. Die Regionalpolitik wird an Bedeutung gewinnen. Mit vielen Dienstleistungen wird man international handeln können - sie werden leichter von einem Land zum andern transportierbar sein als heutzutage Waren. Aus Ländern, die Tausende von Kilometern entfernt sind, werden Dienstleistungen angeboten werden - von Versicherungen bis zur Steuerung einer Überwachungskamera.
Je weiter weg Länder oder Städte von den wirtschaftlichen Zentren liegen, desto mehr können sie von dieser Entwicklung profitieren. Unterentwickelte Länder und die abgelegensten Regionen der reichen Nationen werden am meisten gewinnen, wenn die Preise der Kommunikation erst einmal distanzunabhängig sind. Es wird ihnen leichter fallen, kompetente und gutausgebildete Arbeitnehmer zu halten, die sonst in die entwickelten Zentren abwandern würden. Sie werden diesen einerseits ihre Dienstleistungen verkaufen und andererseits viele Angebote nutzen können (Universitäten, Buchhandlungen, Kinos), die heute den Grossstadtbewohnern vorbehalten sind.
Das Verschwinden der Distanz als bestimmender Kostenfaktor für die Kommunikation wird so einschneidend sein wie die Entdeckung der Elektrizität. In kaum vorstellbarem Masse werden sich die Lebensweise und die Arbeit der Menschen, die Bedeutung nationaler Grenzen und der Welthandel verändern. Insgesamt wird das Ende der Distanz die Gesellschaft in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts entscheidend prägen. Die Revolution, die gegenwärtig abläuft, ist deshalb genauso eine wirtschaftliche und gesellschaftliche wie eine technische.
Frances Cairncross ist Redaktorin des «Economist»; sie lebt in London.