NZZ Folio 08/04 - Thema: Olympia   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Leider kein Wettdichten mehr

Von Lilli Binzegger

Am 25. März dieses Jahres wurde im antiken Olympia das olympische Feuer für die Spiele in Athen entfacht. Hohepriesterinnen entzündeten es im heiligen Hain im Tempel der Hera mit einem Hohlspiegel, der das Sonnenlicht bündelte, und schickten es mit dem ersten von elftausend Läufern auf die Reise um die Welt. Das Zeremoniell fand statt am Ort, wo alles begonnen hat: wo 776 v. Chr. Koroibos von Elis erster Olympiasieger in der anfänglich einzigen Disziplin des Stadionlaufs wurde, einem Sprint über 192,25 Meter, die Länge der Bahn. An den 14. Spielen kam der Doppellauf hinzu, an den 18. der Fünfkampf; die Wettbewerbe wurden um Wagenrennen, Wetttrompeten, Waffenlauf ergänzt; manches verschwand wieder, das Stutenrennen etwa und leider auch das Wettdichten. Im 5. Jahrhundert n. Chr. versanken die Spiele nach über 300 Ausgaben im Dunst des Mittelalters und auferstanden erst wieder 1896.

Wir haben einen Reporter an die 91. Olympischen Spiele von 416 v. Chr. geschickt, die damals in ihrer Hochblüte standen. Er berichtet über Wagenrennen, Faustkampf, Fünfkampf, über die Opferung der Stiere, das Getümmel auf dem Marktgelände. Und von den grossartigen Bauten dieses heiligen Orts wie Zeustempel und Echohalle, deren Überreste Ende 19. Jahrhundert von deutschen Archäologen freigelegt wurden. Wie an dem mythischen Ort alles aussah, weiss man aus Beschreibungen wie jenen von Pausanias aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.; sie liegen auch den virtuellen Rekonstruktionen der Architektur des antiken Olympia in unserem Heft zugrunde, die den Ort um 150 n. Chr. zeigen.

Wir Heutige schaffen keine vergleichbaren Orte mehr. Und weil dazu noch die Dauerhaftigkeit unserer Informationen im gleichen Mass schwindet, wie ihre Masse zunimmt, übertrifft das, was wir über die Zeit von vor 2500 Jahren wissen, wohl bei weitem das, was man in 2500 Jahren über uns wissen wird.


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