MAN STELLE SICH VOR: Die Parlamentarier treffen sich zu einer ausserordentlichen Session. Ein landesweit bekannter Politiker, nennen wir ihn Huber, hat die Amtsträger zusammengerufen, um ihnen mitzuteilen, dass er von nun an den Titel Vorsteher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes in Anspruch zu nehmen gedenke. Er trägt den Versammelten vor, dass seit dem vorigen Jahrhundert stets die Gruppe namens Gleichheit, der er angehört, diesen Amtsinhaber gestellt habe, dass seine Herkunftsregion im Laufe der Geschichte grosse Namensträger hervorgebracht habe und dass er selber nun das Erbe dieser Vorfahren antreten wolle. Sodann verteilt er kostbare, diamantbesetzte Uhren an die Delegierten der verschiedenen Parteien, wobei er streng die jeweilige Rangfolge beachtet: Die Vertreter mit dem Titel Bundesrat sind zuerst an der Reihe und erhalten einige tausend Uhren, die Parteipräsidenten einige hundert, dann jene Politiker, die solch klangvolle Namen wie Präsident der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission beanspruchen dürfen, und schliesslich die einfachen Ratsmitglieder.
Als die Reihe an der Gruppe Freiheit ist, demütigt Huber deren Präsidenten Rutishauser mit einem Geschenk, das dessen hohen Stellung Hohn spricht. Anstelle der üblichen Dankesworte verkündet Rutishauser daraufhin, den Titel des Vorstehers des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes selber zu beanspruchen, und tags darauf hält er seinerseits eine Rede, um nachzuweisen, dass sein Kanton und seine Partei aus historischen Gründen das Vorrecht auf den Titel hätten. Er fordert seinen Rivalen heraus, indem er ihm einen nussgrossen Diamanten überreicht, der sich laut Überlieferung im Besitz eines berühmten mittelalterlichen Königs befunden haben soll, und beschenkt die übrigen Anwesenden mit einer noch grösseren Zahl Uhren, als es Huber tags zuvor getan hatte. Dieser springt in sichtlicher Wut auf, lässt von den Parlamentsdienern einen ebenfalls geschichtsträchtigen und noch kostbareren Diamanten herbeibringen und zerstört ihn vor aller Augen, indem er ihn mit siegesgewissem Lächeln in ein Säurebad fallen lässt. Rutishauser verkündet daraufhin, dass er mehrere Uhrenfabriken niederbrennen lassen werde und dass niemand die Macht hätte, ihm den Titel streitig zu machen. Schon bald rötet sich der Himmel vom Widerschein der brennenden Manufakturen. Huber sieht sich ausserstande, diese Herausforderung anzunehmen, und muss seinem Rivalen den Titel überlassen.
Eine Phantasie. Sie spielt mit einer Umkehrung des Selbstverständlichen. Denn offensichtlich wären in einem solchen System Wirtschaft, Politik und Status in ganz anderer Art und Weise aufeinander bezogen, als wir es für üblich und legitim erachten. Der Politik kommt hier nicht die Aufgabe zu, ein möglichst kräftiges Wirtschaftswachstum zum Wohl möglichst breiter Bevölkerungskreise zu erzielen; die wirtschaftlichen Überschüsse werden vielmehr ausschliesslich zur Erringung politischen Einflusses verwendet oder gar im Rausch der Rivalität zerstört. Prestige gewinnen nicht jene, die haben, sondern diejenigen, die mehr geben. Luxusgüter werden nicht erworben, um die eigene Stellung mit dem Glanz der Kostbarkeit zu versehen, sondern verschenkt, um sich damit den Ruf grossmütiger Macht einzuhandeln. Der Logik des Besitzes steht jene der Verschwendung gegenüber, der Vermehrung die Verausgabung. Ausgehend von solchen Gegenüberstellungen, liessen sich in der Nachfolge der drei Renaissance-Gelehrten Thomas Morus, Tommaso Campanella und Francis Bacon ganze utopische Welten entwerfen.
Ethnographien dagegen zeigen uns, dass andere gesellschaftliche Ordnungen tatsächlich existieren. So entspricht der helvetischen Phantasie die Institution des sogenannten Potlatsch. Seine Blütezeit dauerte von der Mitte des letzten Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre. Die Notabeln der Kwakiutl, einer indianischen Ethnie Britisch Kolumbiens, verteilten anlässlich von Potlatsch-Zeremonien Unmengen von Geschenken oder zerstörten Luxusgüter, um ihren Anspruch auf gewisse Titel zu bekräftigen, und das Wort Potlatsch bedeutet denn auch «geben».
Solch exotische Blüten im Garten menschlicher Lebensformen dürfen sich der Aufmerksamkeit der Ethnologen sicher sein, und in der Liste jener, die sich an einer Interpretation des Potlatsch versucht haben, finden sich einige der bekanntesten der Zunft: Franz Boas, der Begründer der amerikanischen Kulturanthropologie und frühe Monograph der Kwakiutl, Marcel Mauss, der grosse französische Sozialtheoretiker, Ruth Benedict, deren Schriften sich in der Nachkriegszeit allgemeiner Popularität erfreuten, bis hin zu Marvin Harris, Claude Meillassoux oder Eric Wolf.
Die Kwakiutl bewohnen die Insel Vancouver und nördlich davon einen Küstenstreifen des kanadischen Festlandes. Sie lebten ursprünglich vom Fischfang, von der Jagd auf Seelöwen, Robben, Hirsche und Elche sowie vom Sammeln von Beeren, Wurzeln und Algen. Die Nutzungsrechte an den Fisch- und Jagdgründen lagen bei verwandtschaftlich definierten Abstammungsgruppen, die man Lineages nennt. Jede Lineage verfügte über eine Reihe von Titeln. Es waren die Namen von Urahnen, die einst in Tiergestalt auf die Erde heruntergestiegen und zu Menschen geworden waren. Diese Namen zu führen und damit zu irdischen Vertretern der mythischen Ordnung zu werden, war Vorrecht adeliger Familien. Die Namenstitel schufen eine Rangordnung; in ihr spielten neben den Titeln auch Zeremonialrechte eine Rolle. An den Feierlichkeiten zur Wintersonnenwende wurden die Kämpfe der Ahnengeister dramatisch inszeniert. Nur wer das entsprechende Vorrecht besass, durfte einen solchen Tanz aufführen lassen.
Potlatsch wurden von den ersten Ethnographen Versammlungen genannt, bei denen die Rangveränderung eines Individuums verkündet wurde. Man kann zwei Formen unterscheiden. Die eine stellte eine Art Initiationsritual bei der Übernahme eines neuen Namenstitels oder Zeremonialrechtes dar. Zur Bekräftigung seines neuen Status überreichte der Titelanwärter jedem der Anwesenden streng nach Rangfolge eine der Stellung entsprechende Anzahl Geschenke. In früherer Zeit wurden Kleider aus Zedernrinde und Häute verteilt, später Kanus und Wolldecken, die von den weissen Händlern erstanden worden waren, und noch später Nähmaschinen, Motorboote und westliche Konsumgüter.
Allerdings ist es nicht diese zeremonielle Rangbestätigung, die den Potlatsch berühmt und zum Gegenstand einer kleinen Bibliothek gemacht hat, sondern der sogenannte Rivalitäts-Potlatsch. Da bei den Kwakiutl Namenstitel und Zeremonialrechte sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher und schwiegerväterlicher Seite übertragen wurden, konnte jeder ehrgeizige Adelige versuchen, sich möglichst viele Zeremonialprivilegien und Namen gleichsam auf ein Titelkonto überschreiben zu lassen. Es bestand sogar die Möglichkeit, durch besondere Freigebigkeit anlässlich von Potlatschs die Titel anderer Lineages und Konföderationen zu übernehmen. Sein nawalak, eine Kraft oder Macht, die sich in der Fähigkeit zur Beschenkung zeigte, «verschlang» in der Vorstellung der Kwakiutl dabei die neuen Namen und Zeremonialrechte.
So standen sich etwa bei der Vergabe der Häuptlingswürde manchmal mehrere Anwärter mit einem vergleichbaren Titelsaldo gegenüber, die ihre Rivalen an Grosszügigkeit zu übertreffen suchten. In diesen Statuskämpfen wurden enorme Mengen von Gütern verteilt, in einem belegten Fall aus den zwanziger Jahren allein über 30 000 Decken. Auf dem Höhepunkt solcher Auseinandersetzungen brachen die Kontrahenten wertvolle Kupferplatten in Stücke, übergaben sie dem Gegner oder warfen sie, Gipfel verschwenderischer Machtentfaltung, ins Meer. Diese Platten hatten, darin Diamanten oder Gemälden ähnlich, keinen unmittelbaren Gebrauchswert. Sie wurden gegen Berge von Wolldecken eingetauscht, und je öfter sie die Hand wechselten und je berühmter ihre früheren Besitzer waren, desto eher steigerte sich ihr Wert ins Unermessliche. Für die Kwakiutl stellten sie den Inbegriff des Luxuriösen dar. Ihre Zerstörung war das letzte Mittel, um einen Rivalen zu demütigen und die eigene Überlegenheit zu zeigen.
Der Kontrast zum Gewohnten ist augenfällig. In der westlichen Gesellschaft werden Luxusgüter, glauben wir dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu, um der Distinktion willen erworben. Ihr Besitz markiert die Zugehörigkeit zu den oberen Schichten, die sich auf diese Weise sozial abheben. Die Kwakiutl dagegen kauften Luxusgüter, um sie zu verschenken oder gar zu zerstören und auf diese Weise die privilegierte soziale Stellung zu behaupten. Was würde sich besser dazu eignen, von einer ethnographischen Beschreibung zur Kritik an der eigenen Gesellschaft überzugehen?
Der Literat und Philosoph Georges Bataille ist diesen Weg gegangen. Fasziniert von den Kaprizen der Kwakiutl-Häuptlinge, nahm er den Potlatsch zum Ausgangspunkt seiner Philosophie der «allgemeinen Ökonomie». Dem Utilitarismus und dem Zwang zur Akkumulation, die die marktwirtschaftliche Ordnung auszeichnen, stellte er die umfassenderen Gesetze einer allgemeinen Energetik entgegen. Die Sonne führe der Erde einen ständigen Überschuss an Energie zu, den die Evolution zu neutralisieren versuche, indem sie immer energieintensivere, luxuriöser ausgestattete Lebewesen hervorbringe. Dieses universale Prinzip der Verausgabung, der Absorption überschüssiger Kraft durch Luxuskonsum, liegt laut Bataille auch den archaischen Kulturen zugrunde, auch dem Potlatsch. Die moderne Gesellschaft, namentlich der warenwirtschaftliche Wahnsinn der Überproduktion, pervertierte diese kosmischen Lebensgesetze und führte den Menschen von seiner eigentlichen Bestimmung weg.
Bei genauerer Betrachtung erweist sich jedoch die Institution des Potlatsch als zu vielschichtig und zu sperrig, um sie gesellschaftskritisch vereinnahmen zu können. Denn weit mehr als eine eigenständige Alternative zur Marktwirtschaft ist der Potlatsch ihre Entfaltung unter spezifischen kulturellen Vorzeichen: Erst nachdem Mitte des letzten Jahrhunderts die Handelsstationen an der Nordwestküste Amerikas gegründet worden waren, um Otterfelle gegen Eisen und Metallwaren sowie später gegen Stoffe und Decken einzutauschen, entstanden aus den zeremoniellen Rangbestätigungen die Rivalitäts-Potlatschs. Und die sagenhaften Umverteilungen und Güterzerstörungen sind nur von jenen ethnischen Gruppen bekannt, die sich damals an den beiden Handelsstationen Fort Simpson und Fort Rupert niedergelassen hatten. Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe.
Zum einen ermöglichten es die beachtlichen Gewinne aus dem Pelzhandel, der grösstenteils in den Händen der Adeligen lag, sowie später die Löhne der Fischer, der Arbeiterinnen in den Fischkonservenfabriken und die Einkünfte der Prostituierten und Wäscherinnen, immer grössere Summen über Potlatsch-Veranstaltungen in Statusgewinne zu investieren. Andererseits eröffneten sich neue Wege des sozialen Aufstiegs, die kompetitives Verhalten erst sinnvoll erscheinen liessen: Die verschiedenen Dorfgemeinschaften, die sich rund um die Handelsstationen angesiedelt hatten, sahen sich gezwungen, ihre vormals getrennten Rangordnungen in Übereinstimmung zu bringen und eine gemeinsame Hierarchie zu schaffen. Gleichzeitig hatten Syphilis und Pocken ganze Geschlechter und damit adelige Titelaspiranten ausgelöscht. Zudem eröffneten Handel und Lohnarbeit auch für Gemeine die Chance, zu Geld zu kommen, und schon bald begannen die Parvenus, die Titel ausgestorbener Adelsgeschlechter zu beanspruchen oder gar neue Namen zu erfinden. Die Kombination dieser Prozesse liess die Rivalitäten eskalieren und den Preis der Kupferplatten inflationär ansteigen - in einem belegten Fall von 100 auf 16 000 Decken innerhalb von 36 Jahren. Die Spirale der Verausgabung drehte sich immer schneller, bis die Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre und der Entschluss der kanadischen Regierung, dem so unprotestantischen Treiben ein Ende zu setzen und die indianische Bevölkerung zu «zivilisieren», das System zusammenbrechen liessen.
Die kleineren Potlatschs im Rahmen der Winterfeierlichkeiten scheinen dagegen unter den Kwakiutl bis heute überlebt zu haben, wenn auch in stark reduzierter Form und ohne Berücksichtigung einer Rangordnung, denn das Namenssystem ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Um die Lebendigkeit der indianischen Tradition im «multikulturellen» Kanada unter Beweis zu stellen, begannen kürzlich andere indianische Gruppen Britisch Kolumbiens wieder damit - unterstützt von Museen und ermuntert vom spätmodernen Hunger nach Exotika -, Potlatsch-artige Veranstaltungen durchzuführen, zu denen auch Touristen geladen werden.
Aus dieser historischen Perspektive erscheinen die spektakulären Schenkungen und Reichtumszerstörungen eher als Übergangsphänomene denn als Ausdruck eines eigenständigen sozialen Kosmos. Sie tauchten in dem historischen Moment auf, als sich zwei unterschiedliche gesellschaftliche Logiken miteinander verbanden - jene der arbeitsteiligen Wachstumswirtschaft und jene des Statuserwerbs durch Grosszügigkeit. Daraus entstand eine Dynamik ruinöser Konkurrenz, die schliesslich jene kulturellen Formen verschlingen musste, die sie selbst hervorgebracht hatte.
Andreas Wimmer ist Ethnologe; er lebt in Zürich.