NZZ Folio 06/00 - Thema: Roboter   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Florin Granwehrs Atelier

© Christian Känzig
Der Plastiker Florin Granwehr ist Mitglied der Baugenossenschaft für Künstlerateliers, die an der Südstrasse im Zürcher Kreis 8 in einer Altliegenschaft derzeit acht Ateliers unterhält. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIESES ATELIER WAR in einem grausamen Zustand, wir haben ein Jahr lang renoviert. Ich wollte nicht, dass alles kaputt geht. Sonst hätte es womöglich geheissen: abreissen, das Glump. Ich habe mein Atelier seit 1968 hier in der Künstlergenossenschaft an der Südstrasse, die seit 1949 besteht. Ganz früher war das Anwesen ein Weinbauernhaus, sein ältester Teil stammt von 1504.

Den Umbau habe ich teils selber bezahlt. Einen Teil hat die Künstlergenossenschaft übernommen, den Rest eine Kulturstiftung. Die Arbeiten wurden vom Projekt Jobbus Bau ausgeführt, einem städtischen Arbeitsprogramm. Da kamen ein Jahr lang täglich sechs Leute, jeden Tag andere, mit einem Betreuer, der immer ein Fachmann war, Elektriker, Schlosser, Zimmermann. Ich habe Hunderte von Leuten kennengelernt. Das ganze Jahr ist nie ein böses Wort gefallen.

Wir rissen alles heraus, isolierten Boden und Wände, zogen das Elektrische neu ein und so fort. Die Galerie war schon drin. Hätten wir sie entfernt, wäre das Häuschen womöglich zusammengebrochen. Das Atelier hat früher dem Maler Secondo Püschel gehört, er wohnte hier auch und litt im Winter trotz dem Ofen, der vor allem die Wände geschwärzt hat, sehr unter der Kälte. Auf der Galerie schlief er. Ich hatte mein Atelier damals im vorderen Teil.

Ich bin meistens von 9 Uhr bis abends um etwa halb 8 hier. Über Mittag gehe ich für eine Stunde nach Hause an die Zollikerstrasse. Ferien habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht, ich bin nicht so ein Ferienmensch. Und wenn, dann gehe ich fischen. Die letzten zwei Jahre war ich praktisch jeden Tag hier, auch samstags und sonntags.

Im Moment mache ich keine Plastiken, sondern widme mich ganz einem theoretischen Werk, dem Granwehrschen Theorem, einer harmonikalen Ordnung. Worin die besteht? Immer wenn ich meine, ich könne sie beschreiben, weicht sie aus. Das Theorem ist wie ein unbezähmbares Tier. Man müsste es zeigen können, es schreit nach einer Ausstellung. An dem Theorem studiere ich seit 1992 herum, und jetzt konnte ich es lösen. Mit allen Vorarbeiten habe ich dafür Tausende von Skizzen gemacht, zu Hause am Tisch, nachts, auf gebrauchte Papierservietten. Das ist die Welt, in der ich jetzt bin. Ich arbeite gerne mit Musik, Klassik vor allem. Mit Jazz kann ich erst am Abend arbeiten. Popmusik kann ich nicht hören, das stört meine Schwingungen.

Kontakt mit den anderen Künstlern habe ich hier wenig. Da lebt jeder in seiner Welt. In den sechziger Jahren gab es mehr Geselligkeit, aber damit wurde ich auch nicht so glücklich. Ich bin meistens allein hier, hierher verirrt sich keiner. Ich brauche die Ruhe, um an meinem Theorem zu arbeiten. Wenn es gut geht, schaffe ich acht Blätter am Tag. Dann ist Abend, und ich muss gehen.

Von meinen Plastiken mache ich jeweils nur die Modelle, die ich so lange bearbeite und poliere, bis ihre Oberfläche so fein ist wie eine Klaviertaste. Meine Werkbank steht in einem Vorraum, ein wunderbarer Abendlicht-Arbeitsplatz, an dem man jede Unebenheit sieht. Die Pläne machen sie dann in der Stahlbaufirma in Jona, wo sie die Plastiken auch bauen. Letzthin sagten mir die Ingenieure: So, Granwehr, jetzt haben Sie einen Fehler gemacht, das ist nicht konstruierbar. Nach schlaflosen Nächten erkannte ich, dass es doch funktionierte, wenn sie die Sache nicht von unten nach oben, sondern von der Spitze nach unten angingen. Die Plastik, sie heisst <Angulon>, steht jetzt im Innenhof des Bezirksgebäudes in Zürich. Sie ist ungefähr 11 × 11 m gross und 5 m hoch.

Aufgewachsen bin ich in St. Gallen neben dem Seilbähnli St. Georgen bei meiner Mutter und meiner Grossmutter, von der ich meinen Bündner Vornamen habe, sie war Bündnerin. Der Grossvater war Konditor, der Vater starb, als ich fünf Jahre alt war. Ich musste jeden Tag durch ein Tal zur Schule, das Tal der Demut hiess und den Falkenwald mit dem Adlerwald verband. Ich habe ursprünglich ein Jusstudium begonnen, dann aber abgebrochen und Restaurator gelernt. Den Beruf habe ich an den unterschiedlichsten Orten ausgeübt, unter anderem war ich Teamleiter der Schweizer Equipe nach der grossen Überschwemmung vom November 1966 in Florenz. Ich hatte meinen Arbeitsplatz im Cabinetto ristauro der Uffizien, dort trennte mich nur eine Glaswand von Donatellos grossartiger <Maddalena>, die vorübergehend dort stand. Ich war damals bereits auch künstlerisch tätig.

Die Tische und Stühle hier habe ich alle selber konstruiert. Das Diagonalmass der Stühle ist das halbe Seitenmass der Tische. Ich habe sie nur für mich gemacht, ich bin zu wenig tüchtig, sie zu vermarkten. Was für mich Ordnung ist? Ordnung ist das, was absolut direkt ins Chaos führt. Je mehr Ordnung man hat, desto mehr Chaos gibt es. Chaos ist immer horizontal, Ordnung ist vertikal. In diesen Raum müsste man nur noch ein paar Dinge mehr hineinstellen, und sofort wäre das Chaos da.

Das Haus steht am Fuss des Burghölzlihügels am Nebelbach. Der hat manchmal Hochwasser und ist mir schon dreimal durchs Atelier geflossen. Der Hügel ist jetzt ein Rebberg, früher war da ein wunderbarer Obstgarten mit riesigen Birnbäumen. Er hätte einmal überbaut werden sollen, ist jetzt aber ausgezont. Es gibt viele Tiere hier. Gestern habe ich einen zweistündigen Kampf zwischen einem Rotmilan und einer Krähe beobachtet, nicht etwa hoch am Himmel, sondern ein paar Meter über dem Boden. Dann hat es auch Füchse und Marder und was es so gibt.

In den Reihen des Rebbergs laufen manchmal Patienten des Burghölzli hin und her und schreien, haben hysterische Anfälle. Aber immer erst gegen Abend.»


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