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NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Yvonnes Railroad-Apartment

© Christian Känzig
Die 44jährige Choreographin und Tänzerin Yvonne Meyer, am Zürichberg aufgewachsen, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern an der 13. Strasse im New Yorker East Village. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH KAM VOR ZWANZIG JAHREN mit einem Stipendium für die Cunningham-Schule für modernen Tanz für ein Jahr nach New York und bin dann gleich hiergeblieben. Ich hatte nach dem Lehrerinnenseminar - man musste ja erst einen rechten Beruf erlernen - schon in der Schweiz eine Tanzausbildung absolviert. Nach etwa sieben Jahren heiratete ich einen Amerikaner, von dem ich mich express scheiden liess, als ich im sechsten Monat mit einem Kind von meinem jetzigen Mann schwanger war. Er ist Schweizer, ich hatte ihn in Zürich kennengelernt. Unterdessen haben wir zwei Kinder, Alina und Flavio, sie sind neun und zehn. Sie können praktisch nur Englisch, schimpfen können sie aber auch auf deutsch. Ich hatte Bedenken, dass sie, wenn sie in zwei Sprachen aufwachsen, in keiner ganz richtig zu Hause sind.

An der 13. Strasse wohne ich seit bald sieben Jahren. Ich bin mehrmals umgezogen, aber ich habe immer im East Village gewohnt. Als ich herkam, wohnte ich an der 5. Strasse zwischen der First und der Second Avenue in einem Haus, in dem vielleicht drei Wohnungen besetzt waren, der Rest war leer. Ich musste durchs Fenster hinein, Strom hatte es keinen, nur Kerzenlicht. Ich musste alles erst erschliessen. Dafür hat es nur 140 Dollar im Monat gekostet, und alles ganz legal. Man hatte mir immer gesagt: Geh ja nicht dort hinunter, dort ist es gefährlich. Da ging ich natürlich erst recht.

Damals war das Quartier noch ganz leer, unsere Strasse ist immer noch relativ ruhig. Das East Village hat sich aber wie wahnsinnig gefüllt, an den Wochenenden fallen die Touristen in Schwärmen ein. Früher sah man hier nie einen Touristen. Ich weiss noch: einmal begegnete ich einer schwedischen Familie, die stachen richtig heraus. Jetzt sind die Mieten wahnsinnig gestiegen, die Latinos und Polen, die hier lebten, werden immer mehr hinausgedrängt. Denen sind die Mieten zu hoch. Wir haben hier jetzt viele Studenten der New York University, die zahlen für eine Wohnung 2000 Dollar und mehr. Das heisst: natürlich zahlen die Eltern.

Railroad-Apartment sagt man Wohnungen wie dieser, weil ein Zimmer hinter dem andern ist. Dieses hat drei Schlafzimmer, Küche und Bad und einen Salon, alle wie auf einer Schnur aufgereiht. Im hintersten Zimmer ist man da schön weit weg von Mann und Kindern, wenn's mal nötig wird. Die Häuser wurden in den dreissiger Jahren für Einwanderer gebaut, glaube ich. Sie sind alle in schlechtem Zustand, die Böden sind uneben, die Wände bröckeln, und gelegentlich stürzen wieder ein paar Häuser ein. Wenn sie für Neubauten den Aushub graben, dann kracht daneben ab und zu ein Haus zusammen.

Die Wohnung kostet 1000 Dollar im Monat, alles inklusive. Jetzt möchte der Hausbesitzer, ein Iraner, alle Wohnungen renovieren, damit er nachher 2500 Dollar verlangen oder noch lieber das Haus teuer verkaufen kann. Dazu müssen die Leute aber ausziehen, und uns kriegt er hier nicht raus. Der Kündigungsschutz ist in New York viel strenger als in der Schweiz. Es gibt im Haus noch Mieter, die zahlen 250 Dollar im Monat, die ziehen sicher nicht aus. Die Mietverträge sind immer Dreijahresverträge, und pro drei Jahre darf die Miete höchstens um sechs Prozent hinauf. Da sind die Kosten höher als die Einnahmen, das rentiert natürlich nicht.

Neben unserem Haus ist einer, der altes Eisen sammelt und Dinge zusammenschweisst, ein Künstler, ein ganz Verrückter, ein Amerikaner. Er haut jeweils wie ein Wahnsinniger auf seinem Amboss herum. Seine Kinder sind Halbwilde, die brechen alles ab. Ihr Vater macht ihnen Eisenschwerter und solche Dinge, und mit denen flitzen sie dann herum. Aber Flavio kommt gut mit ihnen aus, er spielt gern mit ihnen. Es gibt auch eine Mutter. Die kommt manchmal her und schmeisst mit Eisenteilen um sich. Dann schleicht ihr Mann jeweils ab. Wenn der Lärm draussen zu laut wird, dann stelle ich halt mal das Radio ins Fenster und drehe es laut auf.

Unsere Strasse, der ganze Block, ist wie ein Dorf. Wenn ich die Avenue A hinuntergehe, dann treffe ich auf Schritt und Tritt Leute, die ich kenne. Wir haben in unserer Strasse einen Community Garden, da hat jeder ein Beet, da pflanzt jeder etwas an. Es hat Bänke und Tische dort, die Kinder spielen zusammen, die Familien essen gemeinsam, wir tragen einfach alles aus den Wohnungen hinüber, das ist sehr schön. Solche Gärten hat es viele, vor allem in den ärmeren Quartieren wie hier im East Village, in Brooklyn und in der Bronx. Ungenutzte Parzellen, die die Leute übernommen haben. Die Gärten sind ein wichtiger Bestandteil der Quartiere. Und jetzt will Giuliani, New Yorks Bürgermeister, diese Grundstücke alle teuer als Bauland verkaufen. Jetzt fahren die mit Bulldozern ein und zerstören die Gärten.

Ich lasse die Kinder auf der Strasse spielen. Früher war hier eine ziemliche Drogenecke, und es gibt schon da und dort noch Drogenhandel. Die Junkies hängen aber nicht so herum wie in Zürich. Gefährlich ist es hier im Moment jedenfalls nicht. Weiter unten und dann in der Lower Eastside ist es vielleicht schon etwas problematischer. Zur Schule gehen die Kinder in die Neighborhood School zehn Blocks von hier, das ist eine Alternativschule, wie es innerhalb der öffentlichen Schule viele gibt, in der Schweiz vielleicht am ehesten den Steiner-Schulen vergleichbar. Sie versuchen dort die Nationalitäten zu mischen. Weil es schon zu viel Weisse hatte, sagte ich einfach, der Vater der Kinder sei Puertoricaner. Einen Akzent haben ja sowieso alle.

Mein Mann bringt die Kinder hin, und ich hole sie ab. Zu Fuss, ein Auto besitzen wir nicht. Sie haben immer von halb 9 bis 15 Uhr Schule und samstags frei. Das ist hier an allen Schulen so, in allen Altersstufen, vom ersten bis zum letzten Schuljahr. Das Schweizer System ist für mich unvorstellbar. Um 15 Uhr hole ich die Kinder jeweils von der Schule nach Hause oder bringe sie in die Tanzstunde oder zum Sport oder was dann eben gerade auf dem Programm ist. Eine Soccer-Mum bin ich aber nicht. Den Haushalt schmeisse ich so schnell zwischendurch, der ist nicht gerade meine Leidenschaft.

Ich bin am Swiss Institute Kuratorin für das Tanzfestival, damit habe ich viel zu tun. Ich tanze selber, mache aber auch Stücke nur für andere, zum Beispiel <Mad Heidi>, das letztes Jahr auch in der Roten Fabrik in Zürich aufgeführt wurde. Im Moment gebe ich noch Stunden. Ich mache vieles zu Fuss, fahre aber auch viel Subway und Velo. Die Velos werden einem zwar immer geklaut, mir kamen mindestens schon zehn weg. Einmal wollte mir einer mein eigenes Velo verkaufen. Ich schrie ihn an: This is my bicycle! Da gab er es gleich wieder her.

Mein Mann kommt meistens so um 21 Uhr nach Hause, er hat fast eine Stunde Arbeitsweg. Hier arbeiten alle so viel, kein Vergleich mit der Schweiz. Der Konkurrenzdruck und das Arbeitstempo sind hier wahnsinnig hoch, gerade in der Wissenschaft. Er ist Professor und hat im Mount Sinai Hospital ein gentechnisches Institut. Einer von uns geht abends dann meistens aus. Und der andere hütet die Kinder. Doch, wir sehen uns schon manchmal! Am Morgen und an den Wochenenden. Da gehen wir mit den Kindern an den Fluss, in einen Park oder zu Ausstellungen. Oder wir fahren mit Freunden irgendwohin. Oder wir sind in unserem Garten und machen mit den Nachbarn etwas. In den Ferien sind wir für zwei, drei Wochen jeweils im Tessin, meine Schwester hat dort ein Haus. Von New York direkt in die Steinzeit, zuhinterst ins Maggiatal. Dieses Jahr wollte Alina aber lieber in ein Summer Camp in Connecticut. Die Kinder sind total amerikanisiert, Flavio möchte am liebsten nur noch Baseball spielen.

Ob ich in New York bleibe? Je länger man weg ist, desto schwieriger wird eine Rückkehr. Ich bin oft in der Schweiz, und manchmal denke ich schon: Wie wär's, wenn ich bliebe? Im Moment gibt es in Amerika kein Geld für die Kunst, für experimentelle schon gar nicht. Alles Geld geht in die arrivierte Kultur, Clinton hat da noch nicht viel geändert. Völlig ausgeschlossen ist eine Rückkehr nicht.»


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