|
|
Von Tieren -- Barry national
Von Herbert Cerutti
DIE GESCHICHTE der heldenhaften Hunde auf dem Grossen Sankt Bernhard hat einen eher nüchternen Anfang: Um das Jahr 1700 schildert Prior Ballalu, wie der für die Küche des Hospizes zuständige Mönch ein Laufrad konstruierte, worin dann ein Hund den Bratspiess drehte.
Diese erste Erwähnung von Arbeitshunden auf dem Grossen Sankt Bernhard scheint plausibel, denn das Hospiz war einer der wichtigsten Trittsteine auf den sakralen Fernwanderwegen nach Santiago de Compostela. Die Augustiner-Chorherren beherbergten täglich bis zu 400 Pilger und liessen sich dabei nicht lumpen: Zur Bewirtung zum Nulltarif gehörten Käse, Brot und Fleisch. Sowie ein tüchtiger Schluck Wein, wie die «Bernarde», das noch heute im Hospizkeller stehende 10 000-Liter-Fass, beweist.
Dass die Tiere aber auch ausserhalb der warmen Küche zu tun hatten, zeigt eine Bemerkung aus dem Jahr 1707, wonach «ein Hund uns verschüttet wurde». Die folgenden Jahrzehnte liefern zahlreiche Belege für einen Arbeitseinsatz in der winterlichen Natur. So heisst es in einem Bericht aus dem Jahr 1780: «Die Klosterleute, die täglich den Pass nach verirrten Reisenden absuchen, werden von grossen Hunden begleitet, die diese aufspüren und zum Hospiz führen.»
Solche «Lawinendoggen» wurden damals ebenfalls in den Rasthäusern auf dem Simplon, der Grimsel und der Furka gehalten - als Wach- und Schutzhunde gegen Räuberbanden und unanständige Gäste, als Pfadfinder, um bei Dunkelheit, Nebel und Schneetreiben den Weg im alpinen Gelände zu finden, als Schneepflug schliesslich, wenn sie mit breiter Brust dem Wanderer im Neuschnee einen Pfad bahnten.
Ihre wohl grösste Herausforderung erlebten die Hunde vom Grossen Sankt Bernhard in den Jahren 1794 bis 1802, als 50 000 französische Flüchtlinge und 150 000 Soldaten den Pass überquerten. Im Mai 1800 passierte Napoleon Bonaparte mit 46 000 Mann, 7000 Pferden und 30 Geschützen den noch schneebedeckten Alpenübergang. Der Korse und seine Offiziere waren des Dankes voll für die vorzügliche Beherbergung im hochalpinen Hospiz. Und nicht zuletzt den Hunden war es zu verdanken, dass in all den Kriegsjahren kein einziger Soldat im Schnee erfror.
Ebenfalls im Jahre 1800 kam der wohl berühmteste Bernhardiner auf die Welt: Barry. Er soll während seines Wirkens auf dem Hospiz über 40 Menschen das Leben gerettet haben. Altersschwach geworden, wurde er im Jahre 1812 von einem Klosterdiener nach Bern gebracht, wo er zwei Jahre später starb. Erst ausgestopft und später in Gips nachmodelliert, steht Barry noch heute im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern. Es wird vermutet, dass es auch die Berner Museumsleute waren, die im 19. Jahrhundert aus dem «Bäri», wie man damals dunkel gefärbte Hofhunde allgemein nannte, das werbewirksamere englische «Barry» machten.
So unbestritten die Verdienste von Barry auch sind, den berühmten «Ritt des Knaben», der in zahlreichen Bildern und Erzählungen verewigt ist, hat es wohl nie gegeben. Friedrich von Tschudi schilderte 1853 in seinem «Thierleben der Alpenwelt» die Episode: «Barry fand einst in einer eisigen Grotte ein halberstarrtes, verirrtes Kind, das schon dem zum Tode führenden Schlaf unterlegen war. Sogleich leckte und wärmte er es mit der Zunge, bis es aufwachte; dann wusste er es durch Liebkosung zu bewegen, dass es sich auf seinen Rücken setzte und an seinem Hals sich festhielt. So kam er mit seiner Bürde triumphirend in’s Kloster.»
Auf einem zeitgenössischen Stich zieht Barry dann auch noch mit dem Maul am Glockenseil der Klosterpforte. Hundekenner meinen, es sei unwahrscheinlich, dass ein Hund ein Kind über eine längere Strecke tragen könne. Und: Exakt die gleiche Geschichte war schon drei Jahre vor Barrys Geburt von einem französischen Autor publiziert worden.
Frommes Wunschbild dürfte auch jene Zeitungsmeldung um 1890 sein, die den Alltag der Bernhardinerhunde im Hospiz schildert: «Zur Essenszeit sitzen alle Hunde schön der Reihe nach vor ihren Schüsseln mit Suppe; das Tischgebet wird von einem Mönch gesprochen, und alle Hunde bleiben währenddessen ruhig und halten den Kopf gesenkt. Keiner bewegt sich, bevor nicht das Wort "Amen" gesprochen wird. Sollte der eine oder andere junge Hund sich vor dem Ende des Tischgebetes auf sein Mahl stürzen, knurrt ihn sein älterer Nachbar an und zieht ihn sanft am Ohr.»
Die Hunde auf dem Grossen Sankt Bernhard sind auch nicht als einsame Helden durch die Landschaft gezogen, um Verirrte aufzuspüren und mit einem feurigen Schluck aus dem Fässchen zu beleben. Nachgewiesen ist, dass zwischen Martinstag (11. November) und Anfang Mai täglich Marroniers - vom Kloster angestellte Patrouilleure - die heiklen Passabschnitte kontrollierten, in Begleitung von Hunden, die bei Nebel und Schneetreiben nicht nur dem verirrten Pilger, sondern auch dem Marronier den Weg zu weisen hatten.
In schwierigen Zeiten gingen auch Geistliche mit auf die Kontrollgänge Richtung Wallis und Italien. Zur Ausrüstung gehörten Schaufeln, Bahren, Speis und Trank. Und da man auf dem Rückweg Milch und Butter von der Sennerei mitbrachte, trug gelegentlich einer der Hunde einen kleinen Packsattel auf dem Rücken. Das Fässchen aber ist Legende, denn mit solchem Ballast am Hals wäre das Spuren im Tiefschnee kaum möglich gewesen.
So haben auf dem Grossen Sankt Bernhard die Hunde und ihre Begleiter während zweier Jahrhunderte um die 2500 Personen gerettet. Mit der Eröffnung der Strasse von Martigny über den Pass nach Aosta im Jahre 1905 wurden die Kontrollgänge überflüssig. Mit der rasch wachsenden Zahl an Reisenden ging notgedrungen auch die vom heiligen Bernhard im 11. Jahrhundert begründete Tradition der kostenlosen Bewirtung und Beherbergung zu Ende.
Woher stammen nun aber die legendären Hunde auf dem Grossen Sankt Bernhard? Marc Nussbaumer, Kurator für Archäozoologie und Kynologie am Berner Naturhistorischen Museum, gibt in seiner Schrift «Barry vom Grossen St. Bernhard» eine überraschende Antwort: Der Bernhardiner, wie wir ihn heute als Hunderasse kennen, existierte bis ins 20. Jahrhundert auf dem Hospiz nicht. Vielmehr hielten die Geistlichen recht verschiedene Hunde, das einzige Kriterium war, dass die Tiere tüchtige Wach- und Suchhunde zu sein hatten. Und für den Winterdienst musste das Fell gutes Stockhaar (kurzhaarig) sein, mit hartem Deckhaar, dichter Unterwolle.
Frühere Bilder zeigen die «Hunde Gottes» auf dem Hospiz als Vertreter der damals in den umliegenden Tälern weit verbreiteten grossen Küher- und Hofhunde. An eine isolierte Reinzucht irgendwelcher Rasse war im harten Klima auf dem Pass gar nicht zu denken. So starb denn auch die Familie der Hospizhunde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals aus - und wurde immer wieder durch Nachschub aus dem Unterland reanimiert.
Als Vater der Bernhardinerzucht gilt Heinrich Schumacher, Metzgermeister und Wirt im bernischen Holligen. Von der Idee getragen, den legendären Barry auferstehen zu lassen, züchtete er ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit Hilfe der Mönche gezielt das ins Auge gefasste Ideal: einen etwa 65 Zentimeter hohen Hund, mit weissem Fell, rotbraunen Flecken, einem länglichen, wolfsähnlichen Kopf. Im Jahre 1880 wurde die Rassebezeichnung «St.-Bernhards-Hund» offiziell eingeführt. Durch seine Anerkennung am internationalen Kynologenkongress avancierte der Bernhardiner 1887 zum Schweizer Nationalhund.
Parallel zu Schumachers Bemühen gab es jedoch eine züchterische Gegenbewegung, die einen möglichst grossen «Bernhardiner» wollte, mit schwerem Doggenschädel und steiler Stirn. Eine Quelle solcher Aufrüstung könnte Queen Victoria gewesen sein, die mit ihren zwei 1840 auf dem Hospiz gekauften Hunden in England einen richtigen Bernhardinerboom auslöste. Den Briten kam der kräftige Alpenhund gerade recht, um ihre Mastiff-Kampfhunde aufzufrischen. Entsprechend der lukrativen Nachfrage produzierten die Schweizer Züchter nun immer mächtigere Bernhardiner.
Heute verlangt der internationale Standard für den St.-Bernhards-Hund beim Rüden ein Stockmass zwischen 70 und 90 Zentimetern. Als Preis für die Wuchtigkeit leiden viele Bernhardiner unter Hüftdysplasie, einer Fehlentwicklung der Hüftgelenke. Selbst Tasso du Grand-Saint-Bernhard, Stolz des Hospizzwingers in Martigny, hat in seinem Körschein den Eintrag «HD: leicht».
Heute hofft man, der Wolf, der Ahnherr aller Hunde, könnte den zum Unterländer gewordenen Barry wieder ins Gebirge bringen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Evaluation von Herdenschutzhunden lebt der aus der Hospizzucht stammende Arco seit 1998 in einer Walliser Schafherde. Einen Wolf vor der Schnauze hat Arco bis jetzt noch nicht gehabt. Sein Verhalten in der Herde ist jedoch vielversprechend.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|