NZZ Folio 05/07 - Thema: Das Dorf   Inhaltsverzeichnis

Es wird eng

© Privatarchiv Lampugnani
Vittorio Magnago Lampugnani Linktext
Jeder will ein eigenes Haus, doch viele Häuser machen noch kein Dorf. Was Raumplaner Weisslingen empfehlen.

Von Daniel Weber

Weisslingen ist in den letzten dreissig Jahren massiv gewachsen: 1980 zählte das Dorf 1900 Einwohner, heute sind es 3000. Der Wachstumsschub hat den Charakter des Dorfs verändert. «Diese rasante Entwicklung hat unsere gesamte Landschaft ergriffen», sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Städtebau an der ETH in Zürich. «Sie hat zu Problemen geführt, die fast jedes Schweizer Dorf kennt.»

Fakten zu Weisslingen

Städtebauer verbessern Weisslingen


Herr Lampugnani, was fällt dem Städtebauer als erstes auf, wenn er nach Weisslingen kommt?

Dass es ein hübsches Dorf gewesen ist und dass ihm das schnelle Wachstum weit verbreitete, ja typische Probleme beschert hat: Das Dorf hat sein klar definiertes Zentrum verloren. Seine Grenzen sind nicht mehr klar erkennbar. Seine Architektur hat keinen Zusammenhalt.

Wurde das Wachstum zu wenig geplant?

Bestimmt wurde geplant, es entsteht ja nichts, was nicht jemand geplant hat. Was in den Dörfern fehlt – und nicht nur in den Dörfern –, ist die Gesamtschau. Es werden Teilstücke entworfen und irgendwie mit dem Bestehenden verknüpft, aber niemand hat die Kompetenz, die Zeit, den Mut, eine Gesamtvision zu entwickeln. Das Wachstum können wir nicht aufhalten, aber wir können es in vernünftige Bahnen lenken. Unsere Ansiedlungen haben sich immer unter demographischem und ökonomischem Druck entwickelt. Die Frage ist nur: Kam dieser Druck einem übergreifenden, langfristigen, nachhaltigen städtebaulichen Konzept zugute oder nicht?

Sie sagen, Weisslingens Grenzen seien unklar. Wie müssten sie aussehen?

Ich wünsche mir nicht die alten Stadtmauern wieder herbei, aber es braucht die klare Kante zwischen der Landschaft, die rücksichtsvoll kultiviert sein sollte, und der Besiedlung. Einfach entlang den Strassen ein Häuschen hier und ein Häuschen dort zu bauen – das ist zwar eine verbreitete, aber ausgesprochen schlechte Strategie.

Heisst das, dass man bei der Planung mit der Strassenführung beginnen müsste?

Historisch sind in der Regel zuerst die Landstrassen da, dann erst kommen die Dörfer. Man darf nicht zulassen, dass entlang diesen Strassen beliebig weit in die Landschaft hinausgebaut wird. Wie in vielen anderen Dörfern neigen in Weisslingen die neuen Siedlungsgebiete dazu, selbstgenügsame, kaum angebundene Einheiten zu bilden.

Hat man ein zu grosses Gebiet zum Bebauen freigegeben?

Es ist bestimmt keine gute Idee, in einem dörflichen Gebiet zu grosse Grundstücke auszuweisen. Die einzelnen Häuser mit ihren weitläufigen Gärten stehen verloren herum. Überdies haben wir uns von der schönen Tradition verabschiedet, die Häuser unmittelbar an die Strasse heranzurücken, was den öffentlichen Raum angenehm markiert und automatisch zu einer höheren Dichte führt. Dass man das nicht mehr tut, hat natürlich mit gewandelten gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun: Die Menschen ziehen sich von ihren Nachbarn zurück, sie suchen weniger das Gespräch als ihre Ruhe.

Kann man bei Weisslingen von Zersiedlung sprechen?

Nur ansatzweise. Die Grenzen sind zwar etwas zerfranst, aber das amorphe Auswuchern, wie man es an den Rändern Zürichs beobachtet, gibt es hier nicht.

Wie verhindert man Zersiedlung am besten?

Man muss sich fragen: Ist es noch möglich und sinnvoll, dass jeder ein eigenes Haus mit eigenem Garten anstrebt? Letztlich ist das Einfamilienhaus die Verkleinerung des Schlosses auf den Massstab der Massengesellschaft. Diese Mikroversion können sich heute viele leisten. Aber kann sich das auch unsere Gesellschaft leisten? Ist nicht eine verdichtete Bebauung besser, die das kostbare Gut Landschaft schont? Wir haben zu wenig Land in Europa und in der Schweiz, als dass wir verschwenderisch damit umgehen könnten. Wir müssen zusammenrücken.

Wie soll das konkret geschehen?

Die härteste Methode ist die Limitierung des Baulands. Dazu muss man Alternativen bieten, die Privatsphäre und Abgeschlossenheit auch bei höherer Verdichtung ermöglichen. Atriumhaussiedlungen, die eine intensive Überbauung mit Freiräumen kombinieren, sind ein solcher Versuch. Aber es gibt noch viel mehr Bautypen, die erforscht, entwickelt und ausprobiert werden müssen. Bisher stellte die Planung die Raumökonomie zu stark ins Zentrum: Was ist Bauland, was nicht? Man fragte sich kaum: Wie sieht das Ganze am Schluss aus, und wie leben die Menschen darin?

Das Leben im Dorf braucht ein Zentrum.Wie schafft man eines, wenn es, wie in Weisslingen, verloren gegangen ist?

Es gibt die Nutzungsstrategie: gemeinschaftliche Funktionen zusammenfassen, damit ein Grund besteht, die entsprechenden Orte aufzusuchen. Und es gibt die architektonisch-räumliche Strategie: öffentliche Räume schaffen, die eine Zentralität symbolisieren, und wo man sich gern aufhält.

Was kann Weisslingen sonst noch tun?

Wenn es weitere Zuwanderung gibt, würde ich ein Pilotprojekt mit verdichteter Bauweise starten – als Versuch, die Menschen durch gute Alternativen davon zu überzeugen, dass es nicht immer das Einfamilienhaus sein muss.

Soll man nichts vorschreiben?

Eine gewisse Vielfalt muss sein. Aber der Charakter Weisslingens sollte erhalten bleiben. Der entstand, weil nur bestimmte Baumaterialien und Bautechniken verfügbar waren, aber auch, weil es einen kulturellen Zusammenhalt gab, eine Vorstellung darüber, wie man wohnt. Die ersten beiden Elemente sind überholt: Granit aus China ist billiger als einheimischer, und so gut wie jede Bautechnik ist überall zu haben. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, heute künstliche Einschränkungen zu machen und etwa zu sagen: Unser Dorf ist geprägt worden durch bestimmte Materialien, mit diesen wollen wir weiterarbeiten.

Was ist das im Fall von Weisslingen?

Es gibt in Weisslingen alte, schlichte Bauernhäuser mit verputzten Mauern und heruntergezogenen Dächern, deren Einfachheit vorbildlich ist. Ein schönes Beispiel für ein traditionelles Weisslinger Haus ist das Restaurant Sonne. Auf diesen Typus sollte aufgebaut werden. Wichtiger ist jedoch, zentrale Orte zu schaffen, die den Charakter des Dorfes prägen. Wenn das einigermassen funktioniert, kann man auch ein paar verunglückte Häuser verschmerzen.

Sie haben Weisslingen mit Ihrer Methode analysiert, die aktuelle Probleme mit historischen Lösungen konfrontiert. Kann man im Städtebau aus der Geschichte lernen?

Wir arbeiten mit typischen Situationen. In Weisslingen sind es zwei: Das nicht vorhandene Zentrum und, weniger gravierend, der nicht vorhandene Dorfeingang. Das sind Grundprobleme des suburbanen Städtebaus. Mit unserer Methode schauen wir, wie sie früher gelöst wurden. Natürlich kann man gelungene Beispiele nicht direkt übertragen, aber man kann aus ihnen lernen. Die Geschichte liefert uns Lösungsstrategien. Die zeigen wir auf, mehr nicht. Dann muss die konkrete Arbeit des Architekten einsetzen.

Haben Dörfer wie Weisslingen eine Zukunft?

Weisslingen ist zwar definitionsgemäss ein Dorf, aber unser Verständnis des Dorfs muss sich grundsätzlich ändern. Wir tun immer noch so, als ob Dörfer ein paar Häuser und eine Kirche wären – dabei sind es eigentlich kleine Städte. Wenn sie attraktiv sind, haben solche urbanen Dörfer hervorragende Zukunftschancen: Man kann dort Qualitäten schaffen, die in der Stadt nicht möglich sind. In Italien gibt es etwa in der Umgebung von Mailand und Genua schöne Dörfer, die verlassen waren. Jetzt wohnen dort Menschen, die gut elektronisch vernetzt sind und denen es wichtiger ist, dass sie schneller am Flughafen sind als in der Stadt. Oder nehmen Sie London: Um die boomende City herum gibt es alte Weiler, die man totgesagt hatte und die sich jetzt ausgesprochen lebhaft entwickeln – weil sie eine gute Infrastruktur und attraktive öffentliche Räume anbieten. Das ist auch und gerade in der Schweiz möglich.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.


Vittorio Magnago Lampugnani ist Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, Direktor des Netzwerks Stadt und Landschaft (NSL) und Inhaber eines Architekturbüros in Mailand. Er wurde 1951 in Rom geboren, studierte in Rom und Stuttgart, lehrte unter anderem in Harvard und leitete das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main; seit 1994 ist er an der ETH. 1990 bis 1996 war er Herausgeber der Zeitschrift «Domus». Aktuelle Projekte seines Büros sind unter anderem der Novartis-Campus in Basel und der Untergrundbahnhof Mergellina in Neapel. Seine jüngste Veröffentlichung ist soeben im Birkhäuser-Verlag erschienen: «Handbuch zum Stadtrand. Gestaltungsstrategien für den suburbanen Raum». Die darin entwickelte Methode wird mit Beispielen aus dem Zürcher Glatttal illustriert.




Leserbriefe:

Zu Es wird eng - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)

Es wird eng. Mai 2007 Lampugnani hat recht, in Weisslingen könnte man vieles besser machen. Dass er dabei der modernen Tradition verfällt und den Nichtwissenden sein Wissen über Dörfer, die er offensichtlich nur von Bildern her kennt oder kennen will, aufdrängt, wird seine Konzepte scheitern lassen. Das ganze NZZ Folio zeugt davon, dass alles, was von aussen aufgezwungen wird, in Weisslingen in Frage gestellt wird. Weisslingen ist da kein Einzelfall. Dorf war mehr als ein Bild, Dorf war Abbild gesellschaftlicher Strukturen, Resultat von Aushandlungsprozessen, die tagtäglich stattfinden und sich vom Dorf, dass Herr Lampugnani so gerne sehen würde, weit entfernt hat. Das Dorf als solches gibt es nicht mehr. Der Alltag zwischen Hof, Wohnhaus und Wirtshaus am Dorfplatz hat sich grundlegend verändert. Wenn nun Bilder einer vermeintlich besseren, früheren Welt gezeigt werden, zeichnen sie zwar alles schöner, aber nicht unbedingt besser. Das setzt gleichzeitig voraus, dass früher alles besser war. Damit agiert Herr Lampugnani als Architekt schöner Bilder und nicht als Städtebauer, der mit der unmittelbar betroffenen Bevölkerung den Aushandlungsprozess ihrer Welt mit Fachwissen unterstützt. Dies setzt voraus, dass man sich als wissender Wissenschaftler in die Rolle eines handelnden Wissenschaftlers schickt.
Stefan Kurath, Zürich



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