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NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst? Inhaltsverzeichnis
Zerlegt -- Das Leibchen des Europameisters
© Patrick Rohner, Zürich ...
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| DFB-Trikot «Euro 2008», Polyester, Adidas, Fr. 69.90. |
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Von Jeroen van Rooijen
Deutschland wird Fussball-Europameister 2008. Zu diesem Schluss muss jeder kommen, der sich mit den Mannschaftstrikots befasst hat. Deutschland gewinnt vor Spanien – wahrscheinlich im Penaltyschiessen. Denn die Spanier haben auch ein sehr schönes Trikot (auch von Adidas). Dritte werden die Franzosen, die ebenfalls ein recht interessantes Textilkonstrukt (von Nike) auf dem Platz tragen. Die Schweizer Nationalmannschaft mit ihren in Rumänien genähten Leibchen (von Puma) scheidet dagegen schon in der Vorrunde aus: Mit diesen schlicht gemachten, doppellagigen Netz-Schlabbershirts in Rot holt man vielleicht beim Hare-Krishna-Ortsverein einen Punkt, aber für die Mode-Europameisterschaft reichen sie leider nicht.
Doch zurück zum Shirt der Deutschen, das von Adidas im fränkischen Herzogenaurach entworfen wurde. Es ist blendend weiss, wie nicht anders zu erwarten. Die Neuheit ist der aufgedruckte, schwarz-rot-goldene Horizontalbalken auf der Brust. Der Schnitt ist Ingenieurskunst ersten Ranges: Das Brustteil («ClimaCool 365», 100 Prozent Polyester) wird eingerahmt von zwei «Brücken» aus einem atmungsaktiven Netzstoff sowie zwei bis in den Rückensaum gezogenen Rumpfpaneelen, die mit einem interessanten Heissprägedruck verziert sind. Der Rücken akzentuiert mit den zur Taille hin sich verjüngenden Teilungsnähten die athletischen Torsi der Kicker. Kein einziges Teil erinnert in irgendeiner Weise an konventionelle Schnitte, alles ist hochgradig organisch und fliessend geformt.
Der Ärmel mit den drei vom Hals bis zum Bizeps reichenden Adidas-Streifen ist zweigeteilt und hat vorne ein spickelförmiges Bündchen in Schwarz. Der Sinn dieses Details ist nicht erkennbar, aber es sieht gut aus. Der Clou des Deutschland-Shirts ist jedoch der Kragen: Der aus drei Teilen und in Form geschnittene Halsring liegt glatt am Hals an und ist dank dem rückwärtigen Einsatz aus dehnbarem schwarzem Ripp dennoch bequem anzuziehen. Ein Stück Provokation ist schliesslich im Nacken mitgenäht: Ein Stretchband über der Naht trägt die in zwei Farben gewobene Zahlenreihe «1954 – 1972 – 1974 – 1980 – 1990 – 1996», die auf Siege der Deutschen in Europa- oder Weltmeisterschaftsfinalspielen hinweist. «2008» liesse sich später problemlos von Hand nachsticken. Wer will, kann sein T-Shirt bei Ochsner Sport für 12 Franken Aufpreis auch mit der Nummer und dem Namen seines Idols bedrucken lassen.
Damit man das aufwendig gearbeitete Trikot zweifelsfrei von Imitaten oder nicht lizenzierten Euro-2008-Fanartikeln unterscheiden kann, hat Adidas unten links ein etwa zwei Zentimeter grosses, kreisrundes 3-D-Logo mit Hologramm aufgeschweisst. Ein weiteres Sicherheitsmerkmal findet sich bei den eingenähten Etiketten, wo neben dem in zwei Dutzend Sprachen gedruckten Hinweis «Brennbar! Vom Feuer fernhalten» auch eine Seriennummer und ein Produktionsdatum (09/07) aufgedruckt sind. Hier findet sich auch der einzige schwerwiegende Schönheitsfehler am DFB-Shirt: «Made in China». Andererseits: Jetzt, wo die Chinesen BMW und Mercedes fahren, ist das wohl als eine Art von interkulturellem Austausch zu werten. (Das zerlegte Shirt ganz: Seite 96.)
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.
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