SEIT JUNI 1999 gibt es unter www. live-6-cam.ch Live-Striptease. Für 1.80 Franken die Minute hat man zwei Frauen für sich allein.
«Stehst du gerne vor der Kamera?» fragte das Inserat, auf das sich Sol, die real natürlich anders heisst, letzten Sommer meldete. Seither liegt sie dreimal pro Woche von acht Uhr abends bis ein Uhr morgens in einem kleinen, spärlich beleuchteten Zimmer auf einer mit dunkelrotem Tuch bezogenen Matratze und zieht sich vor der Videokamera aus. Sie fasst sich an die Brüste, sie spreizt die Beine, sie spielt mit dem Dildo, sie geht tiefer und tiefer, sie öffnet den Mund, sie befeuchtet die Lippen, sie macht, was Internet-User wollen. Ihre Kollegin Seraina sitzt im Nebenzimmer vor dem Computer, nimmt die Wünsche der Kundschaft entgegen und gibt sie per Mikrophon an Sol weiter.
Sol ist 29 Jahre alt, Hausfrau und Mutter zweier Kinder. Auf ihrem rechten Oberarm fliegt ewig ein Schmetterling und blüht ewig eine Rose. Das Tattoo hat sie sich mit 19 im Ausland machen lassen. Sol zog früh von zu Hause aus. Der Schmetterling steht für Freiheit und Leichtigkeit, die Rose dafür, dass es keine Schönheit ohne Dornen gibt. Sol hat sich Gleichgültigkeit gegenüber vielem erkämpft. «Mich kann nichts zu Tränen rühren», sagt sie, und in ihr Gesicht kommt Stolz.
Ihren Job sieht Sol als Sprungbrett, sie will weiterkommen in diesem Business, wohin und wie, weiss sie noch nicht so recht. Es war denn auch nicht Geldnot, die sie plagte, es war die Langeweile zu Hause. Ihr Mann hat nichts dagegen. Wenn es ihr Spass macht, soll sie es tun, sagt er.
Am Anfang hat Sol versucht, sich die Männer vorzustellen. Jetzt macht sie ihre Bewegungen automatisch und ohne die Phantasie weiter zu bemühen. «Männer sind nicht heikel. Sie wollen einfach Fleisch sehen, dein Gesicht interessiert nicht. Die begehrten Zonen sind immer die gleichen, es sei denn der Waden- oder der Fussfetischist ist drauf. Einmal musste ich eine Stunde lang den Fuss in die Kamera halten. Der Wadenfetischist ist zufrieden, wenn du dir immer wieder über die Waden fährst.» Sol stellt sich keine Fragen, das erleichtere vieles.
Ihre Kollegin Seraina hingegen, die Chatterin, ist müde. Die Arbeit fällt ihr immer schwerer. Seit sie fast täglich auf die geschriebenen Phantasien des anderen Geschlechts antworten muss, hat sich ihr Männerbild grundlegend verändert. «Männer sind Schweine», sagt sie und weiss, dass sie mit diesem Urteil eine kleine Gruppe für das Ganze nimmt. Sie unterteilt die Besucher auf ihrer Site in drei Kategorien: die Neugierigen, die nach fünf Minuten wieder weg sind, dann die Einsamen, die ein Mami suchen, dem sie ihr Herz ausschütten können, und die anderen Einsamen, die brutal und vulgär sind und schnell zur Sache kommen wollen. Für die zweite Kategorie ist der Live-Striptease unwichtig, die will nur chatten.
«Einmal hatte ich einen Romantiker, der mit mir in den Wald gehen wollte und ein Feuer machen und Cervelats braten und den Mond geniessen und über meine Haare streichen, es konnte ihm alles nicht langsam genug gehen. Zur gleichen Zeit hatte ich einen Masochisten, den man in jedem zweiten Satz beschimpfen musste und der mit Nadeln gepikst werden wollte und mit der Peitsche geschlagen. Ich rannte zwischen beiden Bildschirmen hin und her. Am Ende war ich so leer und ausgebrannt und aggressiv von diesem ganzen Sprachmüll, mit dem da mein Hirn vollgestopft worden war, dass ich heute noch Gott danke, dass mir auf dem Heimweg niemand begegnete.»
Seraina ist 37, verheiratet und, wie Sol, Mutter zweier Kinder. Sie war längere Zeit arbeitslos. Nach der siebzigsten Bewerbung als Telefonistin verlor sie langsam den Mut. Wie lange sie ihren Chat-Job noch machen kann, weiss sie nicht. Obwohl die Personalkosten tief sind - eine Stripperin verdient 31 Franken die Stunde, eine Chatterin 22 -, zweifelt sie an der Lukrativität des ganzen Geschäfts. Ihre besten Kunden sind die Deutschen. Der Schweizer sei noch nicht soweit, dass er seine Kreditkartennummer dem Internet anvertraue.