Kohlrabi-Apostel! Rohköstlergesicht! Zwiebacknasen! Himbeersaftstudenten! Die Bürger hielten sich die wohlgenährten Bäuche vor Lachen über die Apologeten der Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende. Die Gesundheitsapostel, die dem arbeitenden Mann sein gutes Stück Fleisch madig machen wollten, Rohkost auf den Speiseplan setzten und statt Bier und Schnaps Milch oder Säfte tranken, ernteten Spott und Hohn. Galt doch der Embonpoint als Zeichen von Wohlhabenheit, als protziger Wink gegenüber den Hungerleidern, die zur Erfüllung der gesellschaftlichen Faustregel - man isst so viel, wie man sich leisten kann - nicht genug Bares hatten. Entsagung war damals ein Zustand, der sich bei den meisten ganz von allein einstellte. In einer Mangelgesellschaft wird freiwilliges Spartanertum zum kuriosen Randphänomen.
Die westlichen Industrieländer, behaupten Soziologen, steuern auf Gesellschaftsformen zu, in denen postmaterielle Werte dominieren. Ganz altmodische wie Natürlichkeit, Geborgenheit, Ursprünglichkeit, Ehrlichkeit, die mit dem grellen, durch und durch materialistischen Credo der achtziger Jahre nicht das Geringste zu tun haben. In der Überflussgesellschaft wird Verzicht zum Rettungsanker für die Seele, die in einer kalten Dingwelt, in der Flut des Konsumablen, unterzugehen droht. Der Puritanismus, wie er heute aufkeimt, ist weder durch religiöse Gebote erzwungene Selbstkasteiung noch der flackernde Hass auf den «Konsumterror des Systems», wie er sich in den siebziger Jahren entlud, sondern eine von zweckmässigen Motiven durchsetzte Massnahme des Selbstschutzes. Der neue Puritanismus ist die Rücknahme der Übertreibung. Ein Blick auf die Veränderung der Essgewohnheiten zeigt dies deutlich. In meiner Kindheit galt Geflügel als ausgesprochener Luxus, und so gehörten Sonntagsausflüge, die mit dem Besuch einer «Backhendlstation» endeten, wie bei uns die Spezialrestaurants damals hiessen, zu den kleinen Aufregungen meines Alltags.
Heute überwiegt auf den Speisekarten dieser gehobenen Volksküchen der Wiederaufbauzeit - wo man hinging, wenn man sich einmal etwas gönnen wollte - längst Vollwertkost. Leichtgerichte und Salatplatten mit Dressing nach Wahl. Keine Lebensmittelpalette mehr, die ohne Etikettierungen wie «naturrein» oder «für bewusste Ernährung» auskommt - was bei chemisch konservierten Speisen wie Fertigsuppen oder Tiefkühlkost immer leicht bizarr wirkt.
Der Hang zur gesunden Ernährung ist zu einer Art neuer Volksbewegung geworden. Die Not hat sie geboren. Denn in vielen Fällen gehen Versuche zur Korrektur des Essverhaltens mit einem labilen Gesundheitszustand einher, sind sie nichts anderes als hilflose Gesten zivilisationsgeschädigter Wesen. Aber lassen «Vitalstangen», Vollwertfutter oder gar «feine Markknochen im knusprigen Getreidemantel» auf dem Hundeteller auf einen schlechten Gesundheitszustand der Vierbeiner schliessen? Hebt Naturkatzenstreu des Befinden? Wir wissen es nicht. Die Gesundheitswelle ist jedenfalls auf den Bereich der Kleinviehnahrung übergeschwappt, was uns die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit ökologischem Gedankengut eindrucksvoll vor Augen führt.
«Esst Müsli, das macht euch glücklich!» pflegte der Kleinverleger T. zu seinen Angestellten zu sagen, wenn er sie beim Gabelfrühstück aus Kaffee und Zigaretten erwischte. T. ist zwanghafter Effizienzhascher, Gesundheitsapostel aus purem Eigennutz. Neue Ernährungsphilosophien interessieren ihn in erster Linie im Hinblick darauf, ob es ihnen gelingt, die letzten brachliegenden Energiereserven eines überarbeiteten Kleinverlegers (bei tendenziellem Gewichtsverlust) zu mobilisieren. «Müsli macht fett!» verkündet T. jetzt, er hat eine neue Heilslehre und den schlagenden Beweis ihrer Wirksamkeit gefunden. «Ich esse jetzt Trennkost», sagt er, «Claudia Schiffer macht das auch.»
Die Überzeugung, dass jeder einzelne für seinen Lebensraum verantwortlich ist, dass nur individuell verantwortliches Handeln eine ökologische Katastrophe eindämmen könne, keimte zuerst im mentalen Ghetto, in den grün orientierten alternativen Zirkeln der Siebziger. Heute belegt die Statistik: die Verweigerung unsinnigen Konsums hat in den Köpfen Platz gegriffen. In einer Untersuchung, die das «psychologische Klima der Schweiz» zum Gegenstand hatte, beurteilen mehr als zwei Drittel der Befragten die «Massnahmen im Bereich Umweltschutz» als unzureichend, fast die Hälfte beurteilte die Fernsehwerbung als «sehr bis eher negativ», vor fünf Jahre hatte dies nur ein Viertel der Testpersonen getan. Und die Kurven, die die Wünschbarkeit «einer sorgfältigen Verpackung» bzw. «einer grossen Auswahl von Artikeln» darzustellen hatten, verliefen deutlich abfallend.
Aus Angst vor der Zerstörung unserer inneren und äusseren Natur üben wir uns in Vernunft. Eine junge Mutter erzählte mir einmal von ihren Ängsten, ein Kind in diese kaputte Welt zu setzen. Alles tue sie, damit sich die Dinge zum Besseren wendeten: Abfall trennen, Waschmittel in Nachfüllpackungen kaufen, mit Essigreiniger putzen . . . Selbstverständlich liesse sich die Liste beliebig ergänzen: lösungsfreie Klebstoffe verwenden, Hochfrisuren nur mit treibgaslosem Haarspray bauen, Taschentücher aus Altpapier kaufen, Katalysator im Auto haben . . .
Hätte mich die «perfekte» Entsagerin, so wie ich sie mir vorstelle, durch ihre Wohnung geführt, folgendes Protokoll des Prototypischen wäre entstanden. Das Futonbett: ein Muss. In dem modischen Interesse an japanischer Lebensart steckt auch die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach einer Idee von Natur und einem Moment von Ruhe. Ein europäischer Japanreisender hat zu Beginn unseres Jahrhunderts notiert, die Fähigkeit, ohne Möbel, ohne Habe und mit einem ganz minimalen Kleidervorrat zu existieren, sie nicht nur ein Beweis der Überlegenheit der japanischen Rasse im Kampf ums Dasein, sondern offenbare den wahren Charakter einiger Schwächen unserer eigenen Zivilisation. Dies veranlasse uns, «uns über die nutzlose Mannigfaltigkeit unserer eigenen täglichen Bedürfnisse klarzuwerden». Im Wohnzimmer der idealen Entsagerin dominieren Naturhölzer und Erdfarben. Es gibt keinen Protz und kein Plastic. Sodann sieht das Zimmer sicher nicht wie ein privates Designermuseum aus und auch nicht wie ein Raum, der aussieht, als hätte sein Bewohner Angst, zwischen den perfekten, schönen Dingen darin auch zu leben.
Schief liegende Bücherregale, auf Zacken stehende Bodenlampen, hängende Computertische sind zu vermeiden. Im Design ist Vernunft oberstes Gebot! Und Vorsicht: Pecunia olet! Die Castiglioni-Lampe im Vorzimmer, die Philipp-Starck-Zahnbürste im Bad tragen weder Preis- noch Namensschild! Auch der Kosmetikschrank ist schon auf den neusten Stand gebracht: Die schweren orientalischen Parfums der letzten Jahre sind daraus verbannt, dafür ist ein frisches, grünes, Natürlichkeit verströmendes Parfum zum neuen Duftfavoriten erkoren. Die Sammlung exklusiver Tragtaschen mit den Emblemen prestigereicher Haute-Couture-Häuser ist augenblicklich aufzulösen
Dezenz, Madame! Man geht nicht mehr als lebendes Firmenschild herum, sondern hat sich in Zurückhaltung zu üben. Es soll ja nicht gleich jeder sehen, was Sie sich leisten können. Abgesehen davon, fänden Sie es nicht ein bisschen obszön, Ihren Reichtum so unverschämt auszustellen, wenn sich gleichzeitig ein Land in Schutt und Asche bombt? Moral steht jedem und jeder gut, sie ist die Modetugend der neunziger Jahre.
Der Künstler G. S. ist ein typisches Produkt der achtziger Jahre. Im Kunstboom ganz nach oben geschwemmt, mit dem Einbruch des Marktes nach unten gespült. Als er noch ein reicher Mann war, konnte er sich den Spielen Selbstinszenierung und Konsumrausch hingeben.
Er jettete nach London oder Paris, wenn er dringend ein neues Jackett brauchte, auf Vernissagen tauchte er mit Vorliebe in Kleidungsstücken auf, die zu den monochromen Neo-Geo-Bildern passten, die er gerade ausstellte. Zum roten Quadrat trug er dann ein rotes T-Shirt mit schwarzen Streifen. Das war viel mehr Manier als Stil, das war pure Attitüde. Ein Langweiler war der Künstler damals schon - aber heute gibt er sich überdies mönchisch. Trägt immergleiche schwarze Rollkragenpullover, einen millimeterkurzen Haarschnitt und einen strengen Blick. Behauptetes Motto: Wer Dekor braucht, um zu strahlen, muss ein kleines Licht sein. Was waren sie für ein kokettes Jahrzehnt, die achtziger Jahre! Das Dezennium der Verschwendung, der Hemmungslosigkeit, der Reize für den Augenblick. Und so aufregend! Allein die Toilette für den Auftritt im Szenenlokal konnte Stunden dauern. Da stand man dann, dunkel der Blick, schwarz die Seele, umnachtet der Kopf, in einer grellen Neonbar, beäugte die Welt aus den Gläsern einer Sonnenbrille und fühlte sich als einsamer Stadtwolf, als «zerstörte Zelle», wie Blixa Bargeld und seine «Einstürzenden Neubauten» sangen. Man sass auf bemalten Mülltonnen, trug Röcke aus schwarzem Plastic und placierte auf Netzstrümpfen gezackte Risse. Alles war morbide, dekadent, einfach zum Wegwerfen, huch, war man doch selbst bloss Flitter, Sternenstaub auf einem sich zur Apokalypse neigenden Planeten. Man konnte sich als Wegwerfprodukt fühlen, weil man nicht verlorengehen konnte. Nur wenn die Verhältnisse sicher scheinen, lässt sich das Leben als Abenteuerspielplatz einrichten.
Die erotische Ausschweifung, die zum Spiel mit den Reizen gehörte, barg noch wenig Gefahr. Bei einer kürzlich in der Schweiz durchgeführten Meinungsumfrage bewerteten 74 Prozent der befragten Personen Treue als wichtigstes Moment einer Beziehung, ein Jahrzehnt zuvor waren es zehn Prozent weniger gewesen. Um die Jahre 1983, 1984 herum war ich häufig in einer Wohngemeinschaft am Sonntag beim Frühstück zu Gast. Irgendwann wurden meine Besuche spärlicher, weil mich die Gespräche in ihrer Abwechslungslosigkeit allmählich langweilten. Sonntag für Sonntag gab es nur ein Thema: Sex. Ernst, der als Zeitgeistseismograph galt, hatte eine Zeit, da stellte er sich Wochenende für Wochenende alleine in Bars, die er für chic hielt, trank Sekt und taxierte die Frauen. Als Don Juan war Ernst nur mässig erfolgreich. Seine sonntäglichen Ausführungen handelten meistens von den Frauen der letzten Nacht, die er gerne als Bettgenossinnen gehabt hätte. Dafür erzählte Sabine mit der grün gefärbten Tonsur dauernd vom «Mann von der Strasse». So lautete das Codewort für den jeweiligen schönen Unbekannten, der in ihrem Bett gelandet und daraus schon wieder verschwunden war. Martin hörte interessiert zu, er war kein Aufreisser und hatte wenig zu berichten.
Wie es sich für einen Zeitgeistseismographen gehört, ist Ernst unterdessen verheiratet, verbringt jetzt seine Abende mit Universitätslehrgängen und bekämpft seine Neigung zu Übergewicht mit Heilfastenkuren und Gesundheitsferien. Sabine ist mit einem Mann liiert, der allgemein «der Prinz» genannt wird. Nur Martin liegt die allerorten ausgebrochene Monogamie nicht. Er ist andauernd in schwierige Beziehungsgeflechte aus Haupt- und Nebenfreundinnen verstrickt.
Der österreichische Kabarettist Josef Hader hat einmal über die Ausgehkultur des Yuppie-Jahrzehnts gesagt: «Irgendwann sind nur mehr die uninteressanten Menschen ausgegangen, die interessanten sind in Spelunken herumgesessen oder sind gleich zu Hause geblieben.» Irgendwann war der Spass vorbei, der Hedonismus hatte ausgedient. Mein Freund Tom erzählte mir einmal eine hübsche Geschichte, die den hohlen Glanz, dem man damals huldigte, illustriert. Damals besass jeder Mensch, der auf sich hielt, keinen schlichten Kalender, sondern eine Filofax, einen dicken Zeitplaner, einen time organizer mit Minuteneinteilung. «Was trägst du denn da ein?» fragte er einen Freund, der einen besonders dicken, ledergebundenen Terminkalender hatte. «Da schreib' ich immer ein, wenn ich bei uns im Haus die Treppe putzen muss», antwortete der.
Tom und ich lieben exzessive Telefonate. Bis zu drei Stunden kann so ein Gespräch dauern. Dennoch leiden wir unter Informationsstress, wir ersticken unter Zeitschriftenstapeln, unter flackernden Fernsehbildern. «Kennst du dieses Symptom?» fragte ich ihn neulich, «Schweissausbrüche, Herzflattern und rasender Puls vor dem ungelesenen Zeitungsturm, das Gefühl, die Buchstaben quellen über. An Wochenenden wird es immer besonders schlimm.» «Ich lese nichts mehr», sagte Tom, «ich lese keine Zeitungen mehr, nur noch Bücher, Philosophie, Erkenntnistheorie . . . oder Thomas von Aquin zum Beispiel.»
Das Wort «Bescheidenheit», das heute als «neue Bescheidenheit» bereits Eingang in Werbestrategien gefunden hat, stand im Mittelalter für Verstand und Verständigkeit. Die trockene moralische Färbung hat es erst in späteren Jahrhunderten erhalten. Mit Entsagung meinen wir im Grunde genommen ein Zurechtrücken auf das richtige Mass, einen erhofften Zustand des natürlichen Gleichgewichts, ein Ausfüllen der inneren Leere. Über den finnischen Filmregisseur Aki Kaurismäki wird die Anekdote überliefert, er habe einmal, als ein Festredner das Glas hob und einen Toast auf ihn ausbringen wollte, grimmig gesagt: «Do we drink or do we talk?»
Der Exzess kann Lebenselixier sein. Sollte der leichte Hang zum Puritanismus, zur Befreiung von Tand und Ballast gar das Ende der verbotenen Genüsse bedeuten? Die Strategen der Warenwelt wissen Rat. Wer ohne verbotene Ausschweifungen nicht sein kann, für den halten sie ess- und trinkbare Placebos parat. Ersatzprodukte für süsse, kalorienreiche Gifte, die nicht die geringsten Gewissensbisse bereiten. Das Zauberwörtchen light genügt, um den hartnäckigsten Verführern die schwarze Aura des Schädlichen und Verbotenen zu nehmen: süsse Marmeladen, knusprige Kartoffelchips, kühles Bier, bunte Gummibärchen und zuckerhaltige Limonaden verwandeln sich in Produkte höherer, gesünderer Ordnung. Kann denn Wonne Sünde sein?
Andrea Hurton ist freie Journalistin und wohnt in Wien.