Bei einem Streich mit versteckter Kamera in der Sendung «Teleboy» im Herbst 1981 fragte ein Lockvogel mit einem Stadtplan einen Passanten nach dem Weg. Mitten im Gespräch drängten sich zwei Komplizen mit einer Plakatwand dazwischen. Hinter der Plakatwand tauschte der Lockvogel seine Position mit einem zweiten Mann, so dass der Passant danach einer anderen Person gegenüberstand. Einige setzten ihre Erklärungen fort, als ob nichts geschehen wäre.
Erstaunlich daran war nicht nur die Reaktion der Passanten, sondern auch, dass es mehr als zwanzig Jahre dauerte – der Streich wurde ursprünglich in den 1970er Jahren in England ausgeheckt –, bis sich die Wissenschaft mit dem Phänomen befasste: Wie kann es sein, dass ein Mensch massive Veränderungen direkt vor seinen Augen nicht wahrnimmt?
Auch der Harvard-Student Daniel J. Simons interessierte sich eigentlich nicht dafür. Simons untersuchte Anfang der 1990er Jahre, wie Kinder die Form von belebten und unbelebten Objekten wahrnehmen. Ein Tier kann seine Form verändern, ein Apparat kann es nicht. Simons wollte mit Tests herausfinden, ob sich Kinder deshalb die Form eines Pferdes anders merken als die Form eines Telefons. Doch seine Experimente waren ein Misserfolg. «Niemand bemerkte auch nur irgendeine Formveränderung», erinnert sich Simons. Von da an konzentrierte er sich auf die Erforschung der Change-Blindness, der Veränderungsblindheit, wie diese Wahrnehmungslücke in der Fachsprache genannt wird.
Filmfehler in «Casablanca»
Es traf sich gut, dass sein Mitstudent Daniel Levin ein Amateurfilmer war. Gegenüber Anschlussfehlern in Filmen sind wir nämlich besonders blind, deshalb können in «Casablanca» die Epauletten von Major Strasser in einer Szene verschwinden und in der nächsten wieder auftauchen, ohne dass die Zuschauer etwas davon merken.
Auch Experimente am Bildschirm im Labor zeigten, dass wir selbst grössere Veränderungen in zwei aufeinanderfolgenden Bildern oft nicht bemerken. «Aber es gab einflussreiche Leute, die glaubten, in der wirklichen Welt würde sich die Veränderungsblindheit nicht zeigen.» Genau das wollten Simons und Levin 1996 mit ihrer Version des «Teleboy»-Streiches überprüfen.
Simons hatte den Originalfilm nie gesehen, dafür war er zu jung, aber an einer Konferenz in Deutschland erzählte ihm ein Kollege bei einem abendlichen Bier davon. Der Kollege sagte: «Du behauptest also, die Leute merken überhaupt nichts vom Wechsel?» – «Ja, das behaupte ich», gab Simons zurück, aber er konnte es selbst kaum glauben. Für die ersten Tests kaufte er identische T-Shirts, weil er überzeugt war, die beiden Personen müssten so ähnlich wie möglich aussehen, damit es klappte. «Aber es stellte sich heraus, dass es darauf nicht ankam», sagt Simons.
Erste Tests – anstelle einer Plakatwand benutzen Levin und Simons eine Tür – verliefen positiv, also schritten sie zum Experiment auf dem Campus der Harvard-Universität. Ein Kollege spielte den Mann mit dem Stadtplan, Levin und Simons trugen die Tür vorbei, und der Kollege tauschte seinen Platz mit Simons. Danach verriet Simons den Passanten, dass sie in eine Studie geraten seien, und fragte sie, ob ihnen etwas aufgefallen sei. Nur gerade 7 von 15 Passanten hatten den Wechsel bemerkt.
In einem späteren Versuch zeigte sich ein ähnliches Resultat bei 20 Studenten, die sich an einem Schalter meldeten. Während die Person hinter der Theke mit ihnen sprach, bückte sie sich kurz, um ein Formular zu holen. In diesem Moment tauschte sie ihren Platz mit einer zweiten Person, die sich nun hinter der Theke erhob. 15 von 20 Versuchspersonen merkten nicht, dass nun ein anderer Mensch vor ihnen stand.
Über die Frage, warum wir derart unempfindlich sind gegenüber drastischen Veränderungen, gibt es verschiedene Ansichten. Es gibt Wissenschafter, die nichts weniger als unser stabiles Weltbild in Frage stellen: Der Eindruck von Kontinuität und Dauerhaftigkeit der visuellen Wahrnehmung sei eine Täuschung.
Simons denkt weniger radikal. Für ihn ist die Veränderungsblindheit eine logische Folge unserer Evolution. Es wäre für das Gehirn viel zu aufwendig, ständig alles zu verfolgen. Deshalb nimmt es einfach an, die Welt sei stabil, anstatt jedes Detail zu speichern. In den meisten Fällen ist diese Annahme ja auch gerechtfertigt. «Schliesslich verwandelt sich eine Person nicht plötzlich in eine andere», sagt Simons – ausser er macht gerade eines seiner Experimente.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.