NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Das Band der Unabhängigkeit

© Patrick Rohner
Fliege, Seide, Ermenegildo Zegna, 115 Franken. Linktext
Sie ist älter als die Krawatte und noch mehr als diese unter Druck geraten: die Fliege oder Schleife, die heute vor allem Individualisten tragen. Wahre Kenner wissen sie auch selber zu binden.

Von Jeroen van Rooijen

Die Fliege, auch Querbinder oder Schleife genannt, ist ein Kleidungsstück mit geringem Gebrauchswert: Der Durchschnitts­typ trägt sie ein- bis zweimal im Jahr, mancher nie. Denn eine Fliege kommt nur noch bei grosser Abendgarderobe zum Einsatz, bei Einladungen, zu denen Black Tie (Smoking) oder White Tie (Frack) zwingend sind; «Tie» steht nämlich nicht für Krawatte, sondern für Flie­ge. Doch sogar beim Smoking wird die Fliege immer öfter weggelassen. Man findet sie im Handel fast nur noch unter der Theke oder in geschmacklosen Farben.

Wer eine akzeptable Auswahl möchte, muss zum Spezialisten, etwa zu Ermenegildo Zegna, aus dessen italienischen Werkstätten die auf dieser Seite zerlegte Fliege stammt. Dort näht man – für Kenner und Könner! – die Schleife zum Selberbinden oder, für die etwas Bequemeren, die fertig gebundene Variante wie hier abgebildet. Die besten Schleifen der Welt gibt es übrigens bei Turnbull & Asser, London, oder bei Charvet, Paris. Um das Binden einer Fliege zu lernen, kann man auf dem eigenen Oberschenkel üben, bevor man vor den Spiegel tritt.

Die Wurzeln der Fliege reichen wesentlich weiter zurück als die der Krawatte, mit der sie zwar den Stammbaum, nicht aber das Familienbuch teilt. Die Fliege erinnert noch vage an das 18. und 19. Jahrhundert, als die Männer ihre Halstücher um den Hals knoteten, statt die Enden herunterbaumeln zu lassen. Heute trägen vor allem Individualisten die Schleife: Sie signalisiert unabhängiges Denken, Originalität oder Humor.

Ein grosser Fan von Fliegen war Winston Churchill, der sie am liebsten ge­punktet trug. In der Schweiz unvergessen ist auch die bunte Fliege des Finanzzauberers Martin Ebner. Der Querbinder ist ausserdem ein typisches Stilmittel von Berufsgruppen, die mit der lose herunterbaumelnden Krawatte ihre Mühe haben, etwa Kellner, Profi-Snookerspieler, Chemiker oder Kinderärzte. Tagesfliegen sind bunt, Abendfliegen schwarz oder, zum Frack, auch weiss.

Eine fertig gebundene Schleife wie die von Zegna besteht aus vier schlichten Teilen. Das aus einem rechteckigen Stück Seide geschnittene Hauptteil wird in den Drittel gefaltet und mit dem Halsband gebunden, das aus zwei unterschiedlich langen Stücken schwarzer Seide sowie einem innenliegenden Ripsband besteht, dessen Mitte kleine Schlitze hat. Mit kleinen Metallhaken, die in die Schlitze eingehängt werden, wird die Kragenweite individuell reguliert.

Damit die Fliege eine schöne Form bekommt, werden das Band und die Fliege sorgfältig von Hand miteinander vernäht. Die Stiche darf man auf der Vorderseite nicht sehen, sonst würde der Träger sich als Nichtselbst­binder entlarven. Ein geschultes Auge erkennt trotzdem von weitem, ob eine Schleife selbst oder von der Näherin in der Fabrik gebunden wurde. Der Knoten einer «Fertigfliege» ist straffer, die Symmetrie des Gesamtbildes nahezu perfekt. Doch gerade dies sucht der wahre Fliegenkenner nicht: Seine selbstgebundene Schleife ist immer ein wenig windschief.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.