Der Schlag tat nicht weh, die Jacke blieb unversehrt. Anfang Januar 2004 wurde Tim Berners-Lee von der englischen Königin zum Ritter geschlagen, in Anerkennung «seiner Verdienste bei der globalen Entwicklung des Internets». Als Knight Commander gehört er jetzt zum «Most Excellent Order of the British Empire», darf sich ein Stück Blech an die Weste heften und sich mit Sir anreden lassen. «Diese Ehre gebührt allen, die sich an der Weiterentwicklung des World Wide Web beteiligen, und auch den Erfindern des Internets», teilte Berners-Lee in einem Communiqué mit.
Es war nicht die erste Ehrung für den 48-jährigen Briten, der es als sein Verdienst bezeichnet, ein dezentrales und offenes System geschaffen und sich nach Kräften dafür engagiert zu haben, dass das Internet allen zur uneingeschränkten Nutzung ohne Lizenzkosten offensteht. Auf seinem zweiseitigen Lebenslauf nimmt die Aufzählung der Ehrungen fast die Hälfte des Platzes ein. Unter anderem wurde er 1999 vom Magazin «Time» unter die 100 klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts eingereiht.
Tim Berners-Lee lebt seit zehn Jahren in Boston. Dort leitet er das World Wide Web Consortium (W3C), das – dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) angegliedert – die Weiterentwicklung des Web koordiniert. In Frankreich und Japan unterhält das W3C Zweigstellen; es beschäftigt knapp 70 Computerwissenschafter und wird von 400 Firmen und Organisationen unterstützt. Berners-Lee ist bekannt geworden als «Erfinder des Web». Nicht selten wird er fälschlicherweise auch gleich zum Erfinder des Internets ernannt.
Das Internet ist ein weltumspannendes Netz der Netzwerke, eine Ansammlung von Millionen von Rechnern unterschiedlichster Bauart, Leitwegrechnern und Schaltkästen, Kabeln kilometerweise, ein Sammelsurium von Kommunikationsprotokollen, Übertragungsmechanismen und Codierverfahren, ein Gewimmel von Informationsstrukturen, Datentypen und Dateiformaten, kurz: es ist kompliziert. Da ist die Versuchung gross, sich vorzustellen, es gäbe einen Masterplan und eine Person, die sich das alles ausgedacht hat.
Dieser Person würde man gerne ein paar Rosen schicken, nachdem man es zum ersten Mal geschafft hat, eine E-Mail zu versenden; oder eine Beschwerde, nachdem der eigene Rechner durch unzählige Werbemails unbenutzbar geworden ist. In der Tat erhält Berners-Lee viele solcher Protestbriefe. Die Absender sind offenbar der Ansicht, dass Sir Tim als oberste Autorität des Web in der Lage sein müsse, Spam vom Internet auszuschliessen. Das ist er aber nicht; er verbringe selber sehr viel Zeit mit dem Löschen von Spam, klagt er.
Die Ernennung zum Ritter durch die Queen war Berners-Lee nicht per E-Mail, sondern per Telefon mitgeteilt worden. Über seine offizielle E-Mail-Adresse ist er überhaupt nicht mehr zu erreichen. Das ist nicht weiter schlimm: Schon so oft interviewt, schon so oft befragt, weiss Berners-Lee, was die Leute umtreibt. Auf seiner Homepage (www.w3c.org/People/Berners-Lee) hat er Antworten auf gängige Fragen versammelt: Wie spricht man WWW aus? «Wie drei separate Wörter.» Warum heisst das WWW WWW? «Auf der Suche nach einem Namen für ein globales Hypertextsystem wollte ich zum Ausdruck bringen, dass es dezentralisiert ist und alles mit allem verbinden kann. Diese Form ist mathematisch gesehen ein Graph, ein Web.» Sie also haben das Internet erfunden? «Sorry, das war nicht ich! Als ich mich daranmachte, das Web zu erfinden, existierte das Internet bereits seit 15 Jahren.»
Wenn Tim Berners-Lee Orden und Preise verdient hat, dann deshalb, weil er sich beim Erfinden grösste Zurückhaltung auferlegte und es schaffte, sich auf zwei, drei Innovationen zu beschränken. Es grassiert nämlich unter Software-Ingenieuren eine Krankheit, das «Not invented here»-Syndrom. Ein infizierter Programmierer wird, mit einem Problem konfrontiert, zuerst einmal eine neue Programmiersprache entwerfen, einen Compiler bauen, ein Schichtenmodell spezifizieren, um auf der Basis selbstgeschaffener Klassenbibliotheken zuerst gängige und dann nach und nach speziellere Probleme angehen zu können. Wenn jetzt die Lösung des ursprünglichen Problems in Sichtweite rückt, zeigt es sich, dass es anderswo schon gelöst wurde.
Den Rest des Lebens verbringt der Programmierer damit, in Internet-Diskussionsforen darzulegen, warum es nur eine Lösung – seine – geben kann. Berners-Lee erhält viele Briefe von Software-Entwicklern, die überzeugt sind, das nächste weltumspannende Kommunikationssystem erfunden zu haben. Ob er sich die revolutionäre Neuheit nicht anschauen wolle? «Sorry», entschuldigt er sich dann, keine Zeit. Er hat viel über die Grundlagen des Erfindens nachgedacht. Neue Techniken, fordert er in «Principles of Design», sollen einfach, modular, dezentral und erweiterbar gestaltet werden.
Als Tim Berners-Lee zu Beginn der achtziger Jahre erstmals mit Hilfe eines Pascal-Compilers in einem Büro des Kernforschungszentrums Cern in Genf sich mit der Entwicklung eines Programms beschäftigte, das Ideen des World Wide Web vorwegnahm, nannte er das Projekt «Enquire within upon Everything», in Anlehnung an ein viktorianisches Ratgeberbuch, das er als Kind in der Bibliothek seiner Eltern gesehen hatte. Seine Eltern waren Mathematiker und arbeiteten an der Entwicklung eines der ersten kommerziellen Computer.
Einmal, so erinnert er sich in seiner Autobiographie, habe sein Vater die Frage aufgeworfen, ob es wohl möglich sei, einen intuitiven Computer zu bauen, der in der Lage wäre, Assoziationen zu verknüpfen wie das menschliche Gehirn. Diese Frage hat den Sohn noch während seiner Studienzeit in Oxford beschäftigt. «In einer extremen Ansicht ist die Welt nichts anderes als eine Sammlung von Verweisen. Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Stück Information allein dadurch definiert wird, womit es wie verbunden ist.»
Am Cern entwickelte Berners-Lee seine Idee einer Software weiter, «die alles mit allem verknüpft». Dabei musste er auf eine heterogene Informatik-Umgebung und den individualistischen Arbeitsstil von Wissenschaftern aus aller Welt Rücksicht nehmen. Undenkbar, hier eine zentralistische Lösung zu verwirklichen, die auf ein einzelnes Betriebssystem ausgerichtet ist und von den Benutzern straffe Disziplin fordert. Er studierte vorhandene Lösungsansätze sehr genau und stützte seine Software darauf ab, er respektierte die etablierten Internetstandards und die gängigen Verfahren der elektronischen Dokumentenverwaltung. Noch im September 1990 hoffte er, das Web nicht erfinden zu müssen. Er glaubte, dass sich seine Ideen durch geringfügige Modifikationen von bestehenden Programmen realisieren liessen, stiess aber überall auf Unverständnis.
So begann er im Oktober 1990 auf einer Unix-Maschine Software zu schreiben, im November waren ein Webbrowser und ein Webserver fertig. Am Weihnachtstag 1990, wenige Tage bevor seine Frau ihr erstes Kind zur Welt brachte, wurde der erste Webserver – info.cern.ch – aufgeschaltet. Im Juli 1991 wurden pro Tag 100 Dokumente von info.cern.ch aufgerufen; ein Jahr später waren es 1000, 1993 10 000 pro Tag. Heute wird etwa das Suchformular von Google 200 Millionen Mal pro Tag aufgerufen.
Im Dezember 1994 veröffentlichte dann die US-Firma Netscape ein Programm namens Navigator, das sehr einfach zu bedienen war und rasch viele Anhänger fand. Acht Monate später wagte Netscape den Gang an die Börse, am Abend des ersten Handelstages war die Firma 4,4 Milliarden Dollar wert. Die Leute fragten ihn oft, berichtet Berners-Lee, ob er es nicht bereue, mit dem Web nicht mehr Geld verdient zu haben. Nein, er bereue es nicht. «Was mich aber bedrückt, ist, wie wichtig diese Frage – vor allem in den USA – vielen Leuten ist. Es macht mich verrückt, dass die Bedeutung einer Person nur in Geld gemessen werden soll.»
Im Sommer 1994 verliess Berners-Lee mit seiner Familie sein Häuschen in der Nähe von Genf und übersiedelte nach Boston. Am MIT übernahm er die Direktion des World Wide Web Consortium. Der Grundstein für das W3C war Anfang 1994 anlässlich eines Treffens zwischen Berners-Lee und dem MIT-Professor Michael Dertouzos gelegt worden. Die beiden trafen sich in einem «netten» Café in der Zürcher Altstadt, «over some characteristic Zurich-style veal and Rösti».
Vom Teilchenbeschleuniger geriet Berners-Lee in einen Hexenkessel. Das Web entwickelte sich rasend schnell, bald bildete es den Nährboden für eine boomen de Industrie. Netscape und Microsoft führten im «Brow ser-Krieg» einen gnadenlosen Kampf um Marktanteile. Berners-Lee stand zwischen den Fronten. Man erwartete von ihm, dass er die Sprache, die er für die Darstellung von Webinhalten entwickelt hatte – die Hypertext Transfer Markup Language (HTML) –, laufend erweitern würde. Man wollte grafisch immer verrücktere Webseiten gestalten und die Nachfrage nach immer neuen Browser-Versionen anheizen. Berners-Lee entzog sich durch einen Sprung auf die Metaebene: Er schuf die Extensible Markup Language (XML), eine Sprache zur Definition von Markup-Sprachen, die es dem Anwender überlässt, einen Wortschatz festzulegen. XML hat sich durchgesetzt und prägt heute das Web.
Das Web wurde immer mehr zum Abbild der wirklichen Welt. Nicht nur Gutes, Wahres, Schönes fand sich darin, sondern auch Dummheit, Gewalt und Niedertracht. Immer lauter wurde die Forderung nach Zensur, gleichzeitig erhoben sich Gruppen, die selbst die Einschränkung von krasser Pornographie als Angriff auf die Meinungsfreiheit bekämpften. Berners-Lee und das W3C standen mittendrin, attackiert von beiden Seiten. Wiederum bot sich der Sprung auf die Metaebene als Rettung an: Es wurde nicht einfach ein System zur Bewertung von Webinhalten geschaffen, sondern ein System zum Umgang mit solchen Systemen.
Die Platform for Internet Content Selection (PICS) sieht vor, dass Website-Betreiber ihre Inhalte gemäss einem standardisierten Fragebogen mit maschinenlesbaren Codes versehen, während Gremien mit möglicherweise sehr verschiedenen Weltanschauungen Kriterien entwickeln, wie die Codes vom Browser des Benutzers interpretiert werden: Während an einem Ort ein unverschleiertes Frauengesicht vielleicht bereits als pornographisch gilt, wird andernorts ein Foto voller nackter Menschen im Nudistencamp als natürlich empfunden.
PICS erlaubt die Koexistenz verschiedener Bewertungssysteme. Auf seiner Grundlage wurde der W3C-Standard Resource Description Framework (RDF) geschaffen. RDF erlaubt es, Webinformation nicht nur entlang den Achsen «Sex–kein Sex» oder «gewalttätig –friedlich» einzuordnen, sondern Bedeutung gemäss beliebigen Ordnungssystemen festzulegen.
Wie also weiter mit dem WWW? Von Anfang an war es Berners-Lee ein Anliegen gewesen, ein Kommunikationssystem zu schaffen, das Menschen, aber auch Maschinen miteinander verbindet. «Ich hatte die Hoffnung, dass das Web ein Werkzeug sein würde, mit dem wir einander besser verstehen und effizienter zusammenarbeiten können», sagte er 1999 in einem Vortrag. «Es gibt aber noch eine zweite Hälfte dieses Traums, und ich muss zugeben, dass ich mich anfänglich nicht getraute, darüber zu reden. Die Hoffnung nämlich, dass dieses Kommunikationsmedium auch den Maschinen zugänglich würde.»
Die zweite Hälfte des Traums ist die Zukunft des WWW. Sie heisst «Semantic Web», und Berners-Lee wird nicht müde, darüber zu reden. Das Web ist zurzeit vor allem ein Mechanismus zum Verteilen von Dokumenten. Die Computer machen sich nützlich, indem sie unermüdlich auch weit entfernte Dokumente apportieren. Wenn es aber um die Auswertung von Dokumenten geht, liegen ihre Fähigkeiten brach. Im Semantic Web sollen den Daten Metadaten beigegeben werden, die etwas über die Daten aussagen: der Inhalt von Webseiten soll maschinell verarbeitbar werden.
Das nützt den Menschen. Denn damit können auch komplizierte Transaktionen, bei denen viele Quellen konsultiert und abgeglichen werden müssen, automatisiert und mit einem Mausklick erledigt werden. Zum Beispiel das Ausfüllen der Steuererklärung, wenn ein digitaler Assistent alle nötigen Unterlagen selbständig zusammensucht und auswertet.
Gäbe es im Web eine Königin, könnte sie alles, was existiert, in ein einheitliches Begriffssystem einpassen, mit zentral verwalteten Codes versehen und mit klar definierten Attributen ausstatten. Und sie könnte den Webentwicklern aller Länder vorschreiben, diese und nur diese Begriffe, Codes und Attribute zu verwenden. Das Problem ist, dass es im Web einen Sir Tim gibt, aber keine Königin. Und darum kein standardisiertes Verfahren, um maschinenlesbar festzuhalten, dass eine Aktiennotierung keine Hallenbadöffnungszeit oder eine ISBN-Nummer kein Vorname ist.
Der Bauplan für das Semantic Web sieht vor, dass den auf einem Webserver lagernden Informationen neben den Metadaten auch noch Logikregeln zugeordnet werden. Aus einer Dokumentendeponie wird also zunächst eine Art Datenbank, dann ein System, das Informationen verschiedener Webseiten miteinander verknüpft und durch logische Schlussfolgerungen zusätzliche Informationen generiert. Nicht immer nur richtige: Wird an einem Ort festgehalten, dass Hunde zwei Ohren besitzen, und an einer anderen Stelle, dass Sokrates zwei Ohren hat, liesse sich folgern, dass Sokrates ein Hund gewesen sein muss.
Wenn er versuche, die Architektur des Semantic Web zu erklären, schreibt Berners-Lee in seiner Autobiographie, ernte er heute dieselben ablehnenden Reaktionen wie 1989, als er das globale Hypertext-System vorschlug. Der Bauplan für das «neue Web» sei – wie vor 15 Jahren der Vorschlag für das heutige Web – unfertig und umfasse nicht nur technische, sondern auch soziale und philosophische Elemente. Er ist aber überzeugt, dass eine Handvoll begabter Hacker genüge, um das Semantic Web Realität werden zu lassen.
Es gibt keine Grossbaustelle der Informatik, die nicht Ziel von Protestmärschen geworden ist. Microsofts Versuch, mit Trusted Computing die Computer sicher zu machen, das Digital Rights Management, mit dem die Unterhaltungsindustrie ihre Verwertungsrechte schützen will, Funk-Etiketten, mit denen der Warenfluss besser zu kontrollieren ist: All diese Initiativen stossen auf lautstarke Opposition. Die Semantic-Web-Idee hat aber bisher kaum Echo hervorgerufen. Sei es, dass die W3C-Standards technisch zu kompliziert und schwierig zu begreifen sind; sei es, dass die Internetbranche – von der konjunkturellen Baisse der vergangenen Jahre besonders hart getroffen – die Lust an Visionen verloren hat.
Den ersten Bauplan für ein Semantic Web publizierte Berners-Lee 1998. Seither haben er und seine treuen Mitstreiter Dutzende von Aufsätzen zum Thema auch in populären Zeitschriften veröffentlicht. Dennoch scheint das Semantic Web nach wie vor eine Angelegenheit fast nur von Wissenschaftern zu sein. Die Industrie zeigt kaum Interesse. Microsoft, IBM und andere Schwergewichte haben – obwohl alle Mitglied des W3C sind – begonnen, Teile der Semantic-Web-Vision als «Web Services» von einer eigenen Organisation als Standards absegnen zu lassen. Web Services sollen E-Commerce- Abläufe automatisieren. Offenbar wollen die Branchen führer nicht riskieren, dass ihre Vorstellungen im W3C zerredet werden.
Beliebt ist das Semantic Web vor allem bei Wissenschaftern, die sich mit Fragen der Wissensrepräsentation beschäftigen. Wissensrepräsentation ist eine Möglichkeit, das Schimpfwort «künstliche Intelligenz» nicht auszusprechen und es doch zu meinen. Berners-Lee jedoch betonte bereits 1998, dass das Semantic Web damit nichts zu tun habe. Es gehe lediglich um die Fähigkeit von Maschinen, klar definierte Probleme zu lösen durch das Ausführen von klar definierten Abfolgen von Arbeitsschritten auf der Basis klar definierter Daten. Eine Maschine müsse Bedeutung nicht verstehen, um den semantischen Test zu bestehen: Dieser bestehe darin, dass die Maschine, nachdem man sie mit Daten gefüttert hat, «das Richtige tun wird».
Aus den Wissenschaftszirkeln, die sich mit dem Semantic Web beschäftigen, hört man leises Stöhnen («Pedantic Web») über die immer neuen Sprachen, Schemata, Spezifikationen, die das W3C produziert. Selten bricht Kritik offen aus, wie ein Mitarbeiter des Onlinedienstes XML.com schreibt. «Die Leute verlassen sich völlig unkritisch auf Berners-Lee. Mehrmals hörte ich sagen, er müsse von öffentlicher Kritik ausgenommen werden, denn die Verwirklichung des Semantic Web brauche seine Reputation mehr als alles andere. Die Idee scheint zu sein: Tim hat es einmal geschafft, Tim wird es wieder schaffen.»
Stefan Betschon ist Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ.