NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf   Inhaltsverzeichnis

Mein blecherner Freund

Der Fotoautomat an der Badenerstrasse in Zürich macht seit vierzig Jahren vier Bilder für einen Franken. Seine Fans wissen die Gutmütigkeit des alten Kastens zu schätzen.

Von Viviane Manz

Mit dreiundzwanzig Jahren entschied ich, mein Leben aufzuzeichnen. Auf die Idee kam ich durch den alten Passfotoautomaten bei mir um die Ecke, an der Badenerstrasse beim Kino Plaza. Und weil ja auch für die Fotografin Nan Goldin die Fotografie ein Mittel war, ihr Leben festzuhalten; damit sie wusste, dass es wirklich passiert war.

Also setzte ich mich bei jeder Gelegenheit in den rostroten Kasten, warf einen Franken in den Schlitz und machte eine Viererserie Schwarzweissfotos. Mit der neuen Brille. Mit zwei Freundinnen und dreimal verschmierter Wimperntusche auf der Flucht vor dem ersten Tageslicht nach einer langen Nacht. Mit kunstvoll geflochtenen Haaren und abgemagert nach der Rückkehr aus Afrika. Mit der grossen Liebe, als wir schon wussten, dass es mit uns unmöglich war, es aber trotzdem nicht glauben wollten. Auf dem Weg zur nächsten Brücke, von der ich mich stürzen wollte und es dann auf morgen verschob, da ich nun schon fast zu Hause war.

Ich bin nicht die Einzige, die ein inniges Verhältnis zu meinem Automaten hat, und muss ihn mit vielen anderen teilen. Annette, aus Deutschland nach Zürich in den Kreis 4 gezogen, Architektin, macht darin Fotos mit allen Bekannten und Verwandten, die zu Besuch kommen. Nina, Schauspielerin und neuerdings Mutter einer Tochter, schiesst an der Badenerstrasse ihre Familienfotos. Alexis, noch auf der Suche nach seinem Beruf, geht immer zum Plaza-Automaten, wenn er Fotos für eine Bewerbung braucht. Und seit die Abende wieder wärmer sind, bilden sich an den Wochenenden vor dem Kasten kleine Knäuel von schöngemachten Leuten im Ausgang, die ihre Köpfe über den noch feuchten Fotostreifen zusammenstecken.

Die hemmungslosesten Anhänger aber sind Kinder und Jugendliche. Ein Ausflug zum Automaten gehört zu ihren liebsten Samstagnachmittag-Beschäftigungen. Sie investieren ihr Taschengeld in die Schwarzweissfotos, auf denen die Augen von dramatischem Dunkel sind und die Haut schneewittchenweiss. Verhasste Pickel unterschlägt der gutmütige Automat einfach. Die kleinen Bilder werden ausgetauscht und die Portemonnaies immer dicker, vollgestopft mit Beweisen des grossen Freundeskreises.

Dass die Teenager mit ihrer Begeisterung zum Aussterben der alten Automaten beitragen, ist das Tragische an der Geschichte. Viele Standorte der Einfränkler-Kästen sind wegen der vielen Kinder gekündigt worden, sagt Martin Balke, der zusammen mit seinem Bruder die letzten analogen Schwarzweissfotoautomaten in der Schweiz betreibt. Den Ladenbesitzern und Kioskfrauen, die neben der Grossattraktion ihre Geschäfte hatten, waren die quiekenden Teenies zu laut.

1960 hatte Martin Balke in Zürich seinen ersten Fotoautomaten aufgestellt, importiert aus Amerika. Den an der Badenerstrasse: meinen. Vier verschiedene Passfotos aus dem Automaten kosteten schon damals einen Franken. Alle hätten ihm vom Automatengeschäft abgeraten, alle hätten gesagt, niemand werde da reingehen, erzählt Balke. Die Leute seien erst hinter dem Vorhang verschwunden, nachdem sie sich vergewissert hätten, dass sie nicht beobachtet würden. Keiner sollte wissen, dass man sich den richtigen Fotografen nicht leisten konnte oder wollte. Natürlich seien die Fotografen verärgert gewesen, dass ihnen eine Maschine Konkurrenz machte, sagt Balke, der aus einer Familie von Technikern und Wissenschaftern stammt.

Heute erzählen ihm manche seiner Kunden, dass schon ihre Grosseltern an der Badenerstrasse Fotos gemacht hätten, sagt er mit der Genugtuung des Unternehmers, der recht bekommen hat. Als er sich mit den Automaten selbständig machte, hatte er noch keine Verantwortung für eine eigene Familie. Wäre es schiefgelaufen, hätte er nur sich selbst in Schwierigkeiten gebracht, sagt er.

«Fotografiere dich selbst! Fotos für Pass, Ausweis, Andenken, Identitätskarte, Spassfotos», steht hinter der zerkratzten Plasticscheibe an der Aussenwand. Und weiter unten: «Photos may be taken when green light is on» – bereit, wenn die grüne Lampe leuchtet. Sie leuchtet fast immer. Balke, der heute noch ein halbes Dutzend alte Amerikaner betreibt, alle im Grossraum Zürich, kontrolliert den Automaten an der Badenerstrasse täglich auf seinem Rundgang. Nicht weil etwas an der Maschine kaputt wäre, die sehr zuverlässig funktioniert und nur selten gewartet werden muss, sondern um Abfall wegzuräumen, Kleber vom Gehäuse abzuschaben, Sprayereien wegzuschrubben. Manchmal deponieren die Leute ihren Haushaltabfall sackweise in der kleinen Kabine. Wenn doch einmal etwas kaputt ist, muss Martin Balke die Ersatzteile selber nachbauen, weil er sie nirgends mehr bestellen kann.

Balke hat die Spuren der Misshandlung entfernt und schliesst jetzt das riesige Schloss an der Stange auf, die die Tür zum Labor im Automaten versperrt, klappt die Vorderwand mit dem Münzeinwurf und dem Fotofenster auf. Er wirft einen Franken ein, es blitzt viermal, dann beginnen die groben, schwarzen Metallräder, -kolben und -zacken zu brummen und sich ruckartig zu bewegen. Fast ein bisschen ehrfürchtig blicke ich in die Innereien des vertrauten Freundes.

Eine Zange greift nun den belichteten Streifen Positivpapier, das nur noch für Balkes Unternehmen hergestellt wird, und tunkt ihn in den ersten von zwölf kreisförmig angeordneten Behältern, in den Entwickler. Zieht ihn wieder raus, fährt fünf Zentimeter weiter, tunkt ihn in die nächste Brühe. Der Streifen wird gebleicht, geklärt und nochmals entwickelt, dazwischen mehrmals in Wasser gespült. Diese Methode ist über 100 Jahre alt. Zweieinhalb Minuten nach der Aufnahme spuckt der Automat den Streifen an der Aussenseite aus, auf dem er viermal eine Zehntelsekunde verewigt hat. Weil die Fotos zweimal entwickelt wurden, halten sie für die nächsten 100 Jahre, sagt Balke. Nicht wie gewöhnliche Schwarzweissfotos, die nur einmal entwickelt, dafür fixiert werden und die schon bald vergilben.

«Die Technik kann man nicht aufhalten, Video- und Digitalautomaten sind die Zukunft», sagt Martin Balke, der zusammen mit seinen Kästen alt geworden ist und bald in Pension gehen möchte. In einigen Jahren werde auch mein alter Bekannter beim «Plaza» verschwinden. Zwar wirft der Automat im Laufe eines Jahres etwa 10000 Streifen aus, doch braucht es viele Einfränkler, um nur schon den Aufwand für das tägliche Putzen und Aufräumen zu decken. Zudem kommen die modernen Automaten ohne Chemikalien aus. Und heutzutage wollten alle farbige Bilder, sagt Martin Balke. Wie zum Beweis taucht ein junger Mann beim Automaten auf und zieht achselzuckend wieder ab.

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