NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Der Tellerwassersprung

Von Wolfgang Bürger

FLUGZEUGE, die schneller als der Schall fliegen, kann man nicht kommen hören. Sie überholen ihren eigenen Schall. Wenn sie schon längst über uns hinweggeflogen sind, gelangt ein kurzes «beng-beng» von den Ausläufern des Überschallknalls in unser Ohr, den die vom Flugzeug gestaute Luft erzeugt. Von da ab hören wir auch die Düsenmotoren grollen. Als vor Jahrzehnten das Zeitalter des Überschallflugs anbrach, war es eine Sensation.

Viel weniger Aufsehen macht ein ebenso dramatisches, aber alltägliches Phänomen, das dem Überschall nahe verwandt ist. Möglicherweise erleben Sie es jeden Tag in der Küche: einen «Wassersprung» auf dem flachen Teller, den Sie unter fliessendem Wasser abspülen.

Von dem scharfen Wasserstrahl, der im Zentrum auftritt, sehen Sie das Wasser in einer dünnen Schicht radial nach aussen schiessen und sich in einigem Abstand hinter einem Ringwall aufstauen, der einem Mondkrater ähnelt. Aussen strömt das Wasser langsam in dickerer Schicht weiter, die die gleiche Wassermenge führen muss, und fliesst endlich über den Tellerrand ab. Wie die Schallwellen in der Luft ein fahrendes Auto oder einen fliegenden Vogel von weitem ankündigen, melden Schwerewellen, die sich auf der Oberfläche der Flüssigkeitsschicht ausbreiten, den Stau vom Tellerrand nach innen bis zu dem Ringwall, wo eine Wasserwalze das vom Zentrum nach aussen schiessende Wasser aufnimmt und schlagartig bremst. Im Innern des Kraters fliesst das Wasser rascher, als die Oberflächenwellen laufen können, und spült sie stromab fort wie eine Überschallströmung die Schallwellen. Ebensowenig wie die Luft vor dem Überschallflugzeug dessen Ankunft erwartet, ist das schiessende Wasser auf die Flutwelle vorbereitet, die ihm entgegenkommt.

Wenn Sie demnächst an einem Flusswehr vorbeikommen, können Sie ein ähnliches Phänomen sehen: Der auf der Steilstrecke beschleunigte Strom wird von einem Wassersprung am Fuss des Wehrs aufgefangen.


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