NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Konzessionslos

© Illustrationen aus dem Buch «K...
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Logos und Flyer von Schweizer Piratenradios. Linktext
Im Sommer 1977 gingen 28 Polizeipatrouillen und 2 Helikopter auf die Jagd. Sie fassten drei durchnässte Gestalten und einen Rucksack mit dem Sender drin:Radiopiraten.

Von Karl Lüönd

Selber schuld! In seinen frühesten Zeiten hat sich der Schweizer Staatssender Radiobastler und Piratenfunker förmlich herangezogen. Im Mai 1923 wurden dem staunenden Zürcher Publikum zum ersten Mal die Errungenschaften der «drahtlosen Telephonie» vorgeführt, und zwar mit einem «Fernkonzert» aus der Tonhalle. Ein Jahr später nahm die Radiogenossenschaft Zürich den Betrieb auf. Der auf dem Hönggerberg stationierte Sender erreichte bald Zehntausende von Haushalten.

Viele Radioempfänger waren unter kundiger Anleitung im Radiobauverein gebastelt worden. Für einen «Detektorapparat» brauchte es nichts weiter als vier Rasierklingen, sechs gebrochene Stricknadeln, Klingelspulen mit Kupferdraht, Holz, Faden und Druckknöpfe. Radio war eben wirklich ein Barfussmedium. Das machten sich zwei Generationen später auch die Radiopiraten zunutze.

Vor allem aber war Radio immer etwas Besonderes in der Schweiz. Zeitungen gab es viele, Radio aber nur eins. Im Gegensatz zu den gedruckten Medien bewegte es sich von Anfang an in einem streng regulierten Markt. Aus Angst vor Spionage beanspruchte zunächst das Militär die Kontrolle über das neue und unvertraute Medium. Am liebsten hätte es jede zivile Nutzung verboten.

Schon in seinem gravitätischen Namen trug der «Schweizerische Landessender Beromünster» das ganze Gewicht der Amtlichkeit vor sich her. Und was in den 1920er und 1930er Jahren von draussen reinsendete, lehrte die vorsichtigen Schweizer Politiker zweierlei: Rundfunk war faszinierend und wirkungsmächtig – und etwas, das man mit Vorteil unter strenger Kontrolle hielt. Man sah ja, was dieser Hitler damit anzustellen vermochte.

Sorgfältig waren in drei Studiogesellschaften die regionalen Interessen ausgeglichen worden. Eifersüchtig wurde der Sprachenföderalismus gehütet und der Bildungsauftrag kontrolliert. Jahrzehntelang war das Radio im kollektiven Bewusstsein des Normalschweizers als Stimme der Obrigkeit hinterlegt. Das ging so weit, dass der Journalist Walter von Känel zugleich als innenpolitischer Chefkommentator und als Sprecher des Bundesrats amten konnte.

Das Radiomonopol diente in den 1950er Jahren ausserdem als selbstverständliches Präjudiz für die Inbesitznahme des Fernsehens durch die SRG und damit durch die Politik. Vor diesem Hintergrund war immer klar: Wer das Radiomonopol verletzte, griff eine zentrale Machtposition der Konkordanzdemokratie an und beging so etwas wie ein staatsbürgerliches Sakrileg. Nur so sind die Härte und der Aufwand erklärbar, mit denen hierzulande zu allen Zeiten sogenannte Radiopiraten verfolgt wurden. Je politischer deren Motiv, desto unerbittlicher die Jagd. Dabei war die Strafandrohung im Bundesgesetz über das Verwaltungsstrafrecht relativ gemässigt: Haft oder Busse bis 10 000 Franken.

«Am schlimmsten ist das Senden. Ich träume nachher noch die ganze Nacht davon. Die PTT-Leute waren schon sehr nahe, wir konnten aber immer verreisen, einmal durch den meterhohen Schnee – da kamen wir erst morgens um zwei nach Hause – und einmal über die Felder. Aber das ist so nervenaufreibend, man wird paranoid dabei. Jedes Auto, das in der Gegend auftaucht, ist ein möglicher Verfolger …»

Hier spricht ein Mitglied der Piratengruppe Bachtelkrähen, die 1979 im Zürcher Oberland konzessionslos zu senden begann. Angefangen hatte der politische Arm des Piratentums in der nahen Stadt 1976 mit den Wellenhexen. Sie stammten aus dem Umfeld der Frauenbewegung und thematisierten Gleichheitsprobleme und die Abtreibung. Als die PTT (der ehemalige Staatsbetrieb für Post und Telefon), wie immer unterstützt von einem starken Polizeiaufgebot, den Sender peilten, setzten sie einen Helikopter ein. Gefunden wurde ein verlassener uralter Sender; die Hexen waren – auf dem Besen? – entschwebt. Auf einem Flugblatt höhnten sie: «Wir brauchen keine Konzession und machen auch keine!»

Seit den 1970er Jahren bis an die Schwelle des neuen Jahrtausends hatte es immer drei Typen von Radiopiraten gegeben: die Politischen, die Bastler und die Kommerziellen. Inzwischen hat das Internetradio die Piraterie gegenstandslos gemacht. Auf dem Netz kann jeder senden, was er will.

Die Politischen: In aller Welt war das billige und mobile Radio als Sprachrohr für ambulante Bewegungen gesetzt. Der europäische Prototyp eines politischen Radioprojekts ist Radio Dreyeckland, das seit 1977 grenzüberschreitend sendet und ursprünglich dem Widerstand gegen die Atomkraftwerke Fessenheim, Wyhl und Kaiseraugst gewidmet war. Gesendet wurde von Anfang an in drei Sprachen. Die illegale Station wurde in dieser Sache zum Gegenmedium schlechthin.

Nach einer Razzia setzte sogar François Mitterrand seinen Namen unter eine Petition für die Legalisierung des Senders. Als er Staatspräsident wurde, trug er wesentlich dazu bei, dass dies dann auch geschah. Radio Dreyeckland sendet noch immer, seit Ende der 1980er Jahre legal aus Freiburg i. Br., freilich mit erweitertem, nach wie vor dezidiert linkem Themenspektrum. Immer wieder haben die Dreyeckland-Funker übrigens betont, die Schweizer PTT-Behörden seien bei den Verfolgungsaktionen am rabiatesten vorgegangen. Ebenfalls 1977 meldete sich Radio aktiv Freies Gösgen. Auch hier bestätigte sich die Regel: Je politischer der Sender, desto grösser der Verfolgungseifer und der Aufwand. Ende Juni wurden 28 Polizeipatrouillen der Kantone Solothurn und Aargau sowie 2 PTT-Helikopter aufgeboten. Gefasst wurden drei durchnässte Gestalten und ein Rucksack mit dem Sender drin.

Im Umfeld der Zürcher Krawalle von 1980 organisierten Radio Banana und Radio Packeis – zeitweise direkt aus dem AJZ an der Limmatstrasse – die gewalttätigen Demonstrationen. Radio Packeis sendete auch Anleitungen zum Bau von Molotowcocktails. Etwas entspannter schien – auf beiden Seiten – die Szene in der Westschweiz zu sein. In Genf meldete sich 1978 pünktlich um 20 Uhr Radio Pirate 101 mit einer kessen Mischung aus Pop und Politik. Auf einem Flugblatt versprachen die Piraten: «Auf geht’s mit Jubel, Trubel, Heiterkeit und Subversion. Es lebe die Revolte! Nieder mit der Sklavenarbeit!»

An der Schnittstelle zwischen Unterhaltung und Politik beziehungsweise mit dem einen als dem Transportmittel für das andere bewegt sich noch heute etwa die freie Radioszene in Brasilien. Dort gibt es mindestens fünftausend Radiostationen ohne Lizenz. Sie pflegen Off-off-Musiker und -Sänger, die bei den grossen kommerziellen Stationen nicht landen können, organisieren aber auch das Gemeinschaftsleben in den Favelas und sind ungemein populär.

Die Bastler: Sie waren fasziniert von der einfachen und billigen Radiotechnik. Ein Sender mit einer Ausgangsleistung von 5 bis 25 Watt, ein Kassettentonbandgerät, eine Batterie, eine Antenne – fertig! In Italien, wo Privatsender früher als anderswo zugelassen wurden, war so etwas im Handel für 2500 Franken fixfertig zu haben. Geschickte Bastler schafften es aber auch mit weniger als 1000 Franken.

Hin und wieder waren die Piraten dem gemütlichen Schweizer Monopolbetrieb auch technisch voraus. Als 1976 in Zürich Radio Atlantis auf Sendung ging, schien sich die SRG beinahe ein bisschen zu schämen, denn das illegale Programm wurde in Stereo ausgestrahlt, was das legale Monopolradio damals noch nicht konnte. Schnell schoben PTT und SRG die Begründung nach, sie hätten das ganze Land gleichmässig zu versorgen und das dauere eben ein Weilchen.

Es war ein lustiges Jagen. Stolz vermeldete zum Beispiel 1981 die Kantonspolizei Schwyz, sie habe «den Aktivitäten des ersten Märchler Privatsenders ein vorläufiges Ende gesetzt». Die Suche nach diesem Sender, der sich Radio Saturn nannte, hatte fast ein Jahr gedauert. Und um Radio Atlantis auf dem Etzel auszuheben, rückten die PTT mit fünfzehn Beamten an und liessen sich von der Polizei begleiten. Mitunter wurden Peilhelikopter ein- und hinterher den Radiopiraten auf die Rechnung gesetzt, wenn es vor Gericht ging.

Dabei wollten die meisten dieser Radiopiraten ja nur spielen … In Luzern zum Beispiel meldete sich Radio Air Line mit dem Ziel, junge, unbekannte Musikgruppen aus der Region zu fördern. Matthias Ackeret, heute Chefredaktor der Kommunikationszeitschrift «Persönlich», sendete als Gymnasiast in Schaffhausen unter dem Label Radio Tutti Frutti. In einer Mietwohnung in Buchs bei Aarau verstummte Radio Jamaica, betrieben von einem jungen Elektrotechniker, dem die Musik des Landessenders zu langweilig war. Übrigens reduzierten die Gerichte immer wieder die unverhältnismässigen Strafanträge der PTT. Der Verteidiger des Radio-Jamaica-Initianten machte vor dem Bezirksgericht Aarau geltend, der Pirat habe «den sogenannten Geschädigten, den erstaunten Radiohörern, zumeist sogar Freude bereitet». In diesem Prozess wurde sogar ein Sympathisant gebüsst, weil er Kleber zugunsten des Piraten verkauft hatte.

Die Kommerziellen: Hartnäckigster Radiopirat jener Tage war der Zürcher Rolf Gautschi (Radio Alternativ), der mehrmals erwischt wurde und unverdrossen weitermachte. Sein Motiv war klar: Spass bereiten und Werbung verkaufen, sonst nichts. Die Politischen unter den Piraten hasste er mindestens ebenso innig wie die Peilbeamten von den PTT; einmal wurde er nachts auf einem Feldweg angetroffen, weil er auf eigene Faust einen politischen Piratensender ausheben wollte. Ein andermal setzte Gautschi sogar Infrarot-Nachtsichtgeräte ein, um die Peilwagen früher zu erkennen. Gautschi trat später wieder als Betreiber eines Internetradios (Radio City) hervor. Diesen Namen wollte ihm Schawinski abkaufen, aber Gautschi sagt, er habe abgelehnt. Er starb 2003 in Vergessenheit.

Ob politisch, ob kommerziell: Bei den Hörern hatten die Radiopiraten Erfolg. Als der Pirat Peter Käppeli in einem Plattenladen in Zürich Wiedikon Autogramme gab, war das Lokal gestossen voll. Geschäfte, die Werbung buchten, freuten sich über eine deutliche Zunahme der Verkäufe. Die PTT schickten ihnen Drohbriefe wegen angeblicher Gehilfenschaft. Und als die Bachtelkrähen im Zürcher Oberland an einem 1. April eine Telefonnummer nannten, bei der man seine Wünsche für ein alternatives Fernsehprogramm deponieren konnte, läutete es im trauten Bäretswiler Heim von Fernsehdirektor Guido Frei pausenlos. Schwarzi Chatz, ein Sender aus der Zürcher Sponti-Szene, mobilisierte innert kürzester Zeit 300 Demonstranten gegen die zur Wehrschau einrollenden Panzer der Schweizer Armee – und das um 5 Uhr früh!

Die wahrscheinlich abenteuerlichste Radiopiratengeschichte mit Schweizer Beteiligung war freilich schon zu Beginn der 1970er Jahre in der Nordsee vor der holländischen Küste gelaufen. Ursprünglich finanziert von den Schweizer Erfindern der Bandenwerbung in Sportstadien, Norbert A. Gschwend und Cesar W. Lüthy, richteten die Zürcher Techniker Edwin Bollier und Erwin Meister einen ausgedienten Frachter als Radioschiff ein und räumten als Radio Nordsee International (RNI) mit einer bunten Mischung aus Hitparaden und Werbung auf Anhieb ordentlich ab. Die Discjockeys mussten für anstrengende Zweiwochenschichten auf dem Schiff bleiben und moderierten trotz Seekrankheit und tobenden Stürmen. Versorgt wurden sie von einem Tenderschiff, das manchmal von den Hafenbehörden am Auslaufen gehindert wurde; dann gab es tagelang nur Poulet zu essen.

Vor den Augen der internationalen Presse kam es zu einem endlosen Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden, aber auch mit der aggressiven Konkurrenz. Denn fast auf dem gleichen Breitengrad sendete schon der eingesessene Pirat Radio Veronica. Zeitweise bekämpften sich die Sender mit Entermanövern und eigentlichen Seeschlachten. Als RNI seinen Standort vor die englische Küste verlegte und in den Wahlkampf eingriff, begann die britische Post, den Piratensender zu stören.

In Anbetracht der drohenden Schliessung durch die niederländische Regierung startete RNI im Juli 1973 eine Legalisierungskampagne – jedoch vergebens. Konkurrenten streuten zeitweise sogar das Gerücht, der Popsender verbreite nach Sendeschluss Spionagebotschaften für die DDR. In der Nacht zum 1. September 1974 musste der Sendebetrieb (wie auch bei Radio Veronica) endgültig eingestellt werden.

Der Einzige, der aus dem Piratenstand als Multimillionär hervorging, war Roger Schawinski. Er profitierte gern vom Prestige der Radiopiraten und von ihren technischen Kenntnissen. In Beat Hirts Dokumentarfilm «Jolly Roger» (2003) über den Aufstieg von Roger Schawinski trat der Ingenieur Rudolf «James» Matter auf, der den Sender auf dem Pizzo Groppera gebaut hatte. Er verlor deswegen seine Stelle bei Brown, Boveri & Cie (BBC) in Baden und wurde von Schawinski fallengelassen.

Eigentlich hiess Schawinskis Projekt ursprünglich Radio Stella. Bevor er auch nur auf die Idee mit dem Namen Radio 24 gekommen war, verbündete er sich mit dem Kommerzpiraten Peter Käppeli (Radio Atlantis). Der verstand nämlich im Gegensatz zu ihm etwas von Technik. Später behauptete Käppeli, er sei auf die Idee mit dem Sendestandort Pizzo Groppera gekommen, Schawinski habe ihm sein Projekt geklaut – was dieser natürlich energisch bestritt.

Die Frage nach der korrekten Version muss offenbleiben. Käppeli konnte für diesen Artikel nicht befragt werden. Freunde sagen, er sei ausgewandert. Seine Spur hat sich irgendwo zwischen Singapur und Thailand verloren. Oder auf den Philippinen. Eine feste Adresse ist nicht bekannt. Bei Piraten ist das nun einmal so.

Karl Lüönd schreibt als Publizist regelmässig über Medienfragen. Im Frühjahr 2007 erscheint sein Buch «Verleger sein. Öffentliches Nachdenken über Menschen und Märkte» im Verlag Huber Frauenfeld.


Leserbriefe:

Zu Konzessionslos - NZZ-Folio Radio (03/07)

Ich bin auf einen Artikel im NZZ Folio aufmerksam geworden, dies im Zusammenhang mit einem Bericht zu meinen damaligen Aktivitäten um das Piratenradio Jamaica. Heute ist da vieles zum Schmunzeln dabei. Ich habe im Bericht auch Original-Protokolle und Strafverfügungen angehängt, ein Stück Schweizer Radiogeschichte. http://www.starforum.ch/forum/showthread.php?11-Piratensender-und-das-Radio-Fernseh-Monopol
Heinz Richner, Melchnau



Zu Konzessionslos - NZZ-Folio Radio (03/07)

Die Aussage Käppelis, er habe den Standort gefunden und Schawinski hätte sein Projekt geklaut, entspricht insofern der Tatsache, als Käppeli in der für diesen Zweck gegründeten Firma Radio Atlantis einen ehemaligen Dirketor der Fa. Ochsner, einen gewissen Herrn Mutter, mit den Marketingaufgaben betraute und dieser ohne Einverständnis von Käppeli das ganze Konzept inkl. des noch nicht ganz fertig ausgebauten Sender auf Groppera für 30'000 Franken an Schawinski verkaufte. Er habe aber von Schawinski dieses Geld nie erhalten sagte Mutter zu Käppeli. Ich selbst war damals mit Käppeli auf Groppera und half ihm, die Firma zu gründen. So viel ich weiss, hatte Käppeli bereits einige Werbezusagen und konnte aus entsprechenden Anzahlungen, mutmasslich von Ringier, auch die Stereo-Antenne kaufen und errichten. Es lag Käppeli viel daran, seinen Piratensender zu legalisieren, und er nutzte dazu eine Gesetzeslücke in Italien. Er hatte auch schon Verhandlungen in Südtirol für eine TV-Lizenz gestartet.
Hermann K. J. Fritsche, Mauren FL



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