«GEHEN SIE NACH XOCHIMILCO und fragen Sie nach dem Niñopan», sagte der junge Priester in der Kathedrale von Mexico City, als ich ihn fragte, ob er mir etwas über Wunder erzählen könne. «Dort wird man Ihnen Auskunft geben.» Xochimilco ist eine Vorstadt von Mexico City, bekannt als der Ort der «schwimmenden Gärten». Sie sind entstanden, nachdem die indianischen Einwohner einst grosse, mit Erde gefüllte Flosse zum Ackerbau auf ihrem See verankert hatten. Mais, Gemüse und Blumen werden dort nach wie vor angebaut, aber Xochimilco ist heute vor allem ein beliebtes Ausflugsziel. Am Wochenende, als ich den Niñopan zum erstenmal besuchte, tummelten sich auf buntgeschmückten Flossen einheimische Familien, Touristen, Musikgruppen und Verkäufer von Esswaren und Blumen in Scharen auf den Kanälen zwischen den «schwimmenden Gärten».
Wer den Niñopan besuchen will, muss ihn zuerst finden. Anders als die meisten Heiligenstatuen wird die Christkindfigur mit den sanften indianischen Gesichtszügen nämlich nicht in einer Kirche aufbewahrt. Der Niñopan lebt unter dem Volk - jedes Jahr wohnt er bei einem neuen Gastgeber, dem sogenannten Mayordomo. Dieser alljährliche Umzug an einen anderen Ort hat ihm auch seinen Namen gegeben: «Kind des Ortes», zusammengesetzt aus dem spanischen niño für Kind und dem indianischen pan für Ort. Ein Ladenbesitzer im Zentrum von Xochimilco weist mir den Weg zum diesjährigen Heim des Niñopan. Es ist nicht zu verfehlen, am Eingang zur Gasse, in der er wohnt, hat der Mayordomo einen grossen blauen Torbogen aus Holz aufgestellt, der mit Blumen und Tieren aus verschiedenfarbigen Maiskörnern und Bohnen verziert ist. Von hier an schmücken farbige Plasticgirlanden und Scherenschnitte den Weg. Nach ein paar Minuten gelange ich zu einem weiteren Torbogen. Hier steht das Haus des Mayordomo Daniel Chavez. Auf dem Dach wird die Anwesenheit des Christkindes von Xochimilco mit einem grossen roten Kometstern bezeugt.
Die Eingangshalle von Daniel Chavez' Haus ist für ein Jahr in einen öffentlichen Andachtsraum verwandelt worden. Die Hälfte der Halle und den durch eine Glasscheibe abgetrennten Vorhof nehmen Stühle und Bänke für die Gläubigen ein. Der Rest des Raumes ist ein Meer von Blumen in allen Farben. Davor brennen Kerzen neben ein paar Spielsachen, Geschenke für den Niñopan. Mitten im Blumenmeer steht wie ein Altar ein kleiner Tisch, darauf der Niñopan in einem langen weissen Kleidchen auf einem Holzstühlchen. Sein sanftes, zärtliches Gesicht strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus, seine Rechte ist zum Segnen der Gläubigen ausgestreckt. Seinen Kopf schmücken die sogenannten potencias, drei vergoldete Schmuckstücke, die aus einer kugelförmigen Basis und einem fächerförmig daraus hervorschiessenden Strahlenbündel bestehen - ein Symbol der Dreifaltigkeit. Auf einem Stuhl zur Rechten des Niñopan sitzt eine lebensgrosse Marienfigur.
Eine Gruppe von Frauen sitzt andächtig vor der Christkindstatue, während kleine Kinder beim Eingang mit Spielzeugautos beschäftigt sind. Aus dem Hof ertönen Gitarrenakkorde, jugendliche Musikanten machen sich zum Proben bereit. Sie gehören einer sogenannten Estudiantina an, einem Chor, der zu Ehren des Niñopan gegründet worden ist und diesen ein Jahr lang musikalisch begleitet. Sonst ist alles ruhig. Erst um acht Uhr abends werden sich der Raum und der Vorhof mit Gläubigen füllen, wenn das tägliche Rosenkranzgebet vor dem Niñopan stattfindet. Tagsüber ist der Niñopan sowieso meist unterwegs und macht seine Besuche.
Inzwischen ist der Mayordomo Daniel Chavez die Treppe heruntergekommen und begrüsst die Anwesenden. Eine Frau geht mit einer grossen weissen Kartonschachtel auf ihn zu. Sie stellt sich vor und erklärt, dass sie an der Reihe sei, am nächsten Tag den Niñopan bei sich zu empfangen. Die Vorfreude steht ihr ins Gesicht geschrieben. Der Mayordomo holt eine schwarze Agenda hervor, in der alle Verabredungen des Niñopan fein säuberlich festgehalten sind. Die Frau bestätigt den Eintrag mit ihrer Unterschrift und übergibt ihre Kartonschachtel. Darin verbirgt sich ein festliches weisses Kinderkleid, reich verziert mit Stickereien und kleinen Perlen. Sie hat es eigens für den Besuch des Niñopan in ihrem Heim anfertigen und, wie üblich, in der Kirche segnen lassen.
AM 2. FEBRUAR, am Tag der Candelaria (Maria Lichtmess), feiert Xochimilco sein grosses Fest. In Mexiko ist es Brauch, ein Neugeborenes nach vierzig Tagen der Kirche zu präsentieren. Beim Niñopan fällt dieser Tag auf Maria Lichtmess. Der Tradition entsprechend ist dies auch der Tag, an dem er zu einem neuen Mayordomo zieht. Selbst wenn der 2. Februar auf einen Werktag fällt, schliessen viele Geschäfte, und die Menschen strömen zu Tausenden zur feierlichen Zwölf-Uhr-Messe, bei der die Übergabe des Niñopan stattfindet. Da die Kirche San Bernardino, die Hauptkirche von Xochimilco, so viele Leute gar nicht fassen kann, wird die Messe auf dem grossen Vorplatz zelebriert. Musikgruppen und verkleidete Tänzer, sogenannte Chinelos, setzen dabei festliche Akzente.
Nach der Messe führt der Mayordomo den Niñopan in sein Heim, während die dichtgedrängten Gläubigen mit Blumen auf dem ganzen Weg die Strasse säumen. In seinem neuen Zuhause wird der Niñopan im Andachtsraum auf den Altar gesetzt. Hier können ihn die Gläubigen nun während eines Jahres besuchen. Das Fest der Übergabe geht im Haus des Mayordomo weiter. Jedermann ist eingeladen, der Hausherr verköstigt zahllose Gäste, Kapellen spielen - mit der Diskretion, die die Anwesenheit des Niñopan verlangt - zum Tanz auf.
Für den Mayordomo ist die Anwesenheit des Niñopan in seinem Hause die vielleicht grösste Ehre seines Lebens. Er ist bereit, dafür grosse finanzielle und zeitliche Opfer zu bringen. «Wer sich zur Verfügung stellt, macht sich zum Diener des Niñopan», sagt Enrique Martínez, der Sekretär der Versammlung der Mayordomos. Der Mayordomo ist rund um die Uhr im Einsatz, er muss den Niñopan zu Krankenbesuchen in Spitäler und Privathäuser bringen, täglich den Blumenschmuck in seiner «Kapelle» erneuern und den Gläubigen bei Festen und nach dem täglichen Rosenkranzgebet am Abend eine Stärkung anbieten. «Als Mayordomo muss man praktisch für ein Jahr seine Arbeit aufgeben», sagt Daniel Chavez. Er ist Arzt und kann zurzeit seinen Beruf höchstens noch ein paar Stunden pro Woche ausüben. Für den Niñopan hat er sein Haus neu gestrichen und renoviert. Auch von den Nachbarn wird erwartet, dass sie die Fassaden ihrer Häuser frisch streichen. Ein Mayordomo erzählt, dass er sogar eigens für den Empfang des Niñopan ein neues Haus gebaut habe.
Trotz der Aufopferung, die dieses Amt verlangt, ist das Interesse dafür grösser denn je. Über die Bewerbungen entscheidet die Versammlung der bisherigen Mayordomos gemeinsam mit dem in den sechziger Jahren bestimmten rechtlichen Vertreter des Niñopan. Ausschlaggebend für die Bewerber scheint nicht die Aussicht auf gesteigertes Ansehen zu sein, sondern der tiefe Glaube an die heilbringende Kraft des Niñopan. Wo er ist, soll es den Leuten gut gehen und kein Mangel herrschen. Es kommt auch vor, dass dieselbe Familie den Niñopan mehr als einmal beherbergt.
Die Mayordomos stammen in der Regel aus der Mittelschicht, in den letzten Jahren waren es Ladenbesitzer, Lehrer oder Ärzte. Sie müssen in der Lage sein, die nötigen Auslagen zu bestreiten und ihren Beruf vorübergehend aufzugeben. Auf der Liste der zukünftigen Mayordomos sind alle Plätze bis zum Jahre 2036 bereits vergeben. Samuel Anzures, Mayordomo der Jahre 1971 und 1993, meint, dass die Wartezeiten immer länger würden. Er selbst musste beim zweitenmal «nur» zwanzig Jahre warten. So kann es vorkommen, dass jemand krank wird oder stirbt, bevor er das ersehnte Amt übernehmen kann. Doch für solche Fälle ist vorgesorgt: Die Verpflichtung wird dann innerhalb der Familie weitervererbt.
NICHTS KANN DIE ERSTAUNLICHE VEREHRUNG des Niñopan besser erklären als die vielen Wunder, die er vollbracht haben soll. Die Lehrerin Mercedes erzählt, wie sie durch ihn von einem schweren Krebsleiden geheilt wurde. Nach zwei Operationen im August und September 1990 erklärten die Ärzte ihren Angehörigen, dass die Patientin nicht länger als ein paar Wochen überleben werde, wenn nicht ein Wunder geschehe. Mercedes hatte starke Schmerzen und erhielt alle drei Stunden Morphium. Eine Cousine brachte darauf den Niñopan an ihr Krankenbett.
«Es war gegen zehn Uhr nachts, als sie den Niñopan brachten», erinnert sich Mercedes. «Ich umarmte ihn, und da begann er zu schwitzen. Sie trockneten ihn mit einem Wattebausch und legten ihn auf meine Wunde. Er war nur etwa zehn Minuten bei mir, doch als er ging, hatten die Schmerzen aufgehört - für immer.» Ab sofort brauchte sie kein Morphium mehr und begann wieder normal zu essen. Die medikamentöse Behandlung wurde aber weitergeführt, bis die Ärzte sie endlich im Juni 1994 für voll genesen erklärten. Seither ist kein Rückfall eingetreten. «Ich verdanke ihm mein Leben», sagt Mercedes.
In einem anderen Fall wurde ein einjähriger Knabe nach dem Besuch des Niñopan von Leukämie geheilt. Seine Eltern haben ihn inzwischen bereits fürs nächste Jahrtausend als Mayordomo angemeldet. Besonders zahlreich sind die Berichte über die Hilfe des Niñopan bei Fruchtbarkeitsproblemen. Der Mayordomo Samuel Anzures erzählt von einem Ehepaar, das während zehn Jahren keine Kinder bekam und schliesslich den Niñopan um Zwillinge bat. Tatsächlich gebar die Frau darauf Zwillinge. In Fällen, wo der Tod unausweichlich ist, soll ein Besuch des Niñopan am Krankenbett ein ruhiges Sterben ermöglichen.
Als Zeichen der Dankbarkeit und Verehrung erhält der Niñopan jedes Jahr Hunderte von Geschenken. In seinem langen Leben hat er eine riesige Menge von Kleidern, Schuhen, Schmuck und Spielwaren angesammelt, die jeweils am 5. Februar nach einem schriftlichen Inventar in einem grossen Umzug zum neuen Mayordomo gebracht werden. Dort erhält der Niñopan neben dem öffentlichen Andachtsraum sein persönliches Schlafzimmer mit seiner eigenen Wiege sowie Räume für seinen Besitz. Diese Zimmer gehören zur Intimsphäre des Niñopan und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Oft muss der Mayordomo Verwandte oder Freunde um Platz bitten, um alles unterbringen zu können.
Dem Niñopan gehören nicht weniger als neun Schränke, doch die reichen für all seine Kleider bei weitem nicht aus; ihre Zahl soll laut Enrique Martínez zehntausend übersteigen. Darunter finden sich alle möglichen Kostüme, von der Indianertracht und dem St.-Niklaus-Mantel über den Smoking bis zur Mönchskutte und zum Papstgewand. Jeden Tag werden dem Niñopan neue Kleider angezogen, eine Arbeit, die traditionsgemäss ausschliesslich von Frauen besorgt werden darf. Geschenke für den Niñopan dürfen nicht weggeworfen werden, der Mayordomo kann allerdings gelegentlich ein Kleidungsstück oder ein Spielzeug einem Kind schenken. Und Leute, die dem Niñopan besonders ergeben waren, bekommen auf ihren Wunsch einen Gegenstand aus seinem Besitz mit ins Grab.
DER URSPRUNG DER BRÄUCHE, die sich um den Niñopan entwickelt haben, liegt im dunkeln. Auch für die Herkunft der Figur sind bisher keine gesicherten historischen Hinweise gefunden worden. Gemäss mündlicher Überlieferung hat die Anbetung des Niñopan aber eine jahrhundertealte Tradition, die bis zum Beginn der spanischen Kolonisierung zurückreicht.
Dieses Volkswissen wird durch zwei neuere Erkenntnisse gestützt. Vor ein paar Jahren wurde die Heiligenfigur vom Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte umfassend untersucht und restauriert, weil sie Zerfallserscheinungen aufwies. Die Restauratoren bestätigten, dass der Niñopan über 400 Jahre alt ist. Ausserdem wurde im Testament von Apochquiyauhtzin, dem letzten vorkolonialen Herrscher von Xochimilco, eine Stelle entdeckt, von der man glaubt, sie beziehe sich auf den Niñopan: Apochquiyauhtzin, der sich später auf den christlichen Namen Martín Cortés Cerón de Alvarado taufen liess, vermachte kurz vor seinem Tod im Jahre 1588 seinen Nachkommen eine Christkindfigur unter der Bedingung, dass zu ihren Ehren bis in alle Ewigkeit Weihnachtsmessen gelesen werden. Historische Quellen berichten, dass die Figur dann Mitte des siebzehnten Jahrhunderts der Bevölkerung von Xochimilco geschenkt wurde.
Es spricht deshalb einiges dafür, dass die Anbetung des Niñopan eine Folge der Missionierung durch spanische Franziskanermönche ist, die ab 1524 nach Mexiko kamen. Möglicherweise wurde der Niñopan in der Kunstwerkstatt des Klosters San Bernardino von Xochimilco angefertigt, wo die Mönche indianische Künstler in der Herstellung von christlichen Heiligenbildern unterrichteten.
Da es zur Strategie der Missionare gehörte, heidnische Götter durch christliche Figuren zu ersetzen, nimmt man an, dass auch der Niñopan die Rolle einer indianischen Götterfigur übernahm. Einer Figur, die die Bevölkerung von Xochimilco während der Jahrhunderte vergessen hat und die, so vermutet der Mayordomo-Sekretär Enrique Martínez, allenfalls noch im kollektiven Unbewussten existiert. Es gibt im übrigen auch heute noch vorchristliche Elemente in der Anbetung des Niñopan. So wird ihm beispielsweise jeden Tag Essen als Opfergabe vorgesetzt.
Anscheinend besteht aber ein ganz direkt nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Niñopan und der vorkolumbianischen Vergangenheit. Bei den Restaurationsarbeiten des Nationalen Instituts für Anthropologie und Geschichte wurden nämlich Röntgenaufnahmen gemacht, die zeigen sollen, dass sich im Innern des Niñopan eine vorchristliche Götterfigur verbirgt. Dies würde wohl bedeuten, dass die Schöpfer der Figur geschickt einen ihrer Götter hinter einem christlichem Antlitz versteckt haben, um ihn ohne Wissen der Missionare weiterhin anbeten zu können. Diese Entdeckung wird nicht an die grosse Glocke gehängt; Eingeweihte wollten sich nicht näher dazu äussern, aus Angst, sie könnten die Gefühle der Gläubigen in Xochimilco verletzen.
IN DEN LEGENDEN, die sich um den Niñopan ranken, in den Geschichten, die die Einheimischen über ihn erzählen, erhält er lebendige Züge. Seine Backen sollen je nach Stimmung eine andere Farbe haben, rötlich, wenn er zufrieden ist, und bleich, wenn er traurig ist. Mayordomos berichten, dass er manchmal nachts aufsteht, herumspringt oder sogar tanzt. Der bescheiden wirkende 66jährige Samuel Anzures ist immer noch sichtlich bewegt, wenn er und seine Frau in ihrem Laden ein solches Erlebnis erzählen. Es ereignete sich 1971, sie waren beide noch Lehrer, wenige Wochen nachdem sie den Niñopan bei sich aufgenommen hatten. Es ging gegen Mitternacht, die beiden sprachen im Schlafzimmer im ersten Stock gerade über das vergangene Fest vom 2. Februar, als sie plötzlich Schritte auf der hölzernen Treppe hörten und jemanden vor der offenen Schlafzimmertür vorbeihuschen sahen. Sie glaubten, es sei ihr siebenjähriger Sohn gewesen, aber als sie nachschauten, lagen alle Kinder in tiefem Schlaf. Da sie befürchteten, ein Dieb habe sich heimlich ins Haus geschlichen, kontrollierten sie die Türen, doch alle waren wie gewohnt verschlossen. Da erinnerten sie sich, dass das Volk erzählt, der Niñopan stehe nachts auf. Es sei dies für sie ein wundervolles Erlebnis gewesen, das sie nie mehr vergessen werden.
Manchmal spielt der Niñopan nachts mit seinen Spielsachen. Dann kann man das Klirren seiner Murmeln hören oder die Pfeife eines alten Zuges, seines Lieblingsspielzeugs. Es sei auch schon vorgekommen, dass am Morgen seine Spielsachen auf dem Boden verstreut herumlagen, nachdem der Mayordomo und seine Frau abends sein Zimmer aufgeräumt hatten. Vor dem Umzug zu einem neuen Mayordomo besichtigt der Niñopan in der Nacht manchmal heimlich seinen neuen Wohnort und kehrt mit schmutzigen Schuhen zurück. Wo er zugegen ist, sagen die Leute, ist immer alles im Überfluss vorhanden. Manchmal kämen zu seinen Festen wesentlich mehr Gäste als erwartet, doch das Essen sei noch nie ausgegangen.
WER IN XOCHIMILCO seiner Verehrung für den Niñopan in besonderer Weise Ausdruck geben will, organisiert ein Fest. Oft sind es Gläubige, die von ihm Hilfe erfahren haben und sich so bei ihm bedanken wollen. Schon ab Mitte Dezember kann man den zukünftigen Mayordomo bitten, dass er einem den Niñopan an einem bestimmten Tag überlässt. Verwandte und Freunde werden eingeladen, um das Ereignis mit einem grossen Festmahl, mit Musik und Feuerwerk zu feiern. Dafür ist dem Hausherrn keine Ausgabe zu schade. Alkohol ist allerdings in Anwesenheit des Niñopan nicht erlaubt.
Die wichtigsten dieser Feste sind die neun Posadas, die in Mexiko zwischen dem 16. und dem 24. Dezember gefeiert werden. Der Mayordomo sucht dafür sogenannte Posaderos, die je eine Posada organisieren und finanzieren. Um sieben Uhr morgens holt der Posadero, begleitet von Musikgruppen, den Niñopan beim Mayordomo ab. Zu Hause beginnen zwanzig, dreissig oder mehr Frauen das Essen für den Nachmittag zuzubereiten. Bis zu fünfzig Schweine werden jeweils für diesen Anlass geschlachtet - da die Feste öffentlich sind, nehmen entsprechend viele Leute daran teil. Am Mittag geht der Posadero mit dem Niñopan zur Messe, danach beginnt in seinem Haus das eigentliche Fest. Am Abend wird der Niñopan in einer feierlichen Prozession in sein Heim zurückgebracht. Krönender Abschluss des Tages ist ein grosses Feuerwerk beim Haus des Mayordomo.
Posaderos setzen für ihre Posada oft ihre ganzen Ersparnisse ein. Wegen der hohen Kosten und der schwierigen wirtschaftlichen Situation werden sie heute bis zu zehn Jahre im voraus angefragt. Eine Posada kostet mindestens 15 000 Dollar, Aufwendungen bis zu 40 000 Dollar sind durchaus üblich, selbst in Zeiten wirtschaftlicher Krise. Rodolfo Cordero, der ein Buch über den Niñopan geschrieben hat und sich seit Jahren mit der Geschichte Xochimilcos beschäftigt, glaubt, dass die Bereitschaft, solche Summen in ein Fest für den Niñopan zu investieren, ihre Wurzeln in der Zeit vor der Ankunft der Spanier hat. «Damals sind die Kaufleute der Region mit ihren Waren bis in die entferntesten Ecken des heutigen Mexiko gereist und mit vollen Geldbeuteln zurückgekehrt», sagt er. «Doch nach einer heilen Rückkehr war es Brauch, den grössten Teil des Geldes für aufwendige Feste zu Ehren der Götter auszugeben.»
NICHT IMMER PROBLEMLOS war das Verhältnis der lokalen kirchlichen Autoritäten zur Anbetung des Niñopan. Es scheint, dass der derzeitige Pfarrer der Kirche San Bernardino von Xochimilco, der Bischofsvikar Monseñor José Villicaña, den richtigen Ton im Umgang mit den Gläubigen gefunden hat, um die Wogen früherer Konflikte etwas zu glätten. Im Gespräch mit dem freundlichen Mittsechziger kann man sich gut vorstellen, dass er die Feste des Niñopan ebenso geniesst wie seine Gemeinde. Für den Pfarrer ist der Niñopan ein grossartiger Ausdruck der Volksreligiosität und ein hervorragendes Medium zur Evangelisierung der Bevölkerung; er warnt aber vor der Gefahr, dass die religiöse Verehrung in Götzendienst umschlägt. «In der katholischen Kirche», sagt der Pfarrer, «sollen die Heiligenbilder die Gläubigen an die Personen erinnern, die die Bilder darstellen. Sobald ein Heiligenbild selbst wie ein Gott behandelt wird, beginnt der Götzendienst.»
Mayordomos nennen allerdings auch noch andere Motive für das immer wieder unkooperative oder gar offen feindselige Verhalten der Kirche gegenüber dem Niñopan. Die Anbetung der Christkindfigur sei ihr ein Dorn im Auge, da sie sich ausserhalb der kirchlichen Kontrolle abspiele. In der Vergangenheit hätten die Gottesmänner mehrmals versucht, den Niñopan dem Volk wegzunehmen. Der Kirche werden dabei auch finanzielle Interessen unterstellt: «Sie möchte an das viele Geld herankommen, das für den Niñopan ausgegeben wird.»
Zum schwersten Konflikt zwischen dem Volk und der Kirche kam es in den sechziger Jahren, nachdem Reyes Chaparro die Leitung der Kirche San Bernardino übernommen hatte, ein junger, fortschrittlich denkender Pfarrer, der allerdings mit den lokalen Gegebenheiten nicht vertraut war. Als ehrgeiziger neuer Vorsteher der Hauptkirche von Xochimilco nahm er sich vor, dem heidnischen Kult um den Niñopan ein für allemal ein Ende zu bereiten und die Figur in den Besitz der Kirche zu bringen. Es scheint, dass er sich davon auch bedeutende zusätzliche Einnahmen für die Kirche erhoffte. Als die Leute seinem Ansinnen energisch Widerstand leisteten, weigerte er sich, in Anwesenheit des Niñopan Messen zu lesen. Der Streit führte zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, die im Versuch gipfelten, den Pfarrer zu lynchen. Beide Seiten erstatteten schliesslich bei der Generalstaatsanwaltschaft Anzeige.
Das Urteil fiel zugunsten der Bevölkerung von Xochimilco aus. Es legte fest, dass der Niñopan Eigentum der Nation sei, dass er aber angesichts der lokalen Bräuche so lange in der Obhut der Bevölkerung bleiben dürfe, als es noch Interessenten für das Amt des Mayordomo gebe. Wenn dies einmal nicht mehr der Fall sei, solle er in ein Museum für religiöse Kunst überführt werden. Ausserdem wurde Professor Fernando Arenas, ein Staatskundelehrer, der zusammen mit weiteren Bürgern stellvertretend für die Bevölkerung von Xochimilco geklagt hatte, mit der Aufgabe betraut, auf Lebzeiten als gesetzlicher Vertreter die Interessen des Niñopan wahrzunehmen. Glücklicherweise garantiert die lange Liste zukünftiger Mayordomos, dass dem «Kind des Ortes» das traurige Schicksal eines Schauobjekts in einer Museumsvitrine mindestens bis zum Jahr 2036 erspart bleibt.
Werner J. Marti berichtet aus Mexico City für die NZZ und andere deutschsprachige Zeitungen.